Top 200

Internationalität der Hauptstadt lockt Firmen an

Zunehmend ist Berlin ein Magnet für gut ausgebildete Akademiker aus dem Ausland. Das zieht wiederum Firmen an, die mehrsprachige Spezialisten suchen, etwa BASF, Eon und zahlreiche Gründer.

Foto: Lukas Schulze / dpa

Berlins Einwohnerzahl wächst stetig. 2014 sind unter dem Strich mehr als 40.000 Menschen nach Berlin gezogen, zwei Drittel davon kamen aus dem Ausland. Vor allem Studenten und gut ausgebildete Akademiker zieht es wegen der Dynamik der Stadt nach Berlin. Diese Internationalität schlägt sich auch auf die Standortfrage und Personalrekrutierung von Unternehmen nieder. Denn vor allem international agierende Unternehmen finden in Berlin passendes Personal.

So wie der Energiekonzern Eon, der nicht nur mit den Eon Business Services in Berlin vertreten ist, sondern auch die 2014 gegründete Digital Transformation Unit (DTU) von vorneherein in Berlin ansiedelte. „Für die DTU fiel die Standortfrage eindeutig für Berlin aus“, sagt Konzernsprecher Carsten Thomsen-Bendixen. Auch Barcelona und Istanbul waren in der Auswahl. „Die dynamische Start-up-Szene, die Internationalität der Stadt sowie Berlins Status als europäische Hauptstadt der digitalen Wirtschaft waren ausschlaggebend für die Wahl“, sagt Thomsen-Bendixen. Die DTU, die unter anderem die Digitalisierung des Kundengeschäfts von Eon über alle internationalen Märkte steuern und mit dem Bereich Technologie & Innovation zusammenarbeiten soll, hat bereits von den gut ausgebildeten Zuzüglern profitiert. Gutes Personal sei schnell zu finden gewesen, sagt der Sprecher, auch für die neue Online-Redaktion in Berlin, die er selbst aufgebaut hat.

Zalando ging ganz bewusst nach Berlin

Ähnliches gilt für Zalando. Die Unternehmensgründer haben 2008 mit Bedacht Berlin als Standort gewählt, weil die Stadt vor allem junge, qualifizierte Leute aus vielen Nationen anzieht. Diese Internationalität ist für das Unternehmen wichtig, das auf 19 Märkten vertreten ist und sein Geschäft komplett von Berlin aus steuert. Derzeit beschäftigt Zalando in Berlin 3500 Mitarbeiter aus 70 Ländern. Gefragt sind nicht nur Muttersprachler, die Mitarbeiter müssen sich auch auf ihren Landesmärkten auskennen, wenn sie beispielsweise im Mode-Bereich arbeiten.

Die Industrie- und Handelskammer Berlin beobachtet den Trend ebenfalls. „Die Berliner Wirtschaft wird immer internationaler. Dank der geistigen und kulturellen Vielfalt Berlins finden immer mehr Fachkräfte und Unternehmen sowie Innovatoren und Investoren aus aller Welt in Berlin zueinander“, sagt Melanie Bähr, stellvertretende IHK-Hauptgeschäftsführerin.

Vor allem bei international tätigen Unternehmen erreicht der Anteil ausländischer Mitarbeiter häufig zwischen 30 und 50 Prozent, und die Anzahl der Herkunftsländer liegt schnell bei 40 und mehr. Allein bei Delivery Hero, das 2011 gegründet wurde, sind 42 Nationen vertreten. Der Bringdienstvermittler verstand sich gleich als international agierendes Unternehmen. „Wenn man sich so versteht, ist es auch notwendig, internationales Personal einzustellen“, sagt Kommunikationschef Bodo von Braunmühl. Delivery Hero ist in 29 Ländern aktiv, Unternehmenssprache ist Englisch, eine weitere Sprache willkommen, vor allem wenn die Position einem Land zugeordnet ist. „Wir sind mit der Bandbreite der Bewerbungen sehr zufrieden“, sagt er.

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Aber auch Unternehmen mit klassischen Aufgaben sind auf internationale Mitarbeiter angewiesen. Beispielsweise BASF Services Europe, seit zehn Jahren aus diesem Grund in Berlin vertreten. Die Gesellschaft erbringt Finanz- und Personaldienstleistungen für mehr als 200 europäische, aber auch einige außereuropäische Tochtergesellschaften von BASF. Die Kommunikation in der Landessprache mit den jeweiligen Partnern erleichtert dabei die Zusammenarbeit.

Darüber hinaus sind bei den Finanzdienstleistungen auch Kenntnisse in den jeweiligen nationalen Rechnungslegungsstandards notwendig. „Da Berlin eine große Anziehungskraft ausübt, hilft uns der Standort Berlin bei der Stellenbesetzung eindeutig“, sagt Jens Christian Bechtold, Personalleiter der BASF Service. „Denn wir brauchen Sprachkenntnisse und Fachexpertise.“ Auch dank der breiten Hochschullandschaft Berlins finde das Unternehmen die passenden ausländischen Absolventen mit den notwendigen Kenntnissen.

Heiko Mühle ist Geschäftsführer der Personalberatung HRM Consulting, die vor allem auf den Gebieten IT, Marketing und Vertrieb in der Digitalwirtschaft aktiv ist. Seiner Einschätzung nach stellt zumindest in der Internet-Gründerszene „der Zuzug internationaler Fachkräfte für die Start-up-Szene, insbesondere bei IT-Fachkräften, eine sehr willkommene Entlastung dar.“ Doch er schränkt ein, dass „die Strahlkraft Berlins besonders für ausländische Fachkräfte hoch ist, aber leider nur ein geringer Anteil hiesiger Arbeitgeber im Recruiting Englisch als Arbeitssprache akzeptiert und die Mobilität innerhalb Deutschlands alle Unternehmen weiterhin vor große Herausforderungen stellt“. Insgesamt, sagt Mühle, sei der Arbeitsmarkt in Berlin durch die Internationalisierung sicherlich für Arbeitgeber mit internationalem Arbeitsumfeld entspannter.

„Alle müssen Englisch können“

Auch Rolls-Royce, weltweiter Hersteller von Antriebssystemen, verbucht die Internationalität Berlins als Vorteil. „Wir profitieren davon insofern, dass Berlin eine hohe Attraktivität für viele Menschen aus dem Ausland hat“, sagt Frank-Martin Hein, Leiter der Kommunikation für Europa und Afrika. Weil Rolls-Royce weltweit Standorte hat und Unternehmenssprache Englisch ist, ist die Personalrekrutierung des Unternehmens international ausgerichtet. „Alle müssen Englisch können“, sagt Hein. In Berlin wird Rolls-Royce auch oft fündig, beispielsweise bei Absolventen der Technischen Universität, die noch am Anfang ihrer beruflichen Laufbahn stehen.

Am Standort in Dahlewitz südlich Berlins arbeiten bereits Mitarbeiter aus rund 50 verschiedenen Nationen, viele von ihnen wohnen in Berlin. Dennoch, schränkt Hein ein, sei es mitunter schwierig, Stellen zu besetzen. Für ein laufendes Projekt, für das 200 Mitarbeiter eingeplant wurden, würden immer noch 80 erfahrene und hoch qualifizierte Spezialisten gesucht.

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