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„Talente, Technologie, Toleranz machen Berlin aus“

Wirtschaftswachstum, sinkende Arbeitslosenzahlen, jede Menge junge Menschen aus dem, Ausland: Berlin zieht Arbeitskräfte an. Stefan Franzke, Berlins oberster Wirtschaftsförderer, erklärt, warum.

Foto: Reto Klar

Berliner Morgenpost: Ist es in den vergangenen Jahren einfacher geworden, Unternehmen anzuwerben oder anzusiedeln?

Stefan Franzke: Inzwischen müssen Sie einem Investor Berlin nicht mehr erklären. Berlin ist bekannt, vor allem die Dienstleistungswirtschaft und die Start-up-Szene. Viele Unternehmen kommen nach Berlin, weil sie wissen, dass hier Bürger aus 180 Nationen leben. Und dass sie, wenn sie einen kaufmännischen Bereich aufbauen, der Märkte in Schweden, Spanien, in der Türkei, in Portugal bedient, hier die Leute finden, die diese Sprachen sprechen. Aber wir hatten im vergangenen Jahr auch Erfolge bei der industriellen Produktion.

In welchen Größenordnungen bewegt sich das? Können wir mit einem weiteren Siemens rechnen?

Das sind vor allem Mittelständler. In Adlershof haben wir eine Firma mit 50 Mitarbeitern angesiedelt, die für den industriellen Bereich Kühlaggregate herstellt. In der Elektromobilität haben die Firmen meistens am Anfang 20, 30 Mitarbeiter, aber durchaus Potenzial, wesentlich größer zu werden. Aber ein weiteres Siemens? Der Konzern hat 12.000 Mitarbeiter hier. Von solch einer Ansiedlung träumt ein Wirtschaftsförderer. Aber das wird nicht passieren. Man muss auf die vielen kleinen Projekte setzen, und das waren im vergangenen Jahr 234.

Wo kommen neue Mitarbeiter her?

Viele aus Deutschland, aber auch von überall in der Welt. Berlin hat in den vergangenen 20 Jahren fast die Hälfte seiner Bevölkerung ausgetauscht. 1,4 Millionen Einwohner, die neu dazugekommen sind. Und wenn ich das an mir festmache, dann zieht Berlin als Kulturmetropole, als Kreativmetropole, als die einzige Metropole Deutschlands, in der man sich verwirklichen kann. Und das noch zu im europäischen Vergleich recht moderaten Preisen.

Seit wann macht sich der Boom in Berlin richtig bemerkbar?

Wenn man sich die Statistik anschaut, zumindest, was den wirtschaftlichen Erfolg und die Wachstumsdynamik angeht, ist das in den vergangenen fünf Jahren passiert. Das hat viele Gründe. Wenn man das mal an den drei Ts des US-Ökonomen Richard Florida festmacht: Talente, Technologie, Toleranz. Technologie sind die vielen Hochschulen. Viele Leute kommen, wollen nur ein Jahr studieren und sind dann so begeistert, dass sie hier bleiben. Toleranz: Als Symbol dafür stand der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit, der sagte: Wir sind divers. Und mit 180 verschiedenen Herkunftsländern sieht man das ja auch in der Stadt mit allem, was dazugehört. Die Allermeisten empfinden das als sehr positiv. Und das zieht halt die Talente und bringt Wirtschaftsdynamik. Die Arbeitslosenquote geht runter, der wirtschaftliche Erfolg kommt.

Im vergangenen Jahr sind im Saldo 40.000 Einwohner dazugekommen. Bis 2020 sollen es weitere 200.000 werden. Welche Herausforderungen bringt das mit sich?

Wenn man sagt, es sind 40.000 hängen geblieben, ist die Wahrheit ja, das 170.000 gekommen und 130.000 wieder gegangen sind. Rein von den behördlichen Meldevorgängen ist das gewaltig. Und wenn darunter auch noch Menschen von außerhalb der EU sind, kann man sich vorstellen, was da allein für Behördengänge dahinterstehen. Wir bauen gerade unsere sehr gute Partnerschaft mit der Ausländerbehörde aus. Die Berliner Ausländerbehörde vergibt allein 110.000 Aufenthaltstitel im Jahr. Das ist ein Achtel von dem, was im Jahr in Deutschland vergeben wird.

Aufenthaltstitel?

Innerhalb der EU gilt Freizügigkeit. Aber wir haben ganz viele Neubürger, die von außerhalb Europas kommen. Die brauchen einen Aufenthaltstitel, um hier leben und arbeiten zu können.

Amerikaner.

Zum Beispiel.

Das sollte ja unproblematisch sein. Ich vermute mal, wenn ich aus dem Kosovo komme, wird es schwieriger.

Wir müssen daran arbeiten, auch diese Menschen willkommen zu heißen. Zu ändern, dass es nicht nur abfällig heißt: Das sind vielleicht Wirtschaftsflüchtlinge aus Krisengebieten, aber es sind zum Teil hochtalentierte Leute. Und die Herausforderung besteht darin, den Manager und die Führungskraft genauso zu behandeln, wie den Profifußballer bei Hertha BSC, wenn der aus dem Nicht-EU-Ausland kommt. Einfach willkommen heißen und schnell mit Arbeitserlaubnis und allem anderen versorgen. Das ist eine große Herausforderung.

Was machen Sie?

Wir haben seit 1. Januar ein neues Modell. Es wird unterschieden, ob der Ausländer investiert und eine Firma gründet oder ob er als Angestellter hierherkommt. Bei Angestellten, die aus Nicht-EU-Ländern kommen, gibt es kein Problem, wenn sie eine Hochschulausbildung haben. Allerdings holen Researchgate, Wooga und anderen Firmen aus der digitalen Wirtschaft ihre Talente zum Beispiel aus Lateinamerika und Asien. Die haben zum Teil nicht studiert, können aber programmieren. Da muss es jemanden geben, der beurteilt, ob wir die brauchen oder ob sie andere verdrängen. Die Stellungnahmen geben wir ab. Damit beispielsweise Programmierer, die hier gebraucht werden, bleiben dürfen, auch wenn sie keine formale Hochschulausbildung haben.

Wenn ich also aus Südkorea nach Berlin komme, muss ich mich erst einmal bei der Meldebehörde melden, dass ich hier arbeiten möchte.

Also: Meist haben die Interessenten schon Kontakt zu einer Firma. Und in Unternehmen wie Researchgate, Zalando, Rocket Internet und Wooga weiß die jeweilige Personalabteilung schon, dass Berlin Partner sagen kann, wie man vorgehen muss. Das mag aus Südkorea anders sein als aus Amerika oder Syrien oder Südafrika. Ausländerbehörde, Berlin Partner und die IHK qualifizieren da gemeinsam die jeweiligen Personalabteilungen, um tatsächlich einen möglichst schnellen Durchlauf zu haben.

Und die Investoren?

Die gehen über die deutschen Botschaften. Die sind ja noch nicht hier. Bei denen schauen wir uns auch die Businesspläne an und geben der Ausländerbehörde eine Rückmeldung, ob das eine Investition ist, die in den für Berlin – und auch Brandenburg – wichtigen Themen mitverankert ist.

Gesundheit, Informationstechnologie, Optik, Energie und Verkehr ...

... zusätzlich noch industrielle Produktion und Dienstleistungswirtschaft.

Gibt es noch genug Flächen in zentraler Lage?

Die Nachfrage nach Flächen wächst. Wir haben über Zuzug gesprochen, die Leute wollen irgendwo wohnen. Dazu kommt die nötige Infrastruktur: Supermarkt, Kindergarten, Krankenhaus, Parkplätze. Berlin war unter anderem so begehrt, weil Flächen für Kreative da waren. Und die sollen auch künftig da sein. Dann brauchen wir Unternehmen, weil die Leute, die hier herkommen, auch arbeiten wollen. Ich sehe schon mit Sorge, dass man sich rein auf das Thema Wohnungsbau konzentriert. Wir sind im Moment noch in einem Stadium, dass Berlin als Metropole über viele Flächen verfügt, wenn man das mit Paris, London, Barcelona vergleicht. Aber wir müssen genau ansehen, was wir mit den Flächen machen wollen.

Welches waren die letzten spektakulären Ansiedlungen?

Cisco. Im weltweiten Ausschreibungsverfahren eins von sechs Innovationslaboren für das Internet der Dinge zu bekommen, war richtig gut. Das ist wichtig für die Themen Smart City und Industrie 4.0. Wir haben gleich daraufhin ein paar Unternehmen zusätzlich angesiedelt, die Cisco als Kunden haben. Cisco selber macht ja sozusagen die Infrastruktur für das Internet. Dann die Digitalsparte des Münchener Fernsehsenders ProSiebenSat1. Der US-Spieleentwickler King. In diesem Jahr haben wir die erste internationale Tochtergesellschaft des Schweizer Unternehmens Doodle nach Berlin bekommen. Die machen Terminvereinbarungen übers Internet.

King, Doodle: Da sind Programmierer gefragt. Die müssten doch bald mal knapp werden.

Zalando suchte Anfang März mehrere hundert Softwareentwickler. Das bringt Druck. Aber: Genau die Leute, die das können, haben Lust auf Berlin.

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