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Berlins Top 200 gehen optimistisch aus der Krise

Berlins 200 größte Arbeitgeber zeigen sich angesichts der Rezession in guter Verfassung. Bei einer Morgenpost-Umfrage kündigen 37 Unternehmen an, sogar wieder einzustellen. Morgenpost Online bietet die Top-200-Rangliste als Download.

Die Rezession im vergangenen Jahr hat auch bei den 200 größten Arbeitgebern der Berliner Wirtschaft Spuren hinterlassen. Die Umfrage “Top 200 der Berliner Wirtschaft“ hat eine leicht geringere Beschäftigtenzahl ergeben: Im Vergleich zum Vorjahr verringerten die wichtigsten Arbeitgeber der Stadt ihre Belegschaften 2009 um 0,3 Prozent. Bei der gleichen Morgenpost-Umfrage in den Jahren 2007 und 2006 stieg die Zahl der Mitarbeiter um 1,3 und 1,1 Prozent.

Neben den Mitarbeiterzahlen zum Jahresende 2009 bat die Morgenpost die Unternehmen auch um eine Beschäftigungsprognose für das gegenwärtige Jahr. 37 Firmen gehen danach von einer Zunahme aus. Bei den älteren Umfragen lag dieser Wert noch bei 58 (2006) und 55 (2007). Stellenabbau planen in diesem Jahr fünf Unternehmen.

Angesichts der Schwere der Rezession im vergangenen Jahr spiegeln diese Zahlen sogar noch ein relativ optimistisches Stimmungsbild wieder. „Wenn jetzt schon wieder 37 Unternehmen ihre Mitarbeiterzahlen aufstocken wollen, spricht das sehr für eine gute Verfassung der großen Berliner Arbeitgeber“, sagt zum Beispiel Christoph Lang, Sprecher der Wirtschaftsfördergesellschaft Berlin Partner. Auch der moderate Beschäftigungsrückgang um 0,3 Prozent ist für ihn angesichts der schweren Rezession kein Grund für Unzufriedenheit. „Man hätte auch Schlimmeres erwarten können.“

Zahlreiche Neuansiedlungen

Das Ergebnis der Top-200-Umfrage deckt sich mit den Einschätzungen der Beobachter am Wirtschaftsstandort Berlin. So spricht Berlin Partner davon, dass das Interesse der Unternehmen, nach Berlin zu kommen, weiter steigt. In diesem Jahr kommt beispielsweise der US-Dienstleister Sykes (Call Center) mit 500 Arbeitsplätzen. Mit Vistaprint, einem Druckunternehmen, hat ein weiterer Dienstleister aus den USA seinen Zuzug mit zunächst 50 Beschäftigten angekündigt. Beim Autozulieferer Freudenberg wurden durch die Vermittlung eines neuen Standortes in der Stadt 200 Arbeitsplätze gesichert, wie Berlin-Partner-Sprecher Lang sagt. „Und unsere Pipeline für weitere Ansiedlungen ist gut gefüllt.“

Hartmut Mertens, Chefvolkswirt der Investitionsbank Berlin, ist ebenfalls nicht überrascht über den verhältnismäßig glimpflichen Personalabbau in den Top-200-Unternehmen. Schließlich schneidet die Hauptstadt nun schon seit einiger Zeit auch in anderen Statistiken gut ab. So sank 2009 auch das Bruttoinlandsprodukt nur um 0,7 Prozent, während es im gesamten Bundesgebiet gleich fünf Prozent waren. Mertens bezeichnet 2004 als den Tiefpunkt in der wirtschaftlichen Entwicklung der Stadt. Von 2005 bis 2009 ist die Wirtschaft der Stadt dann um stolze 8,2 Prozent gewachsen, während Deutschland insgesamt nur 2,5 Prozent zulegte. Die Ausrichtung auf die Kompetenzfelder habe Früchte getragen, folgert Mertens.

Zu den Kompetenzfeldern gehört auch der Gesundheitssektor. Für mehr als 15 Prozent der Beschäftigung in den Top-200-Unternehmen sorgen Gesundheitsdienstleister (Krankenhäuser) sowie Pharma- und Medizintechnikhersteller.

Kaum noch Industrie in Berlin

Wobei mittlerweile die Industrieunternehmen in den Clustern wieder eine höhere Wertschätzung genießen. Denn für die zukünftige Entwicklung des Wirtschaftsstandortes Berlin hat ein Umdenken stattgefunden. Galt noch vor kurzem der Wandel vom Industriestandort zur Dienstleistungsmetropole als ein Weg zu einer moderneren Struktur, so ist jetzt die Erkenntnis gewachsen, dass es ohne Industrie nicht geht. Die Industrie fertigt Produkte, die in die übrigen Bundesländer und ins Ausland verkauft werden und somit Geld in die Stadt bringen. Wenn sich die Berliner jedoch nur gegenseitig die Haare schneiden, dann ist das lediglich eine Umverteilung des Geldes innerhalb der Stadt, so lautet derzeit ein viel zitiertes – wenngleich fraglos überspitztes – Bild in der Stadt.

Allerdings ist der Industriesektor in Berlin nur noch ein Schatten seiner selbst, verglichen mit Beschäftigtenzahlen von 1991. Damals waren noch fast 315.000 Menschen in der Berliner Industrie tätig. Mittlerweile ist die Zahl unter 130.000 gesunken. Der massenweise Exodus von namhaften Konzernen wie Nestlé oder Samsung haben das Bild von der schrumpfenden Industrie im wiedervereinigten Berlin geprägt.

Mittlerweile will die Politik dieses Bild wieder zurückdrehen. Die Aufgabe ist sogar zur Chefsache erklärt worden. Als ein klares Indiz dafür gilt die Einrichtung des Steuerungskreises Industriepolitik im März, dessen Führung der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) persönlich übernommen hat. Dreimal im Jahr will der Kreis tagen, um zu klären, wie der Industriestandort Berlin gestärkt werden kann. Die Argumente, die für Berlin sprechen, sind gewichtig: Günstige Flächen, tendenziell geringere Löhne für gutes Personal und die Nähe zur vielfältigen Forschungslandschaft sowie zur Politik.

Die Aufgabe, das Image zu wandeln, ist indes schwierig. In den vergangenen Jahren hat Berlin nämlich den Kurs in die entgegengesetzte Richtung gesetzt. Die Stadt ist immer mehr zur Dienstleistungsmetropole geworden. Im gleichen Zeitraum, in dem die Industrie rund 185.000 Stellen verloren hat (1991 bis 2009) sind die Jobs in den unternehmensnahen Dienstleistungen von 178.000 auf 389.000 angestiegen. Die Industrieverluste sind damit also sogar mehr als ausgeglichen worden.

Nichts desto trotz braucht die Stadt die Industrie, meint auch Stephan Schwarz, Präsident der Handwerkskammer Berlin. Denn der Dienstleistungssektor kann sich nur voll entfalten, wenn die Nähe zur Industrie besteht. Das hat das Berliner Handwerk zu spüren bekommen. Seit 1995 ist die Zahl der Arbeitsplätze im Berliner Handwerk von 250000 auf 190000 zurückgegangen. „Die Industrie ist ein Leitsektor, der in vielfältigen Wechselbeziehungen zu anderen Sektoren steht. Neue Arbeitsplätze in der Industrie ziehen gleich neue in anderen Sektoren hinterher. Es wäre falsch, wenn die Politik nur auf die Dienstleistungen blicken würde“, sagt Schwarz.

Und neue Arbeitsplätze braucht Berlin nach wie vor, darüber darf die robuste Verfassung, mit der die Rezession bewältigt wurde, nicht hinwegtäuschen. Mit 13,6 Prozent ist die Arbeitslosenquote noch immer deutlich höher als im Bundesdurchschnitt (7,7 Prozent).

Große Industrieunternehmen anzusiedeln wird aber schwierig bleiben, weil Berlin bislang eben nicht als bestes Pflaster dafür wahrgenommen wird. „Das ist ein dickes Brett, das man bohren muss“, sagt Berlin-Partner-Sprecher Lang. „Vorurteile wandeln sich nur langsam.“ Lang glaubt, dass vor allem im Zuge der demografischen Probleme der Standort mit den vielen jungen Talenten immer stärker geschätzt werden wird.

Autoindustrie erstaunlich stark

Bei einer aktuellen Betrachtung schneidet die Industrie heute aber gar nicht so schlecht ab. Die Industrie ist neu erfunden worden. Gerade in den Branchenclustern, auf die der Senat besonders gesetzt hat, kristallisieren sich spezifische Berliner Stärken heraus. Besonders scharfe Konturen – auch in der Top-200-Tabelle – sind bis jetzt in der Lifescience-Industrie zu erkennen. Zählt man den Pharmaforscher Parexel hinzu, sind unter den Top 200 sieben Pharmaunternehmen und zwei Medizintechnikproduzenten vertreten, die zusammen knapp vier Prozent der Arbeitsplätze in den Top 200 stellen.

Von erstaunlichem Gewicht ist auch der Automobilsektor. Auf vier Prozent der Top-200-Stellen kommen die zehn Unternehmen, die es in das Ranking der Berliner Morgenpost geschafft haben, darunter auch Daimler (6000 Arbeitsplätze), BMW (2400) sowie einige der großen deutschen Autozulieferer.

Ein Dilemma am Standort bleibt: Zwar sind hier viele der ganz großen Namen ansässig, aber nicht mit ihren Zentralen. Das birgt Risiken, dass Arbeitsplätze auch schnell wieder verschwinden. Aber selbst eine Zentrale nützt häufig nichts: So will Daimler die Chefetage seiner Finanztochter von Berlin nach Stuttgart verlegen. Im Zuge eines komplizierten Stellentausches mit Stuttgart und Saarbrücken soll Berlin unter dem Strich dann mehr Daimler-Arbeitsplätze als vorher haben – allerdings geringerwertige.

Umso höher ist der Wert der Deutschen Bahn einzuschätzen. Die Bahn hat ihre Zentrale in Berlin und bietet 18.200 Menschen einen Arbeitsplatz. Mit ihrer Präsenz erhöht sich aber auch die Wahrscheinlichkeit, dass die starke Bahntechnik-Industrie an der Spree erhalten bleibt.

Die Top 200 als Download

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