Berliner Morgenpost: Wie erklären sie die Diskrepanz zwischen offenen Ausbildungsstellen und den vielen jungen Leuten, die noch suchen?

Dilek Kolat: Die Diskrepanz entsteht dadurch, dass die Jugendlichen und die Unternehmen nicht zueinander finden. Es kann nicht sein, dass Unternehmen beklagen, dass sie keinen Nachwuchs finden und wir in Berlin 20.000 jugendliche Arbeitslose haben. Andererseits gibt es viele Ausbildungsberufe, die Jugendlichen nicht bekannt sind oder nicht attraktiv genug erscheinen. Wenn es im Traumberuf nicht klappt, muss aber nicht gleich die Welt untergehen. Ich kann Jugendlichen nur raten, sich auch neben dem Wunschberuf zu informieren, denn bei rund 350 Ausbildungsberufen gibt es sicher spannende Alternativen zur ersten Wahl. Leider fragen Mädchen und Jungen immer wieder die Top-10 Berufe nach.

Worauf sollten Firmen achten?

Ich möchte auch die Unternehmen auffordern, ihre Auswahl kritisch zu überdenken. Nicht nur Schulnoten sind wichtig für eine erfolgreiche Ausbildung. Engagement und Beharrlichkeit für einen Traumberuf zeichnet manchen Spätstarter aus. Die Deutsche Bahn zum Beispiel macht es vor: Dort werden Auswahltests durchgeführt und nicht nur auf die Schulnoten geschaut. Wer sagt, er findet keine geeigneten Auszubildenden, der sollte sein Auswahlkonzept überdenken. Oftmals habe ich den Eindruck, die Arbeitgeber handeln wie vor 50 Jahren: Schulnote und ordentliche Kleidung im Auswahlgespräch entscheiden. Wer den Dreisatz nicht beherrscht, ist nicht ausbildungsgeeignet. Das ist aber nicht mehr zeitgemäß. Oft haben Jugendliche ganz andere Qualitäten, die so nicht herausgefunden werden können. Und wir haben jetzt schon einen Fachkräftemangel, der von allen Seiten in der Wirtschaft beklagt wird. Allen Unternehmen muss bewusst sein: Wer heute nicht ausbildet, dem fehlen zukünftig gute Fachkräfte. Darum mein Appell an die Unternehmen: bemühen sie sich um die Auszubildenden. Das kommt auch Ihrem Unternehmen zugute.

Offenbar haben es Hauptschüler schwerer einen Ausbildungsplatz zu finden. Was lässt sich tun?

In vielen Ausbildungsberufen werden heute weitergehende Schulabschlüsse verlangt. Es gibt Unternehmen, die nur Abiturienten einstellen. An dieser Tatsache lässt sich nicht vorbeireden. Meistens scheitern Jugendliche an den klassischen Tugenden Motivation und Ernsthaftigkeit. Dennoch sollten Unternehmen auch solchen Jugendlichen eine Chance geben, denn auch sie haben Talente, die sich erst dann richtig zeigen, wenn sie gefordert werden. Da werden wir die Unternehmen nicht alleine lassen. Wir fördern zum Beispiel im Rahmen der Richtlinienförderung und unterstützen Unternehmen, wenn sie Jugendlichen eine Ausbildungschance geben.

Was empfehlen Sie jungen Leuten, die kein gutes Zeugnis haben?

Zuerst einmal gute Beratung zum Beispiel durch die Agentur für Arbeit oder durch die Kammern. Dann ist Eigeninitiative gefragt. Aktiv auf Unternehmen zugehen heißt, sich bessere Chancen zu erarbeiten. Und ich empfehle die Teilnahme an StartAB, oder Ausbildung in Sicht, unsere Programme zur ergänzenden Qualifizierung junger Menschen mit dem Ziel, ihre Defizite aufzudecken und sie fit zu machen.

Wer bietet noch Lehrstellen an?

Informationen hierzu bieten die Lehrstellenbörsen der Agentur für Arbeit und der Kammern. Diese sind über das Internet abrufbar.

Die große Aus- und Weiterbildungsmesse findet am Montag, 16. September, von 9 bis 15 Uhr in der Axel-Springer-Passage (Markgrafenstr. 19a) in Kreuzberg statt.