Ein halbes Dutzend Stiegen mit Gemüse warten an diesem Morgen darauf von Jann Ralle verarbeitet zu werden. Mit einem furchterregend scharfen Messer beginnt der angehende Koch routiniert die Zwiebeln zu zerlegen. Innerhalb von wenigen Minuten, hat er bereits eine Schüssel voll feiner Würfel geschnibbelt. „Ich finde es gut, dass ich hier auch lerne, wie man bodenständige Gerichte wie Gulasch zubereitet. Das macht eine Ausbildung zum Koch ja erst rund“, sagt Jann Ralle, der vor Kurzem sein zweites Ausbildungsjahr im Hotel Regent begonnen hat.
Der Einsatz in der Mitarbeiter-Kantine ist nur eine Station, die er während seiner Ausbildung durchläuft. An anderen Tagen arbeitet er in der Frühstücksschicht, für den Room Service und im „Fischers Fritz“ – einem der teuersten und Kritiker-Urteilen zufolge besten Restaurants Berlins. Dort lernt er wie aus einer Sauce eine Geschmackssensation wird und wie aus Meeresfrüchten, Fleischspezialitäten und seltenen Gemüse- und Obstsorten essbare Kunstwerke entstehen. Drei Monate lang wird er in dem Restaurant zusätzlich die Gäste bedienen, mit denen er sonst kaum Kontakt hat.
„Auch wenn die Arbeit hier in der Küche körperlich sehr anstrengend ist, fühle ich mich abends weniger kaputt als zu den Zeiten, in denen ich ein Praktikum in einer EDV-Abteilung gemacht habe und den ganzen Tag gesessen habe“, berichtet er. Jann Ralle hat nach dem Abitur zunächst Zivildienst geleistet, anderthalb Semester Chemie studiert und Praktika in verschiedenen Branchen absolviert. Danach wusste der heute 24-Jährige zweierlei: Dass er mit einem naturwissenschaftlichen Studium nicht glücklich wird und dass er gerne mit „Lebensmitteln arbeiten“ und in einem Team eingebunden sein möchte.
Arbeit, die Spaß macht
Sein Vater habe ihm früher den Ratschlag „Such dir eine Arbeit, die dir richtig Spaß macht, dann musst du nie wieder arbeiten!“ gegeben, erzählt Jann Ralle. Zweifellos ein guter Rat. Auch viele Coaches und Berufsberater empfehlen ihren Klienten, sich bei der Suche nach dem Traumjob von Leidenschaft leiten zu lassen. Trotzdem: Welches nun der ideale Beruf ist, das muss jeder selbst für sich herausfinden. Nur die wenigsten Schulabgänger haben klare Vorstellungen, wo ihre Interessen und Stärken liegen und in welchem Beruf diese gefragt sind.
„In den Beratungen beobachten wir, dass etwa die Hälfte der Jugendlichen noch keine wirkliche berufliche Perspektive entwickelt hat. Die Frustration darüber ist groß“, sagt Denis Buss, Leiter der Studien- und Berufsberatung der Einstieg GmbH, die unter anderem auch Berufsmessen organisiert. Nur selten würde das Ende der Schulzeit mit dem Ende der beruflichen Orientierungsphase zusammenfallen.
Bewerbungstrainings an Gymnasien eher selten
Woher kommt die Unsicherheit? Fakt ist, dass es zwar Angebote zur Berufsorientierung für Jugendliche gibt, doch leider erreichen längst nicht alle ihr Klientel. Während an den Berliner Sekundarschulen, die nach der Zusammenlegung der ehemaligen Haupt- und Realschulen entstanden sind, Bewerbungstraining und Berufsorientierung Teil des Unterrichtsplans sind, sieht es an den meisten Gymnasien in dieser Hinsicht mau aus. Ein betriebliches Praktikum ist zwar auch für angehende Abiturienten Pflicht, allerdings wird es in der 9. Klasse absolviert und damit zu einem Zeitpunkt, zu dem die Gymnasiasten gedanklich noch sehr weit von dem Ende ihrer Schullaufbahn entfernt sind.
Oft werden in dieser Phase Praktika gewählt, die sich mit den Hobbys verbinden. Rennrad-Fans jobben in einem Fahrradladen, Bücherwürmer in einer Bibliothek oder in einem Buchladen. Und dann gibt es noch Schnuppertage an Universitäten für Oberstufenschüler. Eine umfassende Information über sämtliche beruflichen Möglichkeiten bieten nur wenige Gymnasien. Die Beratungs- und Informationsangebote der Arbeitsagentur setzen auf Eigeninitiative – und werden längst nicht von allen Schülern genutzt. Jürgen Bielert, Geschäftsführer Operativ der Agentur für Arbeit Berlin Süd, klagte vor kurzem, dass viele Jugendliche zwar ihren Schulabschluss in der Tasche hätten, aber noch nicht bei der Berufsberatung oder bei der Ausbildungsstellenvermittlung der Arbeitsagentur waren. Mitte August waren noch 4700 Lehrstellen in Berlin frei. „Am besten informiert sind meiner Beobachtung nach die Gesamtschüler, weil an diesen Schulen sowohl über Studien- als auch über Ausbildungsmöglichkeiten informiert wird”, berichtet Denis Buss. „Die Abiturienten haben oftmals das Gefühl, dass sie unbedingt studieren müssen, weil alle ihre Freunde das tun. Die Schulabgänger mit mittlerem Schulabschluss dagegen spüren deutlich, dass bei der Vergabe von begehrten Ausbildungsplätzen Abiturienten bevorzugt werden.”
Image von Berufen
Gerhard Schauer, Leiter des Bereichs Ausbildung bei der Bayer Health Care Pharmaceuticals würde sich ebenfalls mehr berufskundlichen Unterricht wünschen. Das Unternehmen, dessen Berliner Sitz im Wedding ist, bildet hauptsächlich Biologielaboranten, Chemielaboranten, Pharmakanten und kaufmännischen Nachwuchs aus. Um Schüler für Bewerbungen im technischen oder naturwissenschaftlichen Bereich zu motivieren, werden unter anderem Schulklassen und Fachlehrer ins Unternehmen eingeladen. „Für viele Schülerinnen und Schüler stehen naturwissenschaftliche Ausbildungsmöglichkeiten nicht im Vordergrund. Häufig stehen andere Berufe höher im Kurs, zumal deren Image in Fernsehserien, in den Medien und den jugendlichen Communitys sehr positiv dargestellt wird”, sagt Gerhard Schauer. Die meisten Bewerber jedoch, die eine Ausbildung bei Bayer starten wollen, haben im Regelfall unterschiedliche Informationsquellen genutzt und sind daher sehr gut vorbereitet.
Ein erster Schritt zur Berufsorientierung kann auch ein Test am heimischen Computer sein. Ein Beispiel dafür ist das Programm „Berufe-Universum“ der Bundesagentur für Arbeit auf dem Online-Portal www.planet-beruf.de, den man auch im Berufsinformationszentrum BIZ durchspielen kann.
Wissenschaftlich fundiert und kostenlos ist auch der Perspektiven-Test der Allianz, der sich an Abiturienten und Studierende richtet, die noch kein klares Berufsziel vor Augen haben. Bei solchen Tests geht es immer darum, Interessen zu benennen und die eigenen Stärken zu erkennen – was in der Theorie einfacher ist, als in der Praxis.
Eltern und Freunde um Rat bitten
„Es hilft, Menschen um Hilfe zu bitten, die einen gut kennen”, rät Buss. Wie schätzen einen die Eltern ein, wie die besten Freunde? In welchen Situationen hat man schon persönliche Erfolge erzielt? In welchen Bereichen hakt es eher?
Wer bereits eigenständig Partys oder Schulfeste veranstaltet hat, verfügt offenbar über organisatorisches Geschick. Wer sich nur ungern mit abstrakten Theorien beschäftigt, wird sich in einem Studium schwerer tun, als jemand, der gerne und ausdauernd lernt. Und auch die eigenen Wünsche sind wichtig: In welchen Situationen fühlt man sich besonders wohl? Tüftelt man lieber im stillen Kämmerchen vor sich hin oder braucht man Teamwork, um glücklich zu sein? Die Frage, ob einem ein hohes Gehalt wichtig ist, sollte ebenfalls in die Überlegungen einfließen.
Entscheidungen treffen
Diejenigen Schulabgänger, die sehr unsicher sind, zögern nach Beobachtung von Denis Buss die Entscheidung für einen bestimmten Beruf lange heraus. „Doch der Zeitpunkt der absoluten Sicherheit kommt in solchen Situationen fast nie”, sagt der Berufsberater. Besser sei es, einige gute rationale Argumente für einen Weg zu sammeln, diese durch Praktika zu überprüfen und sich dann aus dem Bauch heraus für einen Beruf oder einen Studiengang zu entscheiden.
Nachdem bei Jann Ralle der Entschluss gefallen war, dass er Koch werden möchte, machte er zunächst einige Praktika, von denen einige nur einige Tage lang dauerten. Unter Köchen ist es üblich, dass man vor Beginn einer Anstellung oder einer Ausbildung für einige Tage zum Probearbeiten eingeladen wird. „Das ist sehr sinnvoll. So können beide Seiten sehen ob es passt“, sagt er. Sein Plan für die Zukunft: Nach dem Ende der Ausbildung würde er gerne einige Jahre im Ausland arbeiten, um dort Erfahrungen zu sammeln. Und irgendwann, ein paar Jahre später, vielleicht ein eigenes Restaurant aufmachen.
Die große Aus- und Weiterbildungsmesse findet am Montag, 16. September, von 9 bis 15 Uhr in der Axel-Springer-Passage (Markgrafenstr. 19a) in Kreuzberg statt.




