Immobilienkaufleute sind die Hüter der steinernen Schätze

Immobilienkaufleute kümmern sich um Planung, Instandhaltung und Vermietung von Gebäuden. Egal, ob es im Berufsleben später um Wohngebäude oder um gewerblich genutzte Bauten geht, die Ausbildung ist identisch.

Foto: Christian Kielmann

10.000.000.000.000 Euro, eine Zahl mit dreizehn Nullen, in Worten zehn Billionen – das ist der Wert sämtlicher Immobilien in Deutschland, also aller Reihenhäuschen, Bungalows und Villen, Hochhäuser, Bürobauten und Einkaufzentren, Rathäuser und Gerichte, Verwaltungsgebäude, Schulen und Kliniken, Fabrikhallen und Scheunen, Kirchen, Kapellen und Kathedralen. Rund die Hälfte dieses ungeheuren Betrages entfällt dabei auf Wohngebäude, bilanziert der Arbeitskreis der Gutachterausschüsse und Oberen Gutachterausschüsse in der Bundesrepublik Deutschland.

Wo sich nicht der Hausherr selbst um seine vier Wände kümmert, sind angesichts solcher Summen Profis gefragt, Immobilienfachleute, die die Betreuung des steinernen Vermögens in ihren Händen haben.

„Wir sind eine sehr große Branche im Hinblick auf die Werte, mit denen wir es zu tun haben“, sagt Thomas Schaefers, Referent beim Bundesverband deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen, dem GdW. „In Bezug auf die Zahl der Mitarbeiter sind wir allerdings nicht so groß.“ Rund 65.000 Fachleute sind in den 3000 Mitgliedsunternehmen des Verbandes tätig.

Identische Ausbildung

Egal, ob es im Berufsleben später um Wohngebäude oder um gewerblich genutzte Bauten geht, die Ausbildung ist identisch. „Für beide Zweige gibt es die gleiche dreijährige Lehre zum Immobilienkaufmann.“ Diese, so Thomas Schaefers, sei ausgesprochen anspruchsvoll, die meisten der etwa 6000 aktuellen Azubis hätten daher das Abitur beziehungsweise Fachabitur, einige auch einen sehr guten Realschulabschluss. Dabei ist rein rechtlich gesehen, keine bestimmte schulische Vorbildung vorgeschrieben.

„Wenn wir auf Ausbildungsmessen unseren Beruf präsentieren, geht oft das große Staunen los. Die meisten jungen Leute wissen nicht, was ein Immobilienkaufmann macht, bemängelt der Fachmann für Ausbildungsfragen beim GdW.

Eric Gramatzki hat davon eine klare Vorstellung. Seit einem Jahr ist der 26-jährige Berliner mit seiner Ausbildung fertig, seitdem arbeitet er bei der kommunalen Wohnungsgesellschaft Gesobau als Kundenbetreuer. Die Gesobau gehört mit 37.000 Wohnungen in Reinickendorf, Wedding, Pankow, Weißensee sowie Wilmersdorf zu den großen Mitspielern auf dem Berliner Wohnungsmarkt. In der Hochhaussiedlung des Märkischen Viertels ist Eric Gramatzki für gut 800 Wohnungen und einige Autostellplätze zuständig.

Diplomatie und Planungstalent

„Kommen neue Mieter, mache ich mit ihnen die Wohnungsübergabe oder beim Auszug die Abnahme. Stehen Wohnungen leer, muss ich entscheiden, was unternommen werden muss, um die Wohnung wieder in einen marktfähigen Zustand zu versetzen.“ Auch wenn es zu Schwierigkeiten unter den Mietern käme, würde er vermitteln und versuchen, etwaige Zwistigkeiten und Probleme auszuräumen.

Neben den diplomatischen Fähigkeiten ist auch einiges Planungstalent erforderlich: „Im Moment werden unsere Gebäude großflächig saniert, die Bäder werden erneuert, die Heizungen und auch viele Fenster.“ Das ist oft mehr als nur eine organisatorische Herausforderung.

Manche Mieter – ältere Menschen etwa oder Familien mit kleinen Kindern – müssten bei solchen Umbauten kurzzeitig in sogenannte Umsetzwohnungen ziehen – „im Gespräch mit ihnen darf man nie vergessen, dass eine Wohnung nicht ein beliebiges Produkt ist, sondern der Lebensmittelpunkt der Menschen“. Respekt und Einfühlungsvermögen seien da gefragt, sagt Eric Gramatzki.

Berufsbegleitendes Studium

Etwa zwei Drittel seines Arbeitstages verbringt er im Büro, die übrige Zeit ist er unterwegs, um Wohnungen anzuschauen und mit den Mietern zu sprechen. Diese Abwechslung macht für ihn den Beruf reizvoll und interessant – langfristig allerdings möchte Eric Gramatzki eher im mittleren Management arbeiten. Deswegen hat er kürzlich mit einem berufsbegleitenden Studium zum Immobilienökonom begonnen.

Wenn seine Altersgenossen also am Freitagabend das Partywochenende einläuten und am Sonnabend gemütlich über die Berliner Märkte schlendern, drückt er die Schulbank. Eineinhalb Jahre dauert das Studium, das er mit finanzieller Unterstützung seines Arbeitgebers an der Akademie der Immobilienwirtschaft BBA absolviert. Dabei stehen eine Vielzahl von Themen wie beispielsweise Rechnungswesen und Personalverwaltung, Risikomanagement und Marketing mit auf dem Lehrplan.

Wo Immobilienkaufleute und -ökonomen eine solide Ausbildung mitbringen, die sie bestens auf den Umgang mit dem „Steingold“ vorbereitet hat, sieht das bei einem anderen Berufszweig mitunter deutlich anders aus. „Die Zulassung zum Maklergewerbe gibt es schon, wenn ich weder vorbestraft noch insolvent bin“, klagt Dirk Wohltorf, Vorstandsvorsitzender des Immobilienverband Deutschland (IVD) Berlin-Brandenburg, der Vertretung der Immobilienberater, Makler, Verwalter und Sachverständigen.

Das will der Verband ändern, denn „man muss als verantwortungsbewusster Makler von vielen Themen etwas verstehen – ich muss wissen, wie Kauf- oder Mietverträge funktionieren, muss mich mit Energieberatung auskennen und mit speziellen steuerlichen Gesichtspunkten im Immobilienbereich und den Wert von Immobilien und Erträge sachkundig bewerten können“, listet Dirk Wohltorf auf.

Quereinstieg in die Branche

Der 39-Jährige kam selbst als Quereinsteiger in die Branche, sein Vater betreibt seit den 1980er-Jahren ein Umzugsunternehmen in Berlin – und „gerade im Zuge des Hauptstadtumzugs fragten viele Kunden nach Tipps für den Wohnungswechsel“. Seit 1997 arbeitet der gelernte Speditionskaufmann als Makler, vorwiegend im Bezirk Reinickendorf. Seine Expertise hat er an der Europäischen Immobilien Akademie (EIA) und später an der European Business School (ebs) erworben.

Dirk Wohltorf und sein Verband wollen die Hürden für den Einstieg in den Maklerberuf deutlich höher setzen, um „schwarzen Schafen zumindest den Einstieg in die Branche schwerer zu machen“. Der Verband will den Gesetzgeber dazu bringen, einen „Fach- und Sachkundenachweis“ zur Bedingung für die Zulassung zum Maklergewerbe zu machen.

Wohnen ist, wie Essen und Schlafen, ein Grundbedürfnis des Menschen. Damit sind Geschäfte rund um Wohnimmobilien – aber natürlich auch gewerblich genutzte Bauten – ein gigantisches Geschäft bei einer Gesamtbevölkerung von knapp 81 Millionen Einwohnern in Deutschland. Um da an den entsprechenden Schaltstellen die Hebel bedienen zu können, ist neben Kenntnissen der Immobilienbranche auch erhebliches Finanz-Know-how erforderlich.

Viele Berührungspunkte

Solches Wissen bringt Torsten Brunner aus seinem ersten Leben als studierter Bankfachwirt und ehemaliger Portfoliomanager für einen amerikanischen Investor mit: „Berührungspunkte mit dem Immobiliensektor gab es immer wieder“, sagt der 34-Jährige. „Jeder, der eine Ausbildung bei einer Bank macht, durchläuft auch die Immobilienabteilung.“

Nach mehr als zehn Jahren im Finanz- und Assetmanagement, schwenkte Torsten Brunner 2012 komplett auf Wohnungswirtschaft um. Er wurde Assistent der Geschäftsführung bei der städtischen Wohnbauten-Gesellschaft „Stadt und Land“ in Berlin. „Immobilien sind ein spannendes Feld. Da sind zum Beispiel Fragen über die Bestandsentwicklung und Optimierung sämtlicher Wohnquartiere, die zu unserem Bestand gehören. Wie werden neue Projekte entwickelt? Wie reagiert ein Wohnungsunternehmen auf die entsprechenden Anforderungen des Gesellschafters?“

Das ist, wenn auch auf einer anderen Ebene, ein weiteres Thema, mit dem sich Torsten Brunner derzeit auseinandersetzt: „Auch die Immobilienbranche ist von dem demografischen Wandel betroffen“, erklärt er. Mehrere tausend Stellen würden in absehbarer Zeit aus Altersgründen in der Branche frei. „In den nächsten Jahren muss ein Generationenwandel ohne Know-how-Verlust bewältigt werden.“

Werbung in eigener Sache

Um dem entsprechend zu begegnen, setzt Branchenvertreter Thomas Schaefers vom GdW auf umfangreiche Werbung. „Wir sind auf Messen unterwegs und informieren über soziale Netzwerke ganz gezielt junge Menschen über das Arbeiten im Immobiliensektor. Wir suchen nicht nur Schulabgänger, sondern sind auch für Quereinsteiger wie etwa Architekten, Bauingenieure oder Betriebswirte offen“, sagt er. Die Perspektiven seien ausgezeichnet. „Es gibt keine arbeitslosen Immobilienkaufleute.“

Dass die Immobilienbranche ein echter Dauerbrenner ist, ist jedenfalls sicher, denn wohnen werden die Menschen – jetzt und in der Zukunft. Und deswegen muss sich auch jemand um die Häuser und Wohnungen kümmern – Immobilienkaufleute zum Beispiel.