Sachverständige

Die Unbestechlichen: Von Gutachtern hängt viel ab

Das Urteil von Sachverständigen entscheidet über Zahlungen von Millionensummen oder kann Menschen in die Psychiatrie schicken

Foto: Marc Müller / pa/dpa

Spektakuläre Gerichtsprozesse, Streit über Blechschäden beim Verkehrsunfall oder Ärger bei Pfusch am gerade fertig gestellten Neubau rufen eine Berufsgruppe regelmäßig auf die Bühne: Gutachter und Sachverständige aus allen Fachgebieten sind heute aus dem Justiz- und Wirtschaftsleben kaum noch wegzudenken.

Ihnen fällt dabei die wichtige Aufgabe zu, auf neutrale nüchterne Weise die oft kompliziertesten Konfliktfälle aufgrund ihrer speziellen Fachkenntnisse zu untersuchen und unbeeinflusst von den beteiligten Parteien eine nachvollziehbare und inhaltlich belastbare Analyse zu den strittigen Punkten vorzulegen.

Belastbar urteilen

Das erfordert neben einem hohen Maß an Fachwissen ein ganzes Bündel an Eigenschaften, die die Experten für ihren Beruf mitbringen müssen. So verwundert nicht, dass diese Tätigkeit vor allem für Menschen mit viel Erfahrung in der Praxis in Frage kommt – und damit eher für Personen mittleren Alters.

Für diese Gruppe öffnen die Aufgaben als Sachverständige jedoch ein anspruchsvolles Gebiet – mit der Aussicht auf eine Zusatz-Karriere. Das gilt vor allem für öffentlich bestellte und vereidigte Gutachter und Sachverständige. Und das aus gutem Grund. „Jeder kann sich im Grunde Sachverständiger nennen“, sagt Bettina Schoenau, Bereichsleiterin Handels- und Gewerberecht bei der Industrie- und Handelskammer zu Berlin (IHK).

„Die Bereiche, in denen sie dabei tätig sein können, sind äußerst weit gefasst. Deshalb ist der Dschungel an Angeboten kaum zu überblicken.“ Um dennoch die Qualität und Seriosität auf diesem Gebiet zu gewährleisten, gibt es die öffentlich-rechtlich bestellten und zugelassenen Sachverständigen.

Diese müssen sich einem aufwendigen Bestellungsverfahren stellen, bevor sie ihre Arbeit aufnehmen dürfen. „Zunächst müssen Bewerber vor einem Fachgremium ihre besondere Sachkunde nachweisen“, sagt Schoenau. „Dazu legen sie Gutachten vor, die sie bereits geschrieben haben und die Fachleute dann inhaltlich und nach formalen Kriterien prüfen.“

Unparteiisch und objektiv

Doch das Fachliche allein reicht nicht. „Gutachter müssen unparteiisch, objektiv, neutral und unbestechlich sein“, sagt Schoenau. „Sie müssen persönlich integer und wirtschaftlich unabhängig sein.“ Denn eine starke Persönlichkeit ist wichtig, um möglichem Druck seitens der Betroffenen oder auch verbotenen finanziellen Zuwendungen durch eine der beteiligten Seiten zu widerstehen.

Ein sauberes polizeiliches Führungszeugnis ist daher Pflicht. Denn gerade wenn hohe Summen auf dem Spiel stehen, muss die Gefahr von tendenziösen Gefälligkeitsgutachten ausgeschlossen werden.

Allein die Berliner IHK bestellt Gutachter in etwa achtzig verschiedenen Sachgebieten, die die Wirtschaft betreffen – von der Grundstücksbewertung über Fragen zu Lebensmitteln bis zu Kunst, Schmuck oder Hausrat.

Verständliche Schreibe

Dabei müssen sie außerdem in der Lage sein, ihre Analysen in leicht verständlicher Weise auch für Laien nachvollziehbar zu Papier zu bringen. „Der Aufwand, sich öffentlich bestellen zu lassen, ist daher sehr hoch“, sagt Schoenau. „Das Verfahren kann bis zu einem Jahr dauern.“

Doch gerade auf den neuen Gebieten herrsche ein Fachkräftemangel an geprüften Experten. „Bei der Hausversorgungstechnik, Energie-Technologien oder dem IT-Bereich sehen wir Handlungsfelder, wo Fachleute gesucht werden.“ Ein einmaliges Bewerben zum Gutachter reicht dabei nicht. Denn die Bestellung ist auf fünf Jahre begrenzt – und in dieser Zeit müssen sich die neutralen Experten weiterbilden.

Seit über 14 Jahren im Geschäft ist der Berliner Kfz-Sachverständige Baris Altin. Nach seinem Maschinenbaustudium bildete er sich zunächst zum TÜV-Prüfer für die Abgas- und Hauptuntersuchung weiter und schloss daran eine Ausbildung zum Schadens- und Wertgutachter an. Später folgte dann die öffentliche Bestellung und Vereidigung durch die IHK Berlin.

Abwechslungsreich

„Jeder Fall ist anders“, sagt Altin. „Manchmal muss ich den Schaden beziffern, den ein Unfall an einem Kraftfahrzeug verursachte. Ein anderes Mal ist vielleicht ein Navigationsgerät gestohlen worden und ich muss den Schaden für die Versicherung berechnen. Oder ein Kunde bemängelt die Auto-Reparatur durch die Werkstatt.“

In solchen wie anderen Szenarien prüft er dann unter anderem anhand von Software-Programmen und Fachliteratur alle wichtigen Parameter des Fahrzeugs: Baujahr, Ausstattung, Marktwert und Zustand. Auch vor Gericht wird Altins Arbeit geschätzt – wenn auch nicht von allen geliebt.

„Bei Verhandlungen kann durchaus schon einmal vorkommen, dass einem der Beteiligten das Ergebnis meiner Untersuchung nicht gefällt“, sagt Altin. „Auch Rechtsanwälte ohne spezifisches Fachwissen versuchen bisweilen, die Gutachten anzuzweifeln. Hier muss ein Gutachter seine Materie so kompetent beherrschen, dass er auf solche Vorwürfe mit der gebotenen Gelassenheit und fachlichem Wissen glaubwürdig antworten kann.“ Jeden Gedankengang des Sachverständigen müssten die Beteiligten dabei verstehen können – was hohe sprachliche und rhetorische Fähigkeiten der Gutachter voraussetzt.

Reisen um die Welt

Auf einem seltenen Spezialgebiet ist hingegen Horst Günther tätig. Seit Jahrzehnten gehört er zu den Fachleuten, die sich auf das Begutachten von Orient-Teppichen spezialisiert haben. Sein Beruf führte ihn dabei um die halbe Welt: Iran, Nepal, Tibet, Usbekistan, Armenien, die Türkei oder China waren unter anderem Länder, in denen er vor Ort sich das Erkennen der Unterschiede in Qualität, Material und Knüpf-Traditionen en détail aneignete.

„Vielfach sind gerade Fälschungen hochwertiger Teppiche so professionell gefertigt, dass nur wenige Experten mit geschultem Auge den Betrug erkennen“, sagt Günther. „In manchen Fällen wird Material aus alten Teppichen zum Knüpfen gefälschter Stücke verwendet oder bestimmte typische Muster einer Region einfach mit weniger teurer Wolle nachgeknüpft und dann als teures Original ausgegeben.“

Oftmals kommen daher Kunden zu ihm, die sich auf einer Urlaubsreise zum Beispiel in die Türkei für viel Geld einen vermeintlich hochwertigen Teppich für Zuhause gekauft haben – und dann doch Zweifel bekommen, ob ihr Souvenir überhaupt echt ist.

„Ich prüfe dann die Knüpfdichte der Knoten, die Seiten- und Endabschlüsse sowie Größe und Material des Teppichs für das Gutachten genau“, sagt Günther. Fragen, die vielfach auch die Gerichte beschäftigen. „Oft geht es um Betrugsfälle, bei denen die Käufer ihr Geld aus dem Ausland zurückbekommen möchten und Schadensersatz geltend machen wollen“, sagt Günther. „Doch um ihr Recht durchzusetzen, brauchen sie auch gute Anwälte im jeweiligen Land sowie eine Reihe von Papieren und Rechnungen, um den Betrug auch nachweisen zu können. Das ist oft ein schwieriges Unterfangen.“

Seit knapp zehn Jahren ist Renate Keller als öffentlich bestellte und vereidigte Sachverständige für die Bewertung von bebauten und unbebauten Grundstücken zuständig. „Beim Ermitteln des Werts von Immobilien ist nur das maßgeblich, was am Stichtag bekannt ist“, sagt Keller. „Zum Beispiel klären und beschreiben wir, wie das Grundstück bebaut ist, in welchem Zustand sich das Gebäude befindet, ob rechtliche Belastungen vorliegen oder Altlasten bekannt sind.“ Dabei hat Objektivität oberste Priorität. „Die Befindlichkeiten der Auftraggeber dürfen keine Rolle spielen, sagt Keller. „Sachverständige sind rechtlich haftbar.“