Stress im Job

Arbeit darf nicht krank machen – Wege aus der Erschöpfungsspirale

Ab und zu ein wenig Stress - das wirkt belebend. Wer aber glaubt, dauerhaft Höchstleistungen bringen zu können, wird irgendwann krank. Das Gehirn benötigt Denkpausen, die Muskeln Bewegung.

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Ein Termin jagt den nächsten. Die Pause muss heute ausfallen. Der Vorbericht für das wichtige Projekt muss am Ende der Woche fertig sein. Wenn wir unter Druck stehen, dann macht sich dies körperlich bemerkbar: Das Herz klopft schneller, wir atmen schneller, die Muskeln sind angespannt, das Gehirn im Adrenalinrausch arbeitet auf Hochtouren.

Die meisten Menschen sind einer gelegentlichen Belastungsphase gewachsen. Wenn sich das Leben aber ständig wie ein Dauerlauf im Hamsterrad anfühlt, wenn sich das Gefühl einstellt der Situation nicht mehr gewachsen zu sein, dann lautet die Diagnose: Stress.

„Es läuft etwas schief in unseren Büros: Wir arbeiten viele Stunden durch, gönnen uns kaum eine Pause und wundern uns, wenn uns der Spaß an der Arbeit abhanden kommt und wir am Abend müde, gereizt oder frustriert heimkommen“, schildert Verhaltenstrainer Peter Solc einen Alltag, den viele kennen.

Vor allem am Arbeitsplatz stellen sich viele Situationen ein, die uns Nerven kosten. Ein ständig fordernder, cholerischer Chef oder schlecht gelaunte Kollegen können uns ganz schön zusetzen.

Regelmäßig entspannen

Sind wir den Anforderungen und der Hektik schutzlos ausgeliefert? Verschiedene Studien belegen, dass sich eine gelassenere Einstellung trainieren lässt. Westliche Wissenschaftler interessieren sich zunehmend für Meditationsformen aus Fernost. Ihre Studien belegen, dass Selbstbesinnung positive Auswirkungen auf Körper und Gehirn hat: Wer regelmäßig entspannt, kann den Blutdruck senken, Depressionen vorbeugen und das Immunsystem stärken.

Aufmerksamkeitsmeditation, die traditionell in buddhistischen Kontemplationsschulen geübt wurde, verändert bereits nach vier Wochen die Nervenfasern einer bestimmten Gehirnregion. Das berichtet ein Forscherteam von der Texas Tech-University in Lubbock. Bewegung und bestimmte Entspannungs- und Atemtechniken können nachweislich die psychologische und psychische Gesundheit verbessern, versichert die Stressforscherin Fiona Jones. Aber: Bei unzähligen Methoden – wie die Lachtherapie oder Jonglierübungen – steht der wissenschaftliche Nachweis noch aus.

Mehrere Studien zum Thema Überforderung kommen zu dem Schluss, dass es nicht nur die Umstände sind, die uns zusetzen. Es kommt auch auf die Persönlichkeit und den individuellen Umgang mit Herausforderungen an: „Generell entsteht Stress, wenn ich den Eindruck habe, dass ich zu wenig Wertschätzung erhalte“, meint Tim Hagemann. Er ist Professor für Arbeitspsychologie an der Fachhochschule der Diakonie in Bielefeld.

Ausgeliefert

Andere Ursachen: Beschäftigte glauben auf ihre Situation keinen Einfluss zu haben, sie sind unsicher oder empfinden Ärger.

Aber was kann ich tun, wenn der Kollege mal wieder Arbeit abwälzen will? „Das Stressauslösende ist hier die Ungerechtigkeit und der Ärger über den Mehraufwand“, erläutert Hagemann. Am besten sei es dann, einfach „nein“ zu sagen. Doch das fällt vielen schwer.

Trainer Peter Solc befasst sich eingehend mit diesem Phänomen. „Stressfallen haben ihren Ursprung in Glaubenssätzen, die unser Handeln und unsere Kommunikation prägen. ‚Man darf nicht Nein sagen und andere Menschen damit enttäuschen’ ist so ein Glaubenssatz“, sagt Solc.

Seinen Klienten gibt er drei Ratschläge mit auf den Weg, um aus frustrierten Ja-Sagern konstruktive Neinsager zu machen: Sie sollten das Nein mit „leider“ abschwächen, sie sollten das Nein begründen und eine Alternative anbieten.

Was stresst am Meeting?

Steht ein Tag voller Meetings an, ist es entscheidend, sich innerlich auf diesen Marathon einzustellen. Zunächst sollten Beschäftigte herausfinden, was sie an den Meetings stresst, sagt die Karriereberaterin Ute Bölke. „Staut sich in der Zeit die eigentliche Arbeit an, so dass ich sie an anderer Stelle wieder abarbeiten muss? Oder ist es die Sinnlosigkeit meiner Anwesenheit in dem Meeting?“

Dann sollten sie nach Lösungen suchen. Möglicherweise ist zum Beispiel ein anderer Kollege besser geeignet, bei der Besprechung mitzumachen.

Fühlt man sich mit einer komplexen Aufgabe überfordert, ist es zunächst sinnvoll, zu klären, ob Unterstützung verfügbar ist, sagt Hagemann. Manchmal könne es schon helfen, ein Thema mit einem erfahrenen Kollegen durchzusprechen. Sei keine Hilfe verfügbar, sollten Arbeitnehmer die Herausforderung in kleine Zwischenziele aufteilen, rät Psychotherapeut Gross.

Die Aufgabe akzeptieren

Auf jeden Fall sollte man Schritt für Schritt vorgehen und die Aufgabe als machbar wahrnehmen. „Ratsam ist es, eine annehmende Haltung einzunehmen und zu akzeptieren, dass der kommende Zeitraum anstrengend wird“, sagt Bölke.

Vielen fällt es schwer nach einem ereignisreichen Tag auf Privatleben umzuschalten. Peter Solc rät seinen Klienten: „Hilfreich ist dabei die Distanz zwischen Arbeitsplatz und Wohnung zu zelebrieren. Gehen sie zu Fuß nach Hause, machen Sie einen Abstecher in ein Caf´e oder einen Umweg durch den Park.“

Ratgeber zum Thema

Psychische Probleme wie Depressionen sind der häufigste Grund, der Beschäftigte zwingt, frühzeitig aus dem Berufsleben auszusteigen. Das Buch „Das hält keiner bis zur Rente durch“ von Carola Kleinschmidt und dem Stressmediziner Hans-Peter Unger, Kösel-Verlag, will dem entgegenwirken. Das bewährte Autorenteam liefert eine kluge Analyse der Belastungen der modernen Arbeitswelt.

Der Verhaltenstrainer Peter Solc hilft Sportlern und Führungskräften dabei den Teufelskreis des Ausbrennens zu durchbrechen. Die Time-Out-Taktik, Effektive Regeneration bei Leistungsdruck, Stress und Erschöpfung, erschienen im Humboldt-Verlag.

Die Atemtherapeutin Barbara Lutz zeigt mit „Atmen in Balance“ (Knaur), wie man auf einem einfachen Weg, mit dem natürlichen Atemfluss zu innerer Kraft finden kann. Eine CD hilft beim täglichen Training.