Am Einlass Taschenkontrolle. Acht Euro Eintritt abdrücken und schon ist man im Bi Nuu, auf der Mint Party, die alle zwei Monate unter dem U-Bahn Viadukt am Schlesischen Tor stattfindet. Es ist kurz nach Mitternacht, die Party hat gerade erst angefangen, es ist noch recht leer.

Hinter den Plattentellern steht Ena Lind, schwarzer Iro, Kopfhörer. Sie bedient konzentriert die Regler, Bässe wummern, die ersten tanzen. An diesem Abend ist die 32-Jährige für das Warm-up zuständig, in der Primetime legen Planningtorock auf, eine DJ aus Großbritannien, und Lauren Flax aus New York. Im Morgengrauen wieder Ena Lind, zur Afterhour.

Bei diesem Line-up fällt schon ins Auge, was in der Clubszene eher ungewöhnlich ist – nur weibliche DJs hinter den Plattentellern. Damit ist auch schon das Ziel dieser Partyreihe abgesteckt, die Ena Lind gemeinsam mit ihrer Managerin Zoe T. Rasch veranstaltet. Weibliche DJs sichtbarer zu machen. Denn auch in der Nachtszene gelten die Gesetze des Tages – da, wo Männer das Sagen haben, sind Frauen in bestimmten Positionen nicht vertreten.

Frauen an den Reglern

Dabei mangelt es, um wieder auf die Nacht zurückzukommen, nicht an weiblichen DJs. Im Frauennetzwerk Female Pressure sind über 1300 Frauen gelistet, die in der Techno-Szene aktiv sind. Doch auf internationalen Festivals der elektronischen Musik liegt der Anteil weiblicher Acts unter zehn Prozent.

Hier bei Mint ist es anders, die Tanzfläche wird von Frauen bespielt, die um eins bereits voll ist, die Beats knallen, Nebelschwaden wabern, Arme schnellen in die Höhe, das Publikum tanzt, Männer, Frauen, Lesben, Schwule, Junge, Alte. Auffallend ist hier die bunte Mischung.

Ena Lind ist seit ungefähr dreizehn Jahren dabei. Sie wollte schon immer irgendwas mit Musik machen. Doch in dem bayrischen Dorf, in das sie reingeboren wurde, war es nicht vorgesehen, dass Frauen ihre berufliche Erfüllung in der Musik finden. Sie besuchte eine Wirtschaftsschule, wurde Kauffrau, um direkt anschließend nach Berlin abzuwandern.

Technik und Rhythmusgefühl

Hier machte sie das Abitur nach, tauchte in die Musikszene ein, spielte Schlagzeug in diversen Bands, so voller Leidenschaft, dass sich ihre Handgelenke entzündeten. Es folgte Therapie und ein Behandlungsfehler. Das Schlagzeug wanderte in den Keller. Stattdessen hielten Plattenspieler und Mischpult Einzug in ihre Wohnung.

Sie fing an, elektronische Musik mit Michael-Jackson-Songs zu mixen, übte das Pitchen, heißt, die Geschwindigkeit der Musikstücke aufeinander abzustimmen. „Die Technik zu erlernen fiel mir leicht, durch das Schlagzeugspielen hatte ich schnell das richtige Gefühl für Rhythmus“, sagt Ena Lind. Dann spielten Organisationstalent, Glück und die richtigen Begegnungen eine große Rolle, die sie dahin brachten, eine international gefragte DJ für Deep House zu werden.

Nach kleinen Partyreihen in Berlin folgten Auftritte in Kopenhagen, New York, Montreal, Istanbul, London, Paris, Bologna, Rom, Barcelona. Im Kopenhagener TS, einer der besten internationalen Deep House-Clubs, ist sie seit zwei Jahren Resident-DJ. „Alle drei bis vier Monate lege ich dort auf“, sagt sie. Jedes Wochenende ist sie gebucht, bespielt große Hallen, ist viel auf Reisen. Doch damit ist ihre Arbeit nicht getan. „Stunden vergehen damit, neue Musik zu suchen und zu kaufen.“

Kleiner Ausstieg aus dem Nachtleben

Die Musik findet sie nicht nur im Internet, sondern auch auf Partys, bei denen Kolleginnen und Kollegen auflegen. „Netzwerken ist wichtig, Kontakte knüpfen, dabei sein, hören was die anderen auflegen“, erzählt sie, die nachts so viel unterwegs ist, mit Drogen nichts am Hut hat und so gut wie keinen Alkohol trinkt. Ihren Ausgleich findet sie im Yoga und einem Leben, das trotz der exzessiven Nachtarbeit auch am Tag eine Struktur hat.

Längst ist sie nicht mehr alleine. In Zoe T. Rasch hat sie eine Managerin gefunden, die sich um ihr Booking kümmert, sie berät und mit ihr die Partyreihe Mint veranstaltet. Zehn Jahre lang stand die 38-Jährige Diplom-Kommunikationswirtin selbst hinter den Plattentellern und macht sich als DJ Zoe im Elektrobereich einen Namen. Vor knapp zwei Jahren stieg sie aus und gründete die Berliner Agentur Birds and Bells, die DJs und Musiker vermittelt und Veranstalter, Eventagenturen und Unternehmen in der Musikkonzeption berät.

„Irgendwann dachte ich, jetzt ist gut“, begründet Zoe Rasch ihren Ausstieg. „Ich musste aufhören, bevor ich eine DJ wurde, die ohne innere Motivation auflegt.“ Fürs Auflegen brauche man diese Motivation und die Energie, in die Nacht zu gehen. Nun verbindet sie ihre Kenntnisse, die sie im Studium der Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation an der Universität der Künste Berlin (UdK) erworben hat und die Erfahrungen, die sie bei ihrer freiberuflichen Tätigkeit in Werbe- und Eventagenturen gemacht hat, mit dem Know-how, das sie aus dem Clubleben mitbringt. „Nach zehn Jahren als DJ kenne ich die Strukturen und Besonderheiten des Nachtlebens ganz gut“, sagt sie.

Managerin übernimmt das Booking

Für Ena Lind hat sich viel geändert, seitdem sie mit einer Managerin arbeitet. „Das Booking hat viel Zeit in Anspruch genommen“, sagt sie. „Nun kann ich meine ganze Zeit dem Musikauflegen widmen.“ Zoe Rasch kümmert sich um ihre Auftritte, gemeinsam besprechen sie, welcher gut ist und welcher weniger gut. Zoe Rasch sorgt für ein Gleichgewicht, das sich auch finanziell für Ena Lind auszahlt. „Ich arbeite mit Unternehmen zusammen und vermittel auch DJs für Firmenevents“, sagt Zoe Rasch. „Die Firmen schöpfen aus Marketingbudgets und können so besser zahlen, als es die Clubszene tut.“ So ist Ena Lind zur Fashion-Week immer sehr gut gebucht.

Ähnlich wie Musiker beklagen sich auch DJs über die schlechte Bezahlung in Berlin. DJ-Honorare beginnen bestenfalls bei 200 Euro, nach oben sind fast keine Grenzen gesetzt. Je nach Bekanntheitsgrad. „Außerhalb von Berlin ist das Einkommen für DJs höher“, sagt Zoe Rasch. Da bekommen sie schon mal das zwei- oder dreifache, zuzüglich Reisekosten und Hotelübernachtung.

In der Forbesliste der best bezahltesten DJs liegt der schottische Elektro-DJ Calvin Harris mit einem Jahreseinkommen von 46 Millionen Dollar an der Spitze, der auch im Mainstream bekanntere David Guetta liegt auf Platz drei mit 30 Millionen Dollar. Auch hier auffallend: unter den 15 bestverdienenden DJs weltweit ist keine einzige Frau.

Zoe Rasch weist darauf hin, dass die gut verdienenden DJs meist alle auch eigene Musik produzieren und über ein Label vertreiben. Das ist auch eine Option für Ena Lind. Ihre Zukunftsmusik: eigene Songs zu produzieren. Doch bis dahin bringt sie ihr Publikum zum Tanzen und sorgt gemeinsam mit Zoe Rasch dafür, dass weibliche DJs eine Plattform haben, den Nachtschwärmern mit Elektro- Beats einzuheizen.