Matze und Anne heißen nicht so, und wer das behauptet, den verklagen die beiden. „Nein, nicht wirklich“, sagt Matze, grinst und nimmt im Berghain hin und her wippend noch einen Schluck aus seinem vierten Bier. Er trinkt es im Wechsel mit Kaffee und Club Mate, seit acht Stunden.

Es ist kurz nach 18 Uhr, Matze hat etwas glasige Augen, seine Halbglatze glänzt, er will eine Pause und gerade wird ein Platz auf der großen Bett-Schaukel frei, direkt neben der Bar. Seine Frau Anne sieht fitter aus. Annes schulterlange, dunkle Lockenfrisur wippt wie ein Pompom einer jungen Cheerleaderin. „Von mir aus“, sagt sie, „legen wir uns hin, schaukeln und reden was.“

Nach dem Frühstück in den Club

Sie erzählen kuschelnd und schaukelnd: Rund einmal im Monat bestellen die beiden einen Babysitter für Sonntagmorgen, 9 Uhr. „Tschüssi, Lenchen“, sagen sie dann zu ihrer Tochter, die natürlich auch anders heißt. „Mama und Papa kommen bald wieder!“ Dann gehen die beiden Enddreißiger frühstücken in einem Kaffee in Prenzlauer Berg, er meist „vegetarisch“ mit drei speziellen Käsecremes, sie „italienisch“ mit Parmaschinken und Mortadella.

Zu dem Zeitpunkt sind sie schon etwas aufgekratzt, weil sie ja wissen, was bald kommt. Sie bleiben nur eine halbe Stunde im Café. Dann nehmen sie die Tram M10 und fahren nach Friedrichshain, stellen sich in die kurze Morgen-Schlange vor dem Club „Berghain“ und betreten gegen 10 Uhr morgens: ihre Nacht.

Die Nacht ist in Berlin schon lange nicht mehr gebunden an einen festen Zeitablauf. Das Schlafen schon gar nicht. Tausende Menschen in der Stadt gehen Sonntagmorgen schlafen, nach ihrer Nachtschicht: Sie haben mit Blaulicht Menschenleben gerettet, sie haben das Internet mit Texten und Bildern bereichert, sie haben Kaffeeflecken von Chefetagen-Glastischen gewischt.

Leben richtet sich nicht nach der Sonne

Das Leben vieler Berliner richtet sich zwar nach der Uhr, aber nicht mehr nach der Sonne. Weil diese Nachtarbeiter auch essen, trinken und Busfahren wollen, ergibt sich ein Bedürfniskreislauf, der immer komplexer wird. Und schließlich gibt es diejenigen, die eine Woche lang warten, um am Wochenende wach bleiben zu dürfen, von Samstag über Sonntag bis Montag. Sie feiern „SaSoMo“, am liebsten in Berlin.

Wolfgang Kaschuba, Stadt-Ethnologe an der Humboldt-Universität zu Berlin, sagt, dass dieses Phänomen perfekt zu Berlin passe. Das habe vor allem mit der Geschichte der Stadt der vergangenen 100 Jahre zu tun. „Berlins Innenstadt ist eben gerade nicht poliert und tot wie in Rom, Paris oder sogar Peking.“ Die Kriegsbomben und der Mauerbau hätten Lücken hinterlassen und Orte bereitgestellt, die komplett unstrukturiert gewesen seien.

„Hier konnten sich Kunstprojekte und eine Jugendkultur entwickeln, um die uns andere Städte beneiden, der Punk, die Graffitis, das Nachtleben.“ Es sind ideale Voraussetzungen. „Die Nacht macht attraktiver“, sagt Kaschuba, „und gleichzeitig anonym.“

Auch Lady Gaga kommt ins Berghain

Einen anderen Blickwinkel hat ein britischer Nachwuchs-Wissenschaftler, der gerade ein Jahr in Berlin gelebt hat. Connor Purdy vom St. Johns College in Cambridge, England, hat am Montag dieser Woche seine Abschlussarbeit für Germanistik und Kulturwissenschaften abgegeben. Thema: „Das Berghain als weltweit einzigartiges Raumkunstwerk“.

Der 22-Jährige wolle sich historisch, kulturwissenschaftlich und philosophisch diesem ehemaligen Heizkraftwerk annähern. „Wie steht das Berghain in Verbindung zur Geschichte der Stadt und zu Europa?“, fragt er und ergänzt: „Zum Krieg? Zum Holocaust?“ Gleichzeitig wolle er herausfinden, warum ausgerechnet die bekannteste Sängerin der Welt, Lady Gaga, in der kommenden Woche ihr Album in diesem Gebäude vorstellt. „Sie hätte es überall tun können, aber es musste das Berghain sein.“

Das Türsteher-Theater

Eine Nacht im Berghain beginnt zunächst mit den Türstehern. Sie kontrollieren Gesichter, Stil und Taschen von all den Matzes und Annes, die herein wollen. Die wenigsten Gäste tragen aufwendige Kleidung oder Kostüme, man will praktisch angezogen sein, Stoff, der auch Schweiß verträgt, der sich leicht ausziehen lässt. Wenn der Türsteher fragt: „Wo ist Deine Brille? Letztes Mal hattest Du eine.“ Dann: besser eine aufsetzen. Wenn er den Kopf schüttelt, dann einfach gehen, nie diskutieren. Berlin hat 200 andere gute Clubs in Laufweite, Watergate, Golden Gate, Suicide. Ja, Türsteher können den Abend verderben, aber manchmal ist dieser erste Kontakt auch ein kleines Theaterstück:

Berghain, Sonntag, 18 Uhr:

Türsteher: Ist da ein Fotoapparat drin?

Gast: Nein, nur mein Handy, aber keine Ambitionen.

Türsteher (grinst): Wie jetzt, gar keine Ambitionen?

Gast (grinst auch): Zum Fotografieren nicht. Sonst schon.

Türsteher: Na, dein Glück. Wäre ja auch traurig.

Das Tor zur „Nacht“ ist offen.

Das Konzept dieser Art von „Nacht“ gibt es laut Wolfgang Kaschuba erst seit rund 200 Jahren. „Die Nacht wurde bis dahin eher als etwas Feindseliges angesehen“, sagt er, als das Gegenstück zum Tag.

Erst mit Entstehen der Städte wurden die Nächte sicherer

Die Romantiker konnten noch mit Mond und Sternenhimmel etwas anfangen, aber erst, als dann um das Jahr 1800 die ersten Städte entstanden, wurden die Nächte etwas sicherer. Polizei sorgte für Ordnung, doch sie konnte nicht überall sein.

Straßen bekamen Straßenlampen, doch in vielen europäischen Städten gilt noch heute eine Sperrstunde für Kneipen. In Berlin gibt es die schon seit 1949 nicht mehr. Außerdem waren die Nächte damals, sagt Kaschuba, „reine Männersache“: mit Rauschmittel und Glücksspielen. Frauen kamen in den Geschichten über die Nacht nur vor, wenn sie bezahlt wurden.

Im Berghain lässt sich gut beobachten, wie viele dieser Grenzen längst aufgehoben sind. Die Frage, „Wo sind hier die Damentoiletten?“, wird zwar noch gestellt, aber die Antwort ist ein Kopfschütteln. Toiletten sind Unisex, wie längst in vielen Clubs Berlins, Kater Holzig oder Sisyphos. Kurz nach 18 Uhr am Sonntag stehen Matze und Anna auf der Tanzfläche und tanzen.

Grüne Bierflaschen schaukeln im Rhythmus

Ab und zu legen sie die Arme umeinander und rufen sich etwas ins Ohr. Das sieht romantisch aus, liegt aber auch an den gelben Schaumgummi-Ohrstöpsel in ihren Ohren. „Die gibt es kostenlos an der Bar“, sagt Matze, „ich bin 39, ich will doch kein Hörgerät.“ Er tanzt sehr nahe an einer rund drei Meter hohen Box, deren Vibrieren alles im Takt erschüttert.

Matze hat sein T-Shirt anbehalten, obwohl viele Männer um ihn herum es bereits ausgezogen haben. Mit ihren Muskeln, dem verschlossenen Blick, den geschürzten Lippen und den harten Box-Bewegungen sind sie sehr ernst bei der Sache, also: dem Tanzen.

Gegensätze sind Alltag an diesem Nacht-Ort, Gespräche über ernste Dinge, während sich die Erzählenden bewegen, grüne Bierflaschen in der Hand im Rhythmus schaukeln. Plötzlich doch laut auflachen, weil jemand im vorbeigehen sagt: „Ich dachte, hier gebe es Sex auf dem Dancefloor.“

Berghain als Gegenmodell zur geregelten Gesellschaft

Der Jung-Wissenschaftler Connor Purdy hat auch dieses Phänomen untersucht, die Suche nach Ausnahmesituationen, nach Hemmungslosigkeit. Er hat dazu Artikel gelesen, die tatsächlich argumentieren, dass gerade in Berlin, der Hauptstadt der Deutschen, es solch einen Ort geben müsse, der eigene Regeln aufstelle – nicht nur für „Tag“ und „Nacht“, sondern auch für „richtig“ und „falsch“, zum Beispiel bei der Drogenfrage. Wie viel mute ich meinem Körper zu? Oder doch nur Musik hören heute?

Der französische Philosoph Michel Foucault gab dem Phänomen den Namen „Heterotopie“ und meint damit „gewissermaßen Orte außerhalb aller Orte, wiewohl sie tatsächlich geortet werden können“. Die Deutschen, so Purdy weiter, brauchen Orte wie das Berghain als Gegenmodell zu ihrer geregelten Gesellschaft.

Und um vor der Konfrontation mit ihrer eigenen gewaltvollen Vergangenheit zu fliehen. Der Berliner Wissenschaftler Wolfgang Kaschuba sieht das nicht ganz so, argumentiert aber auch historisch: „Berlin galt immer als sehr freigeistig“, sagt er. „Und als vor etwas mehr als 100 Jahren das elektrische Licht erfunden wurde, wurde die Nacht zum Tag.“

Fünf Nächte werden zu einer langen Nacht

Matze und Anna haben viele Menschen getroffen, die seit 18 Stunden hier tanzen, trinken und „Urlaub von sich machen“, wie die beiden das ausdrücken. Einige von ihnen liegen inzwischen wie Zigaretten im Aschenbecher zusammengekrümmt auf Sofas. Da ist John aus Australien, der in London wohnt, wo er aber „niemals so einen Club finden“ werde.

Mit ihm tanzte vorhin noch Sabine, deren „e“ nicht mitgesprochen wird, weil sie Französin ist. Sabine sei nur wegen des Berghains nach Berlin gekommen. „Ich mache das einmal im Jahr“, sagt sie. Das gebe ihr Kraft für ihren Job. „Ich pflege alte Menschen in einem Ort bei Paris, solange, bis sie sterben.“ Da sei diese Angst, sagt sie, dass sie auch einmal so alt werde. „Hier habe ich keine Angst.“

Sabine wundert sich nur, dass sich von Jahr zu Jahr so wenig ändere, dass ihre fünf Nächte hier auf Monate verteilt für sie zu einer einzigen langen Nacht werden. „Die Musik“, sagt sie noch, „die ist das wichtigste, alles andere ist Beiwerk.“

„Wir machen weiter wie bisher“

Und die Musik ist sich in der Tat treu geblieben, der Club hat DJ-Namen bekannt gemacht, Karrieren geschmiedet, und will genau das weiter tun. Das einzige Zitat der Betreiber zu ihrem Club bleibt nach wie vor: „Wir machen weiter wie bisher.“ Mit diesem Satz haben sie den Medien-Hype weggelächelt, der ausbrach, als der Ort 2009 zum besten Club der Welt gewählt wurde.

In diesem Jahr ist es auf Platz 18, aber solche Rankings blieben folgenlos für den Club. Nicht für das Publikum, das wurde schlagartig touristischer, vor allem am Sonnabend, wenn sie in langen Schlangen anstehen. Berliner wie Matze und Anne kommen am Morgen ohne Wartezeit zum Türsteher.

Vor einer Woche wurde ein Foto in vielen Berliner Blogs verlinkt. Es zeigt einen Zettel aus einem öffentlichen Fotoautomaten in Friedrichshain. Die Kunden waren aufgefordert, eine Stecknadel neben die Namen ihres Lieblingsclubs zu stecken. Neun Nadeln steckten beim „Kater Holzig“, fünf bei „Brunnen70“ und vier unter anderem beim „About Blank“, keine einzige Stecknadel beim Berghain. Berg-was? Die Chance für eine Renaissance?

Berghain als Gefangener seines Klientels

Die Berliner Clublandschaft hat sich in den neun Berghain-Jahren stark verändert. Veränderung ist das, was bei Berliner Clubs ganz natürlich passiert, nur nicht im Berghain. Der Brite Connor Purdy hat es in seiner Arbeit „die unantastbare Institution“ genannt. Der Berliner Wolfgang Kaschuba sieht auch ein Problem darin: „Die Stärke der Unveränderbarkeit, ist gleichzeitig auch ein Fluch“, sagt er. „Das Berghain ist in gewisser Hinsicht Gefangener seines Klientels und des Marktwertes, der nur wenig Veränderung duldet.“ Die Macher bleiben aber Pioniere des Nachtlebens, ein Faktor, der fast einen Drittel der Touristen nach Berlin zieht.

Als Matze um 21 Uhr seine Jacke abholen will, fällt ihm auf, dass seine Garderobenmarke weg ist. Ein kurzer Schreck, über den Anne noch redet, als die beiden wie auf Schienen in den Berliner Abend gehen. Die Marke war gefunden und abgegeben worden, alles lief glatt. Anne verabschiedet sich routiniert bei den Türstehern, das gehört sich so. Sie biegen ab in Richtung Tram M10 – und setzen ihre Sonnenbrillen auf.

Morgen lesen Sie: Die Nacht im Botanischen Garten