Rendite-Rutsch

Worauf man bei Lebensversicherungen achten muss

Die Verzinsung von Lebenspolicen fällt unter vier Prozent und der Staat beschneidet die Vergünstigen bei Neuverträgen. Wer jetzt nicht aufpasst, ist später gestraft.

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Wer zu spät kommt, den bestraft die Lebensversicherung. Diese Furcht breitet sich derzeit unter Deutschlands Vorsorge-Sparern aus. Verantwortlich dafür sind nicht zuletzt Tausende Versicherungsvertreter, die in den Wohnzimmern und Wohnküchen der Republik den Policen-Schlussverkauf ausgerufen haben. „Jetzt noch alle Vorteile sichern“, tönt es auch aus dem Fernseher, in diesem Fall in einem Spot der Europa-Versicherung.

Werbung und Vertreter zielen auf gesetzliche Änderungen ab, die die Lebensversicherung ab Januar noch unattraktiver machen: Mit dem Jahreswechsel sinkt der Garantiezins von 2,25 auf 1,75 Prozent. Auch wird die steuerliche Begünstigung weiter zurückgefahren. Ab dem Jahr 2012 dürfen Neuverträge erst ab dem vollendeten 62. Lebensjahr fällig werden, damit weiterhin nur die Hälfte der Erträge der Besteuerung unterliegt. Bisher markierte das vollendete 60. Lebensjahr diese Grenze.

Ohne es zu wollen liefert die Branchen mit ihren Torschluss-Slogans ein kritisches Argument gegen die beliebteste Altersvorsorge der Bundesbürger: Denn auch Versicherte, die sich den bisherigen Garantiezins von 2,25 Prozent noch sichern können, kommen in gewisser Weise zu spät.

Wenig flexibel

„Die Lebensversicherung ist nicht gerade die flexibelste Anlageform“, klagt Antonio Sommese, Finanzstratege in Mainz. Nun falle auch noch die Rendite. Kunden sollten sich die Frage stellen, ob sie sich unter diesen Umständen bis zu 30 Jahren binden wollten. Rund die Hälfte der Lebensversicherungspolicen werden nicht bis zur Fälligkeit gehalten.

Bis zur Jahrtausendwende war die Lebensversicherung der Star unter den Vorsorgeprodukten. Mehr als 90 Millionen Verträge gibt es in der Bundesrepublik. Die Police war nicht nur ein Instrument der Absicherung, sondern auch eine attraktive Geldanlage. Noch im Jahr 2001 lag die laufende Verzinsung, die die Gesellschaften ihren Kunden gutschrieben, bei stattlichen 7,1 Prozent.

Von solchen Traum-Verzinsungen können die Versicherten heute nur noch träumen. Für das Jahr dürfen Kunden nur mehr mit einer Rendite von durchschnittlich 3,95 Prozent rechnen. Das geht aus den Zahlen von 34 Gesellschaften hervor, die bisher „deklariert“ haben, wie es im Branchenjargon heißt.

Damit ist die laufende Verzinsung zum ersten Mal in der Nachkriegszeit unter die Marke von vier Prozent gefallen. Bitter ist der Rendite-Rutsch auch deshalb, weil sich der Abstand zur Inflationsrate immer stärker verkürzt. Zuletzt betrug die Geldentwertung in Deutschland 2,4 Prozent. Von den schrumpfenden Renditen sind auch Riester- und Rürup-Verträge betroffen.

Verzinsung dürfte weiter fallen

Unwahrscheinlich ist, dass die 3,95 Prozent der Tiefpunkt sein werden. Da die Konzerne einen Großteil der Kundengelder am Anleihenmarkt anlegen – Aktien spielen nur eine geringe Rolle –, sind ihre zu erwirtschaftenden Erträge vom allgemeinen Zinsniveau abhängig. Das aber geht wegen der schwachen Wirtschaft und der Euro-Krise zurück. Zusätzlich machen fallende Aktienmärkten und hohe regulatorische Auflagen den Gesellschaften zu schaffen.

Das Hauptproblem aber sind die Mickerzinsen, die von der Europäischen Zentralbank dauerhaft niedrig gehalten werden. Zuletzt warfen Bundesanleihen mit zehnjähriger Laufzeit nur noch knapp 1,9 Prozent Jahreszins ab, bei der Zweijährigen waren es nur mehr 0,2 Prozent. Die Umlaufrendite, die den Durchschnittszins aller öffentlichen Anleihen wiedergibt, liegt bei 1,5 Prozent. Anfang der Neunzigerjahre lag die Umlaufrendite bei über neun Prozent.

Bei den niedrigen Kapitalmarktzinsen fällt es den Versicherern zunehmend schwer, die hohen Garantiezinsen von Altverträgen zu erwirtschaften. Bis ins Jahr 2000 stand ein Höchstrechnungszins, wie der Garantiezins offiziell heißt, von vier Prozent in den Verträgen. Es folgte eine Absenkung auf 3,25 Prozent zum 1. Juli 2000, dann auf 2,75 zum 1. Januar 2004 und schließlich auf 2,25 Prozent zum 1. Januar 2007.

Zu Beginn des kommenden Jahres fällt nun die nächste Marke: Neukunden garantieren die Gesellschaften dann nur noch 1,75 Prozent. Die laufende Verzinsung setzt sich aus eben dieser gesetzlichen Garantieverzinsung und der laufenden Zinsüberschussbeteiligung zusammen. Beides müssen die Gesellschaften jedoch erst mal am Kapitalmarkt erzielen, was ihnen immer schwerer fällt.

Rückschlag kam 2001

Den ersten schweren Rückschlag verzeichnete die Verzinsung von Lebenspolicen 2001 auf 2002, als sie um einen ganzen Prozentpunkt auf 6,1 Prozent zurückging. Im folgenden Jahr fiel sie auf 4,8 Prozent. Danach verlangsamte sich die Rendite-Schmelze etwas. Doch nun ist mit dem Unterschreiten der Vier-Prozent-Schwelle ein neues kritisches Stadium erreicht.

Der Fall der Vier-Prozent-Marke erschwert es dem Vertrieb der Versicherer, das Produkt an den Mann zu bringen. Für Sparer wird der Neuabschluss einer Lebenspolice aber noch aus einem anderen Grund unattraktiver: Unterschwellig findet ein Verteilungskampf zwischen Alt- und Neukunden statt. Viele Versicherer haben noch einen hohen Bestand von alten Verträgen, denen sie einen Zins von vier Prozent garantiert haben. Die erwirtschafteten Renditen kommen erst mal jenen Kunden zugute, die gute alte Vier-Prozent-Verträge ihr Eigen nennen.

Bisher konnten die Gesellschaften die Differenz zwischen dem am Markt Erwirtschafteten und den Versprechungen an ihre Kunden durch ihre Rücklagen ausgleichen. Doch sobald die ohnehin schrumpfenden Rücklagen aufgezehrt sind, werden die laufenden Erträge vordringlich dafür aufgewendet werden müssen, die höheren Garantien weiter zu bedienen.

Zweiklassengesellschaft

Die Folge ist, dass es bei Gesellschaften die unter vier Prozent auszahlen, eine Zweiklassengesellschaft von Versicherten gibt: Solche mit attraktiven Altverträgen, die aufgrund der gesetzlichen Garantie weiter vier Prozent erhalten, und solche mit Neuverträgen, die weniger Zinsen abwerfen. Bisher gab es kein großes Problem: Die jährliche Überschussbeteiligung lag über vier Prozent und damit hoch genug, um dem gesamten Versichertenkollektiv denselben Ertrag gutzuschreiben. Vorsorge-Sparer müssen sich die Gesellschaft, bei der sie abschließen wollen, genauer anschauen denn je.

Bei der Entwicklung der laufenden Verzinsung unterscheiden sich die Anbieter markant: Marktführer Allianz schreibt seinen 17 Millionen Lebensversicherten für 2012 vier Prozent gut. Das sind um 0,1 Prozentpunkte weniger als im Vorjahr. Die Nummer zwei, AachenMünchener, hält ihre Verzinsung stabil bei 4,2 Prozent. Erstmals unter vier Prozent fallen Alte Leipziger, Axa, Condor, DBV, Ergo, Generali, Gothaer, Hannoversche und R+V. Bei diesen Gesellschaften wird es ab 2012 eine Teilung des Kollektivs in Vier-Prozent-Kunden und „Rest“-Kunden geben.

Bei alledem müssen Sparer bedenken, dass in Wirklichkeit nicht ihre gesamten Beiträge verzinst werden, sondern nur der Sparanteil der eingezahlten Beiträge. Von den Einzahlungen gehen Kosten für Verwaltung und Vertragsabschluss sowie eventuell Todesfall-Schutz ab.

Generell gilt: Je mehr Altverträge mit hohem Garantiezins eine Gesellschaft hat, desto größer ist die Gefahr, an eine Gesellschaft mit zwei sich auseinander lebenden Klassen zu geraten. Sparer, die sich mit dem Gedanken tragen, eine Lebensversicherungspolice abschließen, sollten sich nicht scheuen, ihren Versicherungsvertreter mit kritischen Fragen wie zum Beispiel nach der Quote der Altverträge zu löchern. Wer dies nicht tut, läuft Gefahr, später vom Leben bestraft zu werden.