Zins-Sturz

Lebens-Policen führen zur Zweiklassengesellschaft

Erstmals seit Jahrzehnten wird der Zins für Lebens-Policen unter vier Prozent fallen. Jetzt büßen alle Sparer für die Rendite-Garantie weniger.

Foto: Infografik Welt Online

Für Deutschlands Lebensversicherte ist die Finanzkrise nicht vorbei. Sie fängt gerade erst an. So zumindest müssen sich die Millionen Sparer fühlen, die für ihr Auskommen im Alter auf Lebensversicherungen oder private Rentenversicherungen gesetzt haben. Sie bekommen immer weniger raus – darunter sind auch viele staatlich geförderte Riester- und Rürup-Sparer.

Dieser Tage erreichen neue Hiobsbotschaften die Versicherten. Lebensversicherer werden ihren Kunden im kommenden Jahr erstmals in der Nachkriegsgeschichte im Durchschnitt wohl weniger als vier Prozent gutschreiben. Die laufende Verzinsung wird 2012 voraussichtlich auf 3,85 Prozent absacken von derzeit 4,07 Prozent. Eine Verzinsung von knapp vier Prozent mag im Vergleich mit Tagesgeldkonditionen oder gar den Minusrenditen am Aktienmarkt für viele Anleger attraktiv erscheinen. Vier Prozent stellen jedoch für die Versicherer eine Art magische Marke dar – die sie nun durchbrechen müssen.

Weniger als vier Prozent macht es dem Vertrieb immer schwieriger, das Produkt Lebensversicherung an den Mann zu bringen. Noch schwerer wiegt jedoch, dass viele Versicherer ihren Altkunden genau diese vier Prozent garantiert haben.

Wer zwischen Juli 1994 und Juli 2000 eine Police abgeschlossen hat, hat garantierten Anspruch auf die magische Zahl . Damals lag der auch als Garantiezins bekannte Höchstrechnungszins bei vier Prozent. Diese Verpflichtungen gegenüber Altkunden lassen sich heute alleine an den Märkten, wo sichere Bundesanleihen kaum mehr als zwei Prozent abwerfen und der Dax auf Jahressicht 16 Prozent im Minus notiert, nicht mehr erfüllen.

Das hat zur Folge, dass die erwirtschafteten Magerrenditen erst mal jenen Kunden zugutekommen müssen, die gute alte Vier-Prozent-Verträge ihr eigen nennen können. Im Klartext: Sobald die ohnehin schrumpfenden Rücklagen der Versicherungsgesellschaften aufgezehrt sind, müssen Kunden mit niedrigerer Garantieverzinsung für die anderen in die Bresche springen. Damit gibt es ab kommendem Jahr eine Zweiklassengesellschaft bei vielen Lebensversicherern.

Die Verzinsung für Lebensversicherte setzt sich aus mehreren Komponenten zusammen. Zum einen ist da die Garantieverzinsung, die je nach Abschlussdatum zwischen 2,25 Prozent und vier Prozent liegt. Aktuell beträgt dieser Höchstrechnungszinssatz 2,25 Prozent, ab Januar 2012 wird sie auf 1,75 Prozent fallen. Zum anderen werden Policen-Sparer am Zinsüberschuss beteiligt – dem Betrag, den die Gesellschaften an den Märkten über die garantierte Leistung hinaus erwirtschaftet haben. Wer mit dem Vertrag durchhält, bekommt außerdem noch die Schlussüberschussausschüttung.

Bisher war die jährliche Überschussbeteiligung groß genug, um dem gesamten Versichertenkollektiv dieselbe Rendite gutzuschreiben. Doch im kommenden Jahr fallen viele Versicherer mit ihrer laufenden Verzinsung unter vier Prozent. Gleich einen halben Prozentpunkt geht es bei der Axa bergab. Für 2012 schreibt sie Kunden 3,8 Prozent gut – sofern sie eben nicht die vier Prozent im Vertrag stehen haben. Erstmals unter vier Prozent sind auch R+V und Gothaer, DBV und Alte Leipziger gefallen. Bei diesen Gesellschaften wird es ab 2012 eine Teilung des Kollektivs in Vier-Prozent-Kunden und „Rest“ geben.

Marktführer Allianz, schriebt seinen 17 Millionen Lebensversicherten vier Prozent gut – für 2012. Bei oder über vier Prozent liegen auch noch Europa, Ideal, Interrisk, Targo und VGH Provinzial. Aber auch diese Gesellschaften haben mit einem niedrigen Zinsniveau, fallenden Aktienmärkten und hohen regulatorischen Auflagen zu kämpfen.

Beispielsweise musste auch die Allianz um 0,1 Prozentpunkte zurückschrauben. Und die Europa, die ihren Sparern 2010 noch 4,8 Prozent brachte, verzinst den Sparanteil noch mit 4,35 Prozent. Ohnehin werden nicht die gesamten Beiträge verzinst. Von den Einzahlungen gehen Kosten für Verwaltung und Vertragsabschluss sowie gegebenenfalls für Absicherung des Todesfalls ab.

Für Sparer, die jetzt neu eine Lebensversicherung abschließen wollen, hat das Konsequenzen. Sie sollten sich eine Gesellschaft suchen, die möglichst viele neue Verträge mit ebenfalls niedriger Garantieverzinsung hält. Dann ist zumindest die Gefahr geringer, dass das Anlageergebnis ungleich, zu ihren Lasten, verteilt wird.

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