Berufsunfähigkeit

Operation geglückt, Patient ist überversichert

Versicherungen werben mit einer neuen Form von Berufsunfähigkeits-Policen. Sie eignen sich jedoch nur für wenige Fälle. Für diese aber dann umso mehr.

Foto: pa/obs/Swiss Life Deutschland / dpa/Swiss Life

Der Personaltrainer Mirko Schmidt* stand kurz vor einer existenziellen Katastrophe. Er hatte sich eine schwere Rückenverletzung zugezogen, wurde operiert, lag lange im Krankenhaus und musste danach noch ein Jahr in die Reha.

Obwohl er während dieser Zeit krankgeschrieben war, zahlte seine Berufsunfähigkeitsversicherung nicht. Er klagte jedoch – und bekam zumindest für die Hälfte der Zeit recht. Ähnlich erging es einem Lagerarbeiter, dem nach einer schweren Krankheit vorgeschlagen wurde, er könne noch als Pförtner arbeiten. Einem Polizisten mit Muskelschwäche wurde von seinem Versicherer der Vorschlag unterbreitet, in die freie Wirtschaft zu wechseln.

Für viele Geschädigte ist es trotz abgeschlossener Berufsunfähigkeitsversicherung (BU) offenbar nicht leicht, an den vertraglich vereinbarten Ersatz für Einkommensausfälle zu kommen. Zwischen 2000 und 2009 stiegen die beantragten BU-Leistungsfälle laut einer Studie des unabhängigen Analysehauses Morgen & Morgen von 48.700 auf 62.900, also um 30 Prozent. Die Zahl der anerkannten BU-Leistungsfälle stieg im gleichen Zeitraum aber nur um acht Prozent, von 35.200 auf 38.100.

Versicherungsleistung wird eingeklagt

Da bleibt dem Versicherten oft nur eine Klage als Ausweg. Zwar enden rund 52 Prozent aller rechtlichen Auseinandersetzungen, bei denen es um die Anerkennung einer Berufsunfähigkeit geht, mit einem Vergleich. Doch nicht immer gehe es versöhnlich aus, sagt Stephan Schinnenburg, Geschäftsführer von Morgen & Morgen: „Die Anerkennungsquote vor Gericht ist in den vergangenen Jahren von 74 auf 68 Prozent gesunken.“ Das Problem: Bei der herkömmlichen Berufsunfähigkeitsversicherung basiert der Leistungsanspruch des Versicherten auf dem Verlust seiner Berufsfähigkeit – und dessen Nachweis.

Als Alternative zu diesem Modell hat sich in den vergangenen Jahren nun die Dread-Disease-Versicherung etabliert. Hierbei muss der Versicherte nur die Diagnose einer versicherten schweren Krankheit vorlegen, wie etwa Krebs, Herz- oder Hirninfarkt. „Sobald der zuständige Arzt eine der versicherten Krankheiten diagnostiziert hat, erhält der Kunde sein Geld. Die Prozessquote ist äußerst niedrig“, sagt Alexander Schrehardt, Geschäftsführer der Consilium Beratungsgesellschaft. Langwierige rechtliche Auseinandersetzungen gebe es also, anders als bei einer BU, kaum.

Bundesweit bieten derzeit drei Unternehmen das Dread-Disease-Paket an: Canada Life, Gothaer und Skandia. Bei Canada Life sind aktuell 43 Krankheiten im Versicherungsfall abgedeckt. Gothaer listet 28 Krankheiten auf, bei Skandia sind es 33. Die bei Vertragsabschluss vereinbarte Summe erhält der Kunde als Einmalbetrag.

Das neue Modell ist umstritten

„Diese Policen eignen sich für Freiberufler wie Ärzte, Anwälte oder Journalisten“, sagt Günther Soboll, Deutschland-Chef von Canada Life. Aber auch selbstständige Handwerker wie Fliesenleger oder Dachdecker, deren Berufe Gelenke oder Wirbelsäule besonders stark belasten, könnten von dem Angebot profitieren. Gerade für diese Berufsgruppen ist es in den vergangenen Jahren schwieriger geworden, eine herkömmliche BU zu erhalten.

Ob das Modell tatsächlich als Alternative zur BU taugt, ist umstritten. Der Bund der Versicherten (BdV) etwa kritisiert, dass Dread-Disease-Policen die Kapitalzahlungen nur beim Eintritt bestimmter schwerer Erkrankungen vorsehen. Dazu gehören vor allem Krebs, Herzinfarkt, HIV-Infektion, Parkinson oder Schlaganfall. „Diese spielen bei Berufsunfähigkeiten jedoch fast keine Rolle“, heißt es beim Bund der Versicherten.

Brauchbar sei ein solches Angebot nur, wenn es sich an den tatsächlichen, besonders verbreiteten Risiken der Kunden orientiere. Hauptauslöser für Erwerbs- und Berufsunfähigkeit sind psychische Störungen sowie Herz- und Kreislauferkrankungen. Die Dread-Disease-Versicherung könne daher allenfalls eine sinnvolle Ergänzung bieten, sei aber keine Alternative zur BU.

Anbieter von Dread-Disease-Versicherungen verweisen darauf, dass die Listen der Krankheiten nahezu alle Möglichkeiten eines krankheits- und unfallbedingten Verlustes der Berufsfähigkeit abdeckten und somit ein umfassender Versicherungsschutz gewährleistet werde. „Für alle weiteren Fälle bieten wir eine BU-Pflegeabsicherung oder eine BU-Rente bei psychischen oder Rückenerkrankungen als Zusatzbausteine gegen einen entsprechenden Mehrbeitrag an“, sagt Günther Soboll von Canada Life.

Gerade in letzter Zeit hätten sich die Nachfragen in diese Richtung tatsächlich gehäuft, sodass die Versicherer reagieren mussten. „Die Bedürfnisse unserer Kunden ändern sich permanent, und wir versuchen so flexibel wie möglich darauf zu reagieren“, so Soboll weiter. Solche Zusatzversicherungen kosten natürlich extra. Zudem sind psychische Erkrankungen nicht so leicht zu diagnostizieren wie physische – was wiederum der beworbenen Einfachheit der Dread-Disease-Versicherungen widerspräche. Nur: Damit stehen sie weder besser noch schlechter da als die klassische BU.

Inwieweit die Zusatzangebote tatsächlich den Wünschen der Kunden entsprechen, können Experten nicht pauschal beantworten. „Dafür ist das Angebot noch zu neu, es gibt noch keine brauchbaren Vergleichswerte“, sagt Alexander Schrehardt. Eine individuelle Prüfung der Vertragsgrundlagen sei in jedem Fall anzuraten.

Oft schlecht beraten

Ein Vorteil der Dread Disease liegt aus seiner Sicht darin, dass sich die Kunden auf ihre Genesung konzentrieren können. Die Probleme für die Kunden entstünden in der BU auch dadurch, dass sie schlecht oder gar nicht beraten wurden oder mit den Fragen der Versicherungsunternehmen im Leistungsfall überfordert seien. „22 Prozent schicken die Fragebögen der Versicherungen erst gar nicht zurück, etwa die Hälfte kann den Mindestgrad der Berufsunfähigkeit nicht nachweisen“, so Schrehardt.

Jährlich erkranken in Deutschland etwa 400.000 Menschen an Krebs, 275.000 erleiden einen Herzinfarkt und mehr als 200.000 einen Schlaganfall. Viele der Neuerkrankten sind jünger als 40 Jahre und somit zu einem Zeitpunkt betroffen, in dem das Leben noch nicht komplett finanziell abgesichert ist: Mit der Arbeitskraft geht dann in der Regel das Einkommen verloren. Das Risiko, in den finanziellen Ruin zu stürzen, gilt es in jedem Fall abzusichern. Die Frage ist natürlich auch, zu welchem Preis.

Die meisten Versicherungen stufen ihre Kunden, je nach ausgeübtem Beruf, in vier Risikokategorien ein. Je höher die Risikogruppe, desto teurer wird die Police. Manche BU-Anbieter nutzen sogar bis zu sieben Abstufungen, oder sie ordnen bestimmte Berufe gleich einer anderen Gruppe zu.

Dread-Disease-Beiträge richten sich nach dem Einkommen

Die Beiträge der Dread-Disease-Versicherungen richten sich dagegen in der Regel nach Einkommen und Eintrittsalter. „Wer sich zum Abschluss einer Police entschließt, sollte zwischen vier oder fünf Jahresnettogehälter durch die Versicherungssumme abdecken“, sagt Günther Soboll. Ein Rechenbeispiel: Ein 30-Jähriger müsste bei einer Versicherungsdauer von 35 Jahren und einer Versicherungssumme von 100.000 Euro demnach etwa 50 Euro im Monat einzahlen.

Bei einem 50-Jährigen erhöht sich der Monatsbeitrag bei gleicher Auszahlungssumme auf etwa 130 Euro – allerdings ist die Versicherungsdauer hier deutlich kürzer. Der Versicherungsfall tritt ein, sobald der Arzt eine der im Policen-Katalog enthaltenen schweren Krankheiten diagnostiziert. Die vereinbarte Leistung wird dann zur freien Verfügung ausbezahlt.

Die Anbieter setzen große Hoffnungen in die neuen Policen. Laut Morgen & Morgen wurden im Jahr 2009 964.000 Berufsunfähigkeitsversicherungen abgeschlossen. Im Jahr 2004 waren es allerdings noch doppelt so viele. Die Zahl der Dread-Disease-Policen ist dagegen in den vergangenen fünf Jahren von knapp 30.000 auf mehr als 130.000 angestiegen. Aus Sicht der Assekuranz gibt es also viele Argumente für die Policen.

*Name geändert

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