Finanzmetropole

Drama um WestLB besiegelt Düsseldorfs Niedergang

Einst war Düsseldorf der wichtigste Finanzplatz in Deutschland. Doch eine dramatische Häufung von Skandalen trieb die Stadt in die Krise.

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Es waren goldene Zeiten, damals in den 70er-Jahren. In der Düsseldorfer Königsallee residierte Friedrich Wilhelm Christians, der Vorstandssprecher der Deutschen Bank. Wenige Meter weiter hatte Rolf Diehl, Vorstand der Dresdner Bank, sein Büro.

Und nur einen Steinwurf weiter, in der Breiten Straße, empfing Commerzbank-Vorstand Paul Lichtenberg in pompösen Räumlichkeiten Größen der nordrhein-westfälischen Industrie. „Wir Vorstände trafen uns regelmäßig. Damals wurden wichtige Entscheidungen von nationaler Bedeutung in Düsseldorf getroffen“, erinnert sich Ludwig Poullain, der damals Vorstandsvorsitzender der Westdeutschen Landesbank war.

Heute sieht das Bild anders aus. Längst sind die Großbanken nach Frankfurt am Main abgewandert, die einst mächtigen Privatbanken am Standort sind in anderen Instituten aufgegangen. Es ist bereits in Vergessenheit geraten, dass der Großraum Düsseldorf einst eine wichtigere Finanzdrehscheibe als der Raum Frankfurt war.

Sobald EU-Wettbewerbskommissar Joaquín Almunia in den kommenden Wochen seine Zustimmung zum Zerschlagungsplan der WestLB gibt, ist es amtlich: Dann geht auch noch bei der letzten bedeutenden eigenständigen Bank der Stadt das Licht aus. Warum erstarkte Düsseldorf – und warum verlor es wenige Jahrzehnte später wieder an Bedeutung? Was macht eine Stadt attraktiv für Finanzhäuser?

Dass Düsseldorf bedeutende Banken beheimatet, war selbst der Kanzlerin nicht klar. Bis zum Juli 2007. Angela Merkel war gerade auf dem Weg zu einem Konzert der Salzburger Festspiele, als sie eine SMS erreichte. „Die IKB hat große Probleme“, lautete der Kurztext. „Ich habe dann zurückgeschrieben: ‚Was ist IKB?‘“, erinnerte sich die deutsche Regierungschefin später. Dass sich hinter dem Kürze l eine der größten am Standort Düsseldorf angesiedelten Banken mit dem Namen Deutsche Industriebank verbirgt, hat sich in das Gedächtnis der Kanzlerin schnell eingebrannt.

Schließlich war die IKB die erste Bank, die im Zuge der Finanzkrise Hilfe brauchte, ein Jahr vor allen anderen. Und das waren nur die ersten Anzeichen eines großen Bebens. Das deutsche Epizentrum der Finanzkrise lag, wie sich bald herausstellte, in Düsseldorf.

Nicht nur die IKB hatte sich mit US-Wertpapieren verspekuliert, sondern auch das größte Institut am Platz: die WestLB. Was darauf folgte, ist bekannt: die Rettung mit Staatsmilliarden, Gründung einer „Bad Bank“ für die Problempapiere und das unerfreuliche Beihilfeverfahren der europäischen Wettbewerbskommission, das letztlich dafür sorgte, dass das Institut bald in mehrere Teile zerschlagen wird.

"Dramatische Häufung von Skandalen"

„Die dramatische Häufung von Skandalen in der Finanzbranche hat dem Standort Düsseldorf sehr geschadet“, sagt Paul Schmidt, ein Wirtschaftsprofessor von der Frankfurter Privathochschule School of Finance und Experte für Standortfragen. Schmidt bezieht den Imageschaden nicht nur auf IKB und WestLB, sondern auch auf die Düsseldorfer Sparkasse, die aus negativen Schlagzeilen über die Kreditaffäre um Franjo Pooth nicht herauskommt. Als wäre das nicht schon genug, kämpft die Versicherung Ergo seit der Prostituiertenaffäre mit einer nahezu beispiellosen Serie kleinerer und größerer Skandale .

„Der Niedergang des Bankenstandorts Düsseldorf hat viel mit dem Niedergang der WestLB zu tun “, glaubt der frühere WestLB-Chef Poullain. Seit Jahren habe sie geschwächelt, seit Jahren habe deswegen die Bedeutung der Region als Finanzdrehscheibe gelitten.

Auch die privaten Banken wissen um die Stellung des Instituts. So sagt Franz-Josef Arndt, der Geschäftsführer des nordrhein-westfälischen Bankenverbands: „Die WestLB war das größte Institut in Düsseldorf. Das hat Signalwirkung.“ Ihr Geschäft wird sich auf andere Banken verteilen. Auf solche, die ihren Sitz in anderen Städten haben. Die Drehscheibe des Geldes wird sich also weiter von Düsseldorf weg verlagern. Die Entscheidung, das letzte eigenständige Institut am Ort zu zerschlagen, fällt in Brüssel. Damit wird abermals eine Weichenstellung für den Standort Düsseldorf außerhalb Deutschlands vorgenommen.

Auch schon der Aufstieg der Region zum Finanzstandort wurde von Entscheidungsträgern im Ausland entscheidend beeinflusst: Nach dem Zweiten Weltkrieg zerschlugen die Besatzungsmächte die Berliner Großbanken in mehrere Nachfolgeinstitute. Das war die Chance für den Standort Düsseldorf, sagt Schmidt: „Häufig sind es politische Weichenstellungen, manchmal auch historische Fügungen, die über Entwicklungen eines Standorts entscheiden.“

Anfang der 50er-Jahre hatte Düsseldorf bereits eine herausragende Stellung erreicht. 1952 wies die Commerzbank Düsseldorf eine Bilanzsumme von 27,5 Millionen D-Mark auf – ihre Schwesterinstitute in Hamburg und München können nur mit 12,5 Millionen beziehungsweise 10 Millionen D-Mark aufwarten. Ähnlich verlief die Entwicklung bei Deutscher Bank und Dresdner Bank.

Das kam nicht von ungefähr. „Kohle- und Stahlland“, wie die Region bald genannt wurde, boomte. Immer mehr erfolgreiche Industriebetriebe siedelten sich an. Und mit ihnen deren Kreditgeber, schließlich erleichtern kurze Wege den Kundenkontakt. Und es waren lukrative Kunden, die in der Königsallee und der Breiten Straße empfangen wurden – ob Krupp, Haniel oder Buderus, alle wuchsen, alle brauchten Geld, um weiter wachsen zu können. Parallel entwickelte sich eine florierende Börse.

Anfang der 70er-Jahre wickelte sie mehr Transaktionen ab als die Händler auf dem Frankfurter Parkett. Mit 35 Prozent Marktanteil war sie damals die umsatzstärkste Börse in Deutschland. Dass sich Banken in Düsseldorf niederließen, war jedoch nicht nur der Industrie geschuldet.

Es gab schon vor den Weltkriegen eine lange Tradition von Privatbanken – Sal. Oppenheim und Trinkaus wurden bereits Ende des 18. Jahrhunderts gegründet. Beide Institute sind zwar noch heute bedeutende Privatbanken – allerdings sind sie nicht mehr unabhängig: Oppenheim gehört inzwischen zur Deutschen Bank, Trinkaus ist Teil der Londoner Großbank HSBC.

Mit der Gründung der Westdeutschen Landesbank 1969 war ein weiterer Spieler an den Standort gekommen. Als öffentlich-rechtliches Haus fungierte sie als Spitzeninstitut für die Sparkassen und sollte dem Land Nordrhein-Westfahlen bei den Bankgeschäften helfen. „Das Erstarken der WestLB hatte eine Sogwirkung auf die Großbanken“, sagt ihr früherer Vorstandsvorsitzender Poullain.

Konkurrenz aus Frankfurt und München

Das ist es, was Professor Schmidt als „Netzwerkeffekt“ bezeichnet. Je mehr Banken an einem Standort sind, desto eher kommen neue hinzu. Sie treffen in einem solchen Umfeld auf gute Infrastruktur, auf Kooperationspartner bei größeren Projekten und auf eine breitere Schicht an ausgebildetem Fachpersonal.

Doch schleichend verkehrte sich dieser frühe Vorteil Düsseldorfs in einen Nachteil. Finanzplätze in Frankfurt und München machen der Stadt am Rhein in den 80er-Jahren immer mehr Konkurrenz. Die Frankfurter Börse führte früh technologische Neuerungen ein und zog damit Transaktionen an.

Es sind nicht nur Banken und Versicherungen, die einen Finanzplatz ausmachen. Dazu gehört auch die Fondsindustrie, die gewaltige Volumina an Kapital bewegt. Aktuell werden in Deutschland etwa 75 Prozent davon von Frankfurt aus bewegt. „Düsseldorf hätte mit kluger Standortpolitik auch eine Chance gehabt, sich zum Fondsstandort zu entwickeln. Die wurde aber verspielt“, sagt Schmidt. Auch der bayerische Wirtschaftsminister Martin Zeil sieht die Vielfalt als entscheidende Stärke des eigenen Finanzplatzes München an: „Versicherungen, Banken und Börse sind hier bereits seit dem 19. Jahrhundert prominent vertreten.“

Doch erst das Erstarken der bayerischen Wirtschaft verleiht dem Standort Schwung. Das Netz der Finanzdienstleistungen wird immer engmaschiger. „So konnte sich eine Eigendynamik entfalten“, glaubt Zeil. Mit den Jahren entwickelte sich der Frankfurter Flughafen zum Drehkreuz Europas. Je internationaler die Banken wurden, desto wichtiger wurden Flugreisen. Dass die Düsseldorfer mit guten Autobahnanbindungen punkten konnten, interessierte immer weniger.

Als die Commerzbank schließlich 1990 ihren offiziellen Hauptsitz von Düsseldorf nach Frankfurt verlegte, handelte es sich nur noch um eine Formalie. Die Vorstände waren schon längst umgezogen. Sie schätzten nicht nur den schnellen Meinungsaustausch, mit der zunehmenden Internationalisierung wurde der Standort vielmehr auch zur Imagefrage: Es gehört einfach zum guten Ton, am wichtigsten Finanzplatz eines Landes angesiedelt zu sein.

Kann eine Landesregierung, kann ein Stadtrat überhaupt heute noch viel ausrichten gegen die Sogwirkung, die von Standorten wie Frankfurt – oder gar London und Singapur – ausgeht? „Aber natürlich“, sagt Standortexperte Schmidt. Mit öffentlichkeitswirksamen Initiativen könne sie die Attraktivität herausstellen. Es müsse der Regierung gelingen, das schlechte Image auszubügeln und umzudrehen. Man müsse zeigen, dass man aus den Affären gelernt hat.

Anders als in München oder in Hessen aber gibt es in Düsseldorf keine Finanzplatzoffensive, mit der die Politik die Ansiedlung von Unternehmen der Branche fördert. Immerhin gilt Düsseldorf bei jenen Banken als attraktiv, die sich auf Vermögensverwaltung privater Kunden spezialisiert haben. Auch im vergangenen Jahr verzeichnete der NRW-Bankenverband Zuzüge. „Das zeigt, dass der Standort nach wie vor große Qualität hat“, sagt ihr Verbandsvorstand Franz-Josef Arndt.

Nur Privatbanken zu beheimaten ist zwar zu wenig, um als bedeutender Finanzplatz gelten zu können, aber dennoch hat Experte Schmidt noch Hoffnung: Viele japanische und chinesische Unternehmen haben sich in der Region angesiedelt. Die ersten asiatischen Banken sind ihnen bereits gefolgt. „Beim Zuzug von Auslandsbanken“, sagt der Professor, „sehe ich Potenzial.“