Container, in denen üblicherweise Bauschutt landet, sind mit Joghurts und Milchgetränken gefüllt, Mitarbeiter entsorgen Tiefkühlpizzen, Hähnchennuggets und Eis, die Regale sind leer, zum Teil mit Absperrbändern versehen oder mit notdürftig angebrachten Zetteln.

Donnerstag
Wirtschaft in Berlin
Abonnieren Sie kostenlos den Wirtschafts-Newsletter der Berliner Morgenpost
Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.
Das Ausmaß der Cyberattacke auf französische Supermärkte ist auch Tage später noch auf Videos in sozialen Netzwerken zu sehen. Hunderte Filialen waren von dem Angriff auf die Kühlsysteme betroffen, der am Sonntagabend begann. Zum Teil heizte sich die Technik auf 50 Grad auf. Für Verbraucher in Deutschland drängt sich zwangsläufig die Frage auf, wie gut der Handel hierzulande geschützt ist – und ob etwas Ähnliches auch in der Bundesrepublik passieren kann.
Auch interessant
Supermarkt-Hackerangriffe: Alte Kühlsysteme werden gezielt attackiert
„Ein vergleichbarer Angriff auch auf deutsche Supermärkte ist möglich“, sagt der Security-Experte von Heise Online, Christopher Kunz, dieser Redaktion. „Womöglich richtet sich die nächste Attacke gegen Geräte, die in Deutschland verbreiteter sind als die zuvor angegriffenen Danfoss-Systeme. Diese waren bereits seit Jahren nicht mehr mit Updates versorgt worden, wurden aber weiterbetrieben“, so Kunze. Das sei ein typisches Verhalten vieler Unternehmen, aber auch Verbraucher. „Vernetzte Geräte werden primär als langlebiges Stück ‚dumme Technik‘ behandelt, das man einmal kauft und weiterbetreibt.“
Danfoss ist ein dänischer Kältetechnikhersteller. Die Geräte des Unternehmens standen bei dem Vorfall in Frankreich im Mittelpunkt. Danfoss zufolge war ältere Technik betroffen, die „das Ende ihrer Lebensdauer erreicht“ habe „und keine Software- oder Sicherheitsupdates“ mehr erhielt. Die Schwachstellen an den älteren Versionen waren schon seit Monaten bekannt. Nach Angaben von Sicherheitsforschern waren viele betroffene Systeme einfach aus dem Internet zu erreichen. Montag und Dienstag gingen die Angriffe weiter. Ziel waren nun Kühlsysteme der Marke Dixell des US-Herstellers Copeland. Auch in den Niederlanden meldete der Handelskonzern Ahold Delhaize, zu dem auch die Albert-Heijn-Supermärkte gehören, Störungen und nahm Kühlsysteme vom Netz.
Lebensmittelhandel investiert in Krisenvorsorge und Resilienz
In Deutschland gibt sich der Handel verschwiegen. Rewe teilt auf Anfrage unserer Redaktion mit, dass bei eigenen Märkten „keine vergleichbaren Vorfälle“ bekannt seien. „Wir monitoren die Lage kontinuierlich. Aus Sicherheitsgründen äußern wir uns jedoch nicht zu konkreten technischen Schutzmaßnahmen, eingesetzten Systemen oder sicherheitsrelevanten Prozessen“, so ein Sprecher.
Vom Bundesverband des Deutschen Lebensmittelhandels hieß es, das Thema Krisenvorsorge sei für die Lebensmittelhandelsunternehmen sehr wichtig. „Die Unternehmen befassen sich intensiv mit der Frage, wie sie sich auf bestimmte Krisen vorbereiten, um den Geschäftsbetrieb aufrechterhalten zu können. Dazu investieren sie schon heute umfassend in digitale und physische Resilienz“, teilt eine Sprecherin mit.
Auch interessant
Insider: Dezentrale Supermärkte erschweren großflächigen Systemausfall
Grundsätzlich sind Teile der deutschen Supermarktlandschaft dezentraler aufgestellt als bei unseren französischen Nachbarn. Märkte der genossenschaftlich organisierten Ketten Edeka und Rewe etwa seien in der Hand einzelner selbstständiger Kaufleute, wie ein Insider, der mehrere große Filialen betreibt, im Gespräch mit dieser Redaktion erzählt. „Unsere Kleinteiligkeit wäre in so einem Szenario ein Sicherheitsfaktor“, sagt er. „Es sind meine Kühlregale, ich habe die gekauft und installiert, habe eine Fachfirma dafür, und es gibt gar keine Zentralsteuerung.“ Rein technisch sei ein großflächiger Ausfall wie in Frankreich nicht möglich.

Bei Lidl und Aldi sehe es möglicherweise anders aus. Diese seien zentral verwaltet. „Da wäre so ein Szenario realistischer“, so der Insider. Beide Firmengruppen wollten sich auf Nachfrage dieser Redaktion nicht zu möglichen Risiken äußern.
Cyberangriffe auf Supermärkte könnten millionenschweren Schaden verursachen
Wären deutsche Märkte großflächig von einer solchen auf Kühltechnik zielenden Attacke betroffen, dürfte aber auch hier der Schaden in die Millionen gehen. Dem Marktbetreiber zufolge könne der Warenwert von Kühl- und Tiefkühlprodukten in einem durchschnittlichen Supermarkt zwischen 20.000 und 50.000 Euro liegen – abhängig von der Größe der Verkaufsfläche und dem Füllstand von Regalen und Lager zum Zeitpunkt einer Attacke.
Mit Blick auf etwaige Cyberangriffe betont der Händler die aus seiner Sicht hohen Sicherheitsstandards seines Supermarktverbundes. „Für jeden Prozess brauchen wir ein neues Passwort, einen zweiten Faktor, einen Tokengenerator. Spaß macht es nicht, aber man sieht ja, warum es wichtig ist“, erzählt er. Auch für den Fall technischer Störungen sei man gewappnet: Fällt das Internet aus, können spezielle, batteriebetriebene Kartenlesegeräte mit eigener SIM-Karte einspringen. So könne die Kasse weiterhin EC-Zahlungen abwickeln, erklärt der Supermarktinsider. Ein Angreifer müsste dafür schon die Mobilfunkverbindung stören.
Auch interessant
Cyberangriffe auf Supermärkte: Lieferketten geraten schnell ins Stocken
Verbraucher würden mögliche Cyberattacken auf Supermärkte wohl in jedem Fall schnell bemerken, sagt Heise-Experte Kunz. „Durch Just-in-Time-Logistik, vor allem bei Lebensmitteln, machen sich Störungen nach wenigen Tagen deutlich bemerkbar.“ Er verweist auf die Niederlande. „Der Angriff auf Albert Heijn war am Sonntagnachmittag, mittlerweile gibt es vielfach leere Regale. Stark verderbliche Ware ist in Tagesfrist vergriffen, wenn nicht nachgeliefert wird“, so Kunz.
Auch interessant
Grundsätzlich hingen in einer vernetzten Welt auch alle Systeme des Einzelhandels von funktionierenden Verbindungen ab. „Ist die Anbindung des Ladengeschäfts an die zentrale Warenwirtschaft gestört, können Bestellungen nicht mehr abgeholt und Bestände aktualisiert werden“, erklärt der Security-Fachmann beispielhaft. Der Lebensmitteleinzelhandel sei generell anfällig für Störungen in der Lieferkette – durch Cyberangriffe, aber auch durch Streiks oder Ernteausfälle, betont Kunz weiter. Wie gut die Branche auf solche Szenarien vorbereitet sei, lasse sich nicht pauschal sagen.
Cyberangriffe treffen deutsche Unternehmen immer häufiger
Laut dem Digitalverband Bitkom ist die Mehrheit der Unternehmen in Deutschland von Cyberangriffen betroffen. Einer Studie zufolge waren im vergangenen Jahr 57 Prozent der Firmen Opfer digitaler Sabotage ihrer Systeme oder Betriebsabläufe – oder vermuteten dies. „Wenn sich eine Kühlanlage wie in diesem Fall aus der Ferne steuern lässt, kann sie auch sabotiert werden. Dieses Risiko besteht überall, wo vernetzte Anlagen und Geräte keinen ausreichenden Schutz haben, auch in Deutschland“, sagt Bitkom-Hauptgeschäftsführer Bernhard Rohleder dieser Redaktion mit Blick auf die Angriffe in den Nachbarländern.
Auch interessant
Sicherheit sei eine geteilte Verantwortung. „Hersteller müssen sichere Produkte liefern und sie über den gesamten Lebenszyklus mit Updates versorgen. Betreiber und ihre Dienstleister müssen Fernzugänge absichern und Updates zeitnah einspielen“, betont Rohleder. Was auch für deutsche Supermarktketten gelten sollte – ansonsten könnte möglicherweise auch hierzulande aus einer digitalen Störung schnell ein Problem an der Kühltheke werden.










