Für viele junge Migranten in Griechenland kann der 18. Geburtstag zu einem Wendepunkt werden, den sie nicht als Aufbruch, sondern als Absturz erleben. Mit der Volljährigkeit endet ihr besonderer Schutz als unbegleitete Minderjährige. Unterkunft, Betreuung und Zugang zu Bildung können wegfallen, während gleichzeitig ein unsicherer Aufenthaltsstatus und das Risiko einer Abschiebung drohen.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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Das International Rescue Committee (IRC) warnt in seinem neuesten Bericht vor dieser Situation. Das IRC ist eine weltweit tätige humanitäre Hilfsorganisation. Sie wurde im Jahr 1933 auf Initiative des Physikers Albert Einstein gegründet, um damals Menschen auf der Flucht vor dem NS-Regime zu unterstützen. Heute ist das IRC in über 40 Ländern aktiv. Auch Hilfsorganisationen wie Unicef und Save the Children verweisen auf prekäre Bedingungen in vielen Lagern, lange Wartezeiten im Asylverfahren und das Risiko, dass Jugendliche ohne sicheren Status in die Obdachlosigkeit abrutschen.

Laut Statistik des griechischen Migrationsministeriums waren zum Stichtag 1. Januar 2026 in Griechenland 1909 unbegleitete minderjährige Migranten registriert. Das IRC nennt für 2026 die Zahl von 1544 unbegleiteten Minderjährigen in griechischen Unterkünften. Die tatsächlichen Zahlen dürften jedoch weitaus höher sein, da viele minderjährige Migranten nicht in regulären Unterkünften leben, sondern sich selbst durchschlagen.

Migration: Mit der Volljährigkeit bricht die staatliche Unterstützung abrupt ab

Von jenen, die statistisch erfasst werden, sind mehr als 74 Prozent zwischen 15 und 17 Jahre alt. Sie werden damit in absehbarer Zeit volljährig. „Das Ausmaß dieser prekären Lage in Griechenland ist alarmierend“, sagt Martha Roussou, die leitende Beraterin für regionale Interessenvertretung beim IRC. Fast drei Viertel der Kinder erreichten bald das Erwachsenenalter. Damit bricht die staatliche Unterstützung abrupt ab. Aus schutzbedürftigen Minderjährigen werden erwachsene Asylbewerber ohne Anspruch auf betreutes Wohnen oder jugendspezifische Hilfen.

Ein Flüchtlingslager im Norden von Griechenland – nicht alle unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge konnten in Familien oder speziellen Unterkünften untergebracht werden.
Ein Flüchtlingslager im Norden von Griechenland – nicht alle unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge konnten in Familien oder speziellen Unterkünften untergebracht werden.© AFP | SAKIS MITROLIDIS

Für die Jugendlichen ist dann der Aufenthaltsstatus die entscheidende Frage. Der Weg über das Asylverfahren bietet zwar die wichtigste Möglichkeit, auch nach dem 18. Geburtstag legal in Griechenland zu bleiben. Sicher ist dieser Weg aber keineswegs. „Die Aussichten hängen weitgehend vom Herkunftsland ab“, erläutert Martha Roussou. Aufenthaltsdauer, Schulbildung, Sprachkenntnisse oder der Grad der Integration spielen dagegen eine geringere Rolle. Die Anerkennungsquoten können sich auch mit der politischen und geopolitischen Lage verändern. Selbst Jugendliche aus Ländern, deren Bürger derzeit vergleichsweise häufig Schutz erhalten, könnten deshalb nicht mit einer sicheren Zukunft rechnen, sagt Roussou.

Viele jugendliche Migranten haben bereits Jahre in Griechenland verbracht. Sie gehen zur Schule, lernen Griechisch und versuchen, sich ein selbstständiges Leben aufzubauen. Was sie nach dem 18. Geburtstag erwartet, hängt dann aber davon ab, ob ihr Aufenthaltsrecht geklärt ist.

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Wie schnell die Situation kippen kann, zeigen auch die Erfahrungen des IRC. Von 381 jungen Menschen, die von einem Programm zur Sicherung des Lebensunterhalts unterstützt wurden – viele von ihnen ehemalige unbegleitete Minderjährige – lebten bei ihrer Aufnahme fast 30 Prozent unter prekären Bedingungen, darunter Obdachlosigkeit oder in überbelegten Wohnungen. Gleichzeitig zeigen die Erfahrungen mit betreuten Wohnungen, dass Unterstützung Wirkung haben kann: 93 Prozent der ehemaligen Bewohner gaben an, dass sich ihr Leben dadurch verbessert habe.

Griechenland hat ein Schutzsystem für Minderjährige aufgebaut, doch das hat Grenzen

Das Problem beginnt allerdings nicht erst mit der Volljährigkeit. Griechenland hat in den vergangenen Jahren ein Schutzsystem aufgebaut. Unbegleitete Minderjährige müssen dem Generalsekretariat für vulnerable Bürger gemeldet werden. Ein Staatsanwalt bestellt dann einen gesetzlichen Vormund, der für Wohlergehen, Asylantrag, Unterbringung, Gesundheitsversorgung und Schulbesuch verantwortlich ist.

Doch das System ist überlastet. Ein Vormund betreut oft Dutzende Kinder gleichzeitig. Außerdem gibt es nicht genug Plätze für betreutes Wohnen. Hunderte Minderjährige befinden sich in Notunterkünften oder gefängnisähnlichen Erstaufnahmelagern auf den Inseln oder auf dem Festland – oft unter Bedingungen, die europäische Gerichte wiederholt kritisiert haben. So haben das Verwaltungsgericht Trier und das Verwaltungsgericht Berlin Abschiebungen von Migranten, insbesondere aus vulnerablen Gruppen, nach Griechenland wegen der dort herrschenden Zustände wiederholt für rechtswidrig erklärt.

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Die meisten minderjährigen Flüchtlinge in Griechenland sind aus Ägypten

Ägyptische Staatsangehörige stellen inzwischen die größte Gruppe der unbegleiteten minderjährigen Migranten. Im Januar 2026 kamen 55 Prozent von ihnen aus Ägypten. Sie können in Griechenland kaum mit Asyl rechnen, da ihr Herkunftsland als sicher gilt. Weitere wichtige Herkunftsländer sind Afghanistan mit zwölf Prozent, Sudan mit acht sowie Somalia und Syrien mit jeweils sieben Prozent. 93 Prozent der unbegleiteten Minderjährigen waren Jungen.

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Der Bericht des IRC formuliert konkrete Empfehlungen, um die Lage zu verbessern. Die zentrale Forderung ist, eine Brücke zwischen Kinderschutz- und Erwachsenensystem zu schaffen. Die Hilfsorganisation schlägt eine kontinuierliche Wohnunterstützung für mindestens sechs bis zwölf Monate nach dem 18. Geburtstag und den Ausbau betreuter Unterkünfte bis zum Alter von 21 Jahren vor. Außerdem sollen Jugendliche schon vor dem Verlassen der Jugendhilfe besser beim Einstieg in eine legale Beschäftigung unterstützt werden. Damit könnte aus einem kritischen Übergang in einen neuen Lebensabschnitt eine echte Perspektive werden.