In den Kühlregalen von Supermärkten und Discountern sind sie mittlerweile überall zu finden: Fleischalternativen. Wer einkauft, greift dann womöglich zu „Soja-Schnitzel“, „Veggie-Salami“, „veganem Steak“ oder „Tofu-Burger“. Noch. Denn die Fleischnamen für die Produkte aus Pflanzen, wie etwa Soja oder Weizeneiweiß, Erbsen oder Lupinen, stehen vor dem Aus. Sie sollen für die tierische Kost vorbehalten werden.

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Wirtschaft in Berlin

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Am Mittwoch, den 8. Oktober, stimmt darüber das EU-Parlament ab, eine Mehrheit dafür zeichnet sich ab: Der EU-Agrarausschuss hat bereits zugestimmt. Die christlich-konservative Europäische Volkspartei EVP, zu der auch CDU und CSU gehören, hatte den entsprechenden Antrag eingebracht. Darin heißt es, dass Fleisch-Begriffe „ausschließlich den zum Verzehr geeigneten Teilen von Tieren vorbehalten“ werden sollten. Endgültig wäre die Entscheidung noch nicht - sondern nur ein erster Zwischenschritt: Das Parlament legt jetzt seine Position für bevorstehende Verhandlungen mit dem EU-Mitgliedstaaten fest. Erst wenn es dort eine Einigung gibt und beide dem noch einmal formal zustimmen, gelten neue Regeln.

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Die französische EVP-Abgeordnete Céline Imart, die den Antrag vorantrieb, erklärte es so: „Ein Steak ist aus Fleisch gemacht – Punkt.“ Das garantiere eine ehrliche Etikettierung, schützte die Landwirte und bewahre die kulinarischen Traditionen Europas.

Ähnlich sehen es auch deutsche Politiker, allen voran der Bundeskanzler. „Eine Wurst ist eine Wurst“, sagte Friedrich Merz (CDU) am Sonntagabend im Talk mit Caren Miosga. „Es geht um Herkunftsbezeichnungen, auf die die Verbraucher vertrauen können. Und eine Wurst ist nicht vegan.“ Landwirtschaftsminister Alois Rainer (CSU) legte in der „Bild“ nach: „Für mich persönlich ist ein Schnitzel aus Pute, Kalb oder Schwein.“ Stefanie Sabet, Generalsekretärin des Deutschen Bauernverbandes, sagte dieser Redaktion: „Tierische und pflanzliche Erzeugnisse, am besten direkt vom Bauernhof, gehören in die Ernährung - die Kennzeichnung muss aber eindeutig sein.“

Allerdings stemmen sich nun namhafte Unternehmen in einem Bündnis mit Verbänden und Nichtregierungsorganisationen dagegen. Darunter: die Handelskonzerne Lidl und Aldi Süd, Produzenten wie Rügenwalder Mühle oder die Fast-Food-Kette Burger King Deutschland. In einem gemeinsamen Brief an die EU-Abgeordneten warnen sie, dass zum Beispiel eine pflanzliche Wurst künftig mit „alltagsfernen Kunstbegriffen“ beworben werden müsse. Dabei seien Burger, Wurst, Schnitzel vertraute Begriffe. Sie würden den Menschen helfen „einzuschätzen, was sie im Hinblick auf Geschmack und Textur von einem Lebensmittel erwarten können“.

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Wirtschaftsretter Merz? Der Kanzler hat ein Problem
Rambo Zambo – Der Merz-Podcast
 

Sind Verbraucher wegen Fleisch-Bezeichnung verwirrt? Das sieht der Handel ganz anders

Sie wehren sich auch gegen das Argument, Verbraucher verwirre, dass die Pflanzenprodukte Fleischnamen trügen: Kunden seien „sehr wohl in der Lage sind, zwischen pflanzlichen und tierischen Produkten zu unterscheiden“, heißt es in dem Schreiben. Dann kommen sie zum Kern ihres Anliegens:

„Ein Verbot von vertrauten Begriffen würde es Unternehmen deutlich erschweren, ihre Produkte zu verkaufen, insbesondere für die Zielgruppe der Flexitarier, die bewusst nach pflanzlichen Alternativen suchen, die ähnlich wie ihre tierischen Pendants zubereitet und verwendet werden können.“ Und weiter: „Von dem drohenden wirtschaftlichen Schaden wäre Deutschland besonders betroffen.“

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Deutschland ist der größte Markt für pflanzliche Fleischalternativen in Europa

Denn: Deutschland sei der größte Markt für pflanzliche Fleischalternativen in Europa. Im vergangenen Jahr habe der Umsatz im deutschen Einzelhandel bei 759 Millionen Euro gelegen. Nicht eingerechnet seien dabei die Umsätze mit Fleischalternativen in der Gastronomie. Zudem würden die deutschen Unternehmen für den Export in andere EU-Länder produzieren.

Godo Röben hat den Markt gut im Blick. Er berät Lidl und andere Konzerne in Veggie-Fragen. Er hat einen Ruf in der Branche, weil er vor gut zehn Jahren noch Manager beim Fleisch-Riesen Rügenwalder Mühle im niedersächsischen Bad Zwischenahn war und ihn damals auf den heutigen Veggie-Kurs brachte. Er meint: „Da droht ein Zukunftsmarkt kaputt gemacht zu werden, weil Lobbygruppen von Landwirtschaft, Fleisch- und Schlachtbranche ihr altes Geschäftsmodell retten wollen und dafür bei den Konservativen Gehör finden.“

Rügenwalder Mühle
Mehrere Packungen des veganen Mühlenhacks laufen in der Produktion der Rügenwalder Mühle über ein Förderband.© picture alliance / Hauke-Christian Dittrich | Hauke-Christian Dittrich

Anders gesagt: Für Röben steckt hinter dem Namensstreit ein Kampf von Produzenten tierischer gegen die pflanzlicher Kost. Denn Konsumgewohnheiten haben sich längst verschoben. Rein rechnerisch aß im vergangenen Jahr jede und jeder in Deutschland 53 Kilo Fleisch, fünf Jahre zuvor waren es 59.

„Hafermilch“ darf auch nicht mehr Milch heißen

Und Röben meint: „Ein Pflanzenschnitzel soll es nicht geben. Aber als das Putenschnitzel auf den Markt kam, hat sich keiner beschwert, nicht von Verbrauchertäuschung gesprochen?“ Dabei seien Schnitzel in Deutschland traditionell aus Schweinefleisch.

Die Marketingleute der Unternehmen, die pflanzlichen Fleischersatz anbieten, müssen sich nun womöglich neue Namen und Designs für ihre Verpackungen ausdenken. Unnötig findet das auch die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG). Zwar seien Fleisch und die Produkte, die aus Fleisch hergestellt werden, „einzigartig“, sagte deren Leiterin des Hauptstadtbüros und Expertin für Europathemen, Susanne Uhl, dieser Redaktion. „Anstatt aber einen veganen Burger oder ein vegetarisches Schnitzel – also spezielle Zubereitungsarten – nicht mehr so nennen zu dürfen, sollte es statt eines Begriffsverbotes eine klare, transparente und verbraucherfreundliche Kennzeichnung als „vegan“ und „vegetarisch“ geben“, forderte sie.

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Die Debatten sind nicht neu. Auch pflanzliche Milchalternativen etwa aus Hafer, Mandel, Soja, Reis dürfen nach EU-Recht nicht mit dem Namen Pflanzen-Milch angeboten werden. Einzige Ausnahme: Koskosmilch, weil ihre Verwendung Tradition hat. Sonst steht auf den Verpackungen heute üblicherweise: „Drink“. Nur sagt Röben: „Auf den Einkaufszettel schreibt man immer noch Hafermilch.“