Berlins Wirtschaft blickt mit Sorgen in die kommenden Monate und geht im besten Fall nur noch von einer Stagnation bei der wirtschaftlichen Entwicklung aus. Der sogenannte Konjunkturklimaindex, der Lage und Aussichten zusammenfasst, liegt laut aktueller, repräsentativer Umfrage unter 670 Unternehmen bei nur noch 103 Zählern.

Das ist deutlich unter dem 125 Punkte zählenden Durchschnitt der letzten zehn Jahre. Selbst in der Corona-Krise habe der Wert nur einmal noch niedriger gelegen, so Industrie- und Handelskammer (IHK) und Handwerkskammer am Donnerstag. „Wir sind in einer Zeitenwende. Die Konjunktur ist volatil geworden. Das hat maßgeblich mit den multiplen Krisen zu tun“, sagte IHK-Hauptgeschäftsführer Jan Eder.

Folgen der Krise in Israel noch unklar für die Wirtschaft in Berlin

Der Kammer-Chef nannte auch die Entwicklung in Israel als Faktor für die weitere Entwicklung der Wirtschaft. Spitze sich die Lage in der Region weiter zu, könnten auch hier Folgen wie steigende Energiepreise und angespannte Lieferketten zu spüren sein. Für Berlin zählt Israel zwar nicht zu den wichtigeren Handelspartnern, 2022 lag das Land lediglich auf Platz 33 unter den wichtigsten Absatzmärkten für die Firmen hier. Dennoch gibt es besonders im Start-up-Bereich enge Verknüpfungen.

In Berlin ist die wirtschaftliche Lage jedoch ohnehin angespannt. Das hat vor allem mit den Auswirkungen des Angriffskriegs der Russen auf die Ukraine zu tun. Inflation, höhere Zinsen, steigende Energiepreise, Kaufzurückhaltung – all das spüren die Firmen. Weil sich für die kommenden Monate nun noch größere Skepsis breitmacht, hat das auch Folgen für Investitions- und Personalpläne.

Laut Umfrage der Kammern ist das Saldo bei den Beschäftigungsplänen auf nur noch einen Punkt gefallen. Der Wert signalisiere einen „erheblichen Verlust der Arbeitsmarktdynamik“. Das heißt: Unternehmen versuchen, wenn überhaupt, ihre Mannschaft zusammenzuhalten. Ein Personalaufbau ist nicht in Sicht. Berlin ist in dieser Hinsicht eigentlich anderes gewohnt: 2021 waren innerhalb eines Jahres noch rund 42.000 neue Jobs entstanden.

Selbst personalintensive Branchen wie die Gastronomie planen Stellenabbau

Derzeit aber sind selbst personalintensive Branchen wie die Gastronomie vorsichtig. Nur noch drei Prozent der Betriebe planen einen Personalaufbau, bei der Frühjahrsumfrage waren es noch 47 Prozent. Im Baugewerbe planen sogar 28 Prozent der Unternehmen, Stellen zu streichen. Vor allem die hohen Zinsen und die somit sinkenden Nachfrage nach Neubauten dürften dabei eine Rolle spielen. Nur wenig besser geht es Industrie und Handel. Und auch bei Berlins Wachstumsmotor, der Dienstleistungsbranche, stottert es. Immerhin ein Viertel der Firmen geht auch hier davon aus, Arbeitsplätze abbauen zu müssen.

Etwas besser seien Lage und Aussichten noch bei Handwerkern in der deutschen Hauptstadt, so Handwerkskammer-Chef Jürgen Wittke. Die Auftragsreichweite in den Büchern der Unternehmen liege derzeit noch bei 14 Wochen, die Auslastung bei 91 Prozent. Als Stimmungsaufheller gilt vor allem das Ausbauhandwerk. Vor allem mit Blick auf die klimaneutrale Umrüstung von Gebäuden gibt es nach wie vor viel zu tun. Das halte auch an, so Wittke. Fraglich sei nur, ob man für die Tätigkeiten genügend Fachkräfte finde.

Diese Forderung haben die Kammern mit Blick auf die Ausbildungsplatzumlage

In diesem Zusammenhang kritisierten beide Wirtschaftsvertreter erneut die von Berlins Senat geplante Ausbildungsplatzumlage. 2000 zusätzliche Ausbildungsverträge muss die Wirtschaft in der Stadt bis Ende August 2025 nachweisen. Gelingt das nicht, sollen alle Betriebe einen finanziellen Beitrag leisten. Von dem eingezahlten Geld sollen dann Firmen profitieren, die ausbilden.

Eder und Wittke erwarten, dass die Mittel voll wieder an die Wirtschaft ausgeschüttet werden. Verwaltungskosten für Erhebung und Verteilung der Umlage müsste also das Land tragen. Das sei die „Mindestanforderung“ und ein „essenzieller Punkt“ bei dem Bündnis für Ausbildung, das vom Land ins Leben gerufen worden war. Mit dabei waren zum Start im Sommer neben der Politik auch Arbeitgeber- und Arbeitnehmervertreter.

IHK-Chef Eder kündigte zudem erneut an, das Bündnis aufkündigen zu wollen, wenn nicht im November auch entsprechende Pläne der Politik mit Blick auf Verbesserungen bei der beruflichen Orientierung für die jungen Menschen vorlägen. „Wenn das nicht passiert, wird die Wirtschaft das Bündnis wieder verlassen. Das wissen alle Beteiligten und wir sind gespannt“, erklärte Eder.

IHK-Chef erklärt, was Deutschland in den vergangenen Jahren versäumt hat

Mit Blick auf die Arbeit von CDU und SPD erklärte er, generell Fortschritte im Vergleich zu den Vorgängerregierungen mit Beteiligung von Grünen und Linken zu sehen. „Jetzt ist der Senat sechs Monate im Amt. Jetzt muss es losgehen“, forderte Eder allerdings. Von der Bundesregierung erwartet er hingegen das Drehen an den großen Stellschrauben.

Eine vielerorts marode Infrastruktur, die lahmende Digitalisierung, überbordende Bürokratie und keine gezielte Einwanderung von Fachkräften seien die Probleme des Standorts Deutschland. „Wir haben 15 Jahre über unsere Verhältnisse gelebt, die Dinge nicht in Schuss gehalten und offensichtlich auch nicht den Anreiz gehabt, das zu tun“, erklärte der Kammer-Funktionär. Nun sei die Aufgabe angesichts der vielen Krisen umso größer.