Analyse

Sechs von zehn neuen Jobs gehen in Berlin an Ausländer

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Vor allem die Gastronomie in Berlin kommt nicht mehr ohne ausländische Beschäftigte aus. Hier haben gut 69 Prozent der Beschäftigten keinen deutschen Pass. Auf dem Arbeitsmarkt in Berlin und Brandenburg nimmt die Bedeutung ausländischer Beschäftigter seit Jahren zu.

Vor allem die Gastronomie in Berlin kommt nicht mehr ohne ausländische Beschäftigte aus. Hier haben gut 69 Prozent der Beschäftigten keinen deutschen Pass. Auf dem Arbeitsmarkt in Berlin und Brandenburg nimmt die Bedeutung ausländischer Beschäftigter seit Jahren zu.

Foto: Jonas Walzberg / dpa

Die Zahl ausländischer Beschäftigter nimmt in Berlin seit Jahren zu. In der öffentlichen Verwaltung bildet sich dieser Trend nicht ab.

Berlin. Unternehmen in der Hauptstadtregion besetzen freie Stellen immer häufiger mit ausländischen Beschäftigten. Das geht aus einer neuen Analyse der Unternehmensverbände Berlin-Brandenburg (UVB) hervor, die der Berliner Morgenpost vorliegt. 62 Prozent der neu geschaffenen sozialversicherungspflichtigen Stellen – also deutlich mehr als jede zweite Position – in Berlin sind demnach im vergangenen Jahr an Arbeitnehmerinnen oder Arbeitnehmern ohne deutschen Pass gegangen (37.100 von 59.900 insgesamt). In Brandenburg lag dieser Anteil sogar noch höher. In dem Nachbarbundesland wurden 78 Prozent der neu geschaffenen Jobs an Ausländer vergeben (12.700 von 16.300).

„Der Anteil von Ausländerinnen und Ausländern war noch nie so groß“, heißt es in dem Papier des UVB: Das sei Grund genug, Bremsklötze für die Zuwanderung qualifizierter Fachkräfte weiter abzubauen. Denn die demografische Entwicklung – und damit auch die Tatsache, das geburtenstarke Jahrgänge demnächst das Renteneintrittsalter erreichen – schreite unaufhaltsam voran.

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Arbeitsmarkt in Berlin: Mittlerweile hat jeder fünfte Beschäftigte einen ausländischen Pass

Anteilig wächst die Zahl der Ausländer mit Jobs in Berlin inzwischen seit Jahren. Derzeit wird fast jede fünfte Position von einem Ausländer bekleidet (18 Prozent). 2011 lag dieser Anteil bei lediglich 11 Prozent. In Brandenburg kommen aktuell 8,7 Prozent der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten aus dem Ausland, 2015 waren es erst knapp 4 Prozent. Die UVB-Experten gehen aber davon aus, dass auch Brandenburg weiter aufholen wird: „Auf längere Sicht gesehen sticht der Brandenburger Arbeitsmarkt heraus – die zusätzlichen Jobs, die seit der Jahrtausendwende dort entstanden sind, gingen statistisch gesehen nahezu ausschließlich an Ausländerinnen und Ausländer“, heißt es.

Einzelne Branchen in deutschen Hauptstadt würden schon heute ohne Mitarbeiter mit nicht-deutschem Pass kaum noch existieren können. In der Gastronomie ist der Anteil ausländischer Beschäftigter am höchsten: Mehr als zwei Drittel (69 Prozent) aller Berliner Arbeitnehmer in dieser Branche haben keinen deutschen Pass. Auch in der Zeitarbeit (52 Prozent) sind Ausländerinnen und Ausländer in der Mehrheit. Stark vertreten sind sie darüber hinaus auf dem Bau (38 Prozent), in der Information und Kommunikation (36 Prozent) und in den Sparten Verkehr und Lagerei (33 Prozent) und im Handel (25 Prozent).

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Berlin hat die Idee einer Migrantenquote für den öffentlichen Dienst wieder verworfen

Bemerkenswert wenig Mitarbeiter mit ausländischem Pass haben hingegen Berlins Ämter und Behörden: In öffentlichen Verwaltungen sind Menschen mit nichtdeutscher Herkunft mit nicht einmal vier Prozent stark unterrepräsentiert. In Berlin wurde im vergangenen Jahr über eine Migrantenquote für den öffentlichen Dienst diskutiert, diese Idee setzte sich aber nicht durch. Jeder dritte Einwohner Berlins hat einen Migrationshintergrund. Die FDP regte mit Blick auf die geringe Zahl von Nicht-Deutschen in Berlins Verwaltung an, die Berufsorientierung zu verbessern sowie gezielt Praktika im öffentlichen Dienst anzubieten. Wirkungsvoll wäre es auch, so die arbeitsmarktpolitische Sprecherin Maren Jasper-Winter, junge, in den Ämtern tätige Menschen mit Migrationshintergrund als „Botschafter“ in die Schulen zu entsenden.

Dem UVB zufolge arbeitet jeder vierte Ausländer in Helferjobs für die maximal eine einjährige Ausbildung erforderlich ist. Als Fachkraft – das sind Menschen mit abgeschlossener Berufsausbildung – sind 43 Prozent tätig. Als Spezialisten, also mit einem Abschluss als Meisterin oder als Technikerin, arbeiten 14 Prozent der Ausländer. Und bei den Experten, also den Absolventen eines Studiums, sind 19 Prozent der Beschäftigten in der Hauptstadt aus einem anderen Land.

IHK: 414.000 Fachkräfte fehlen bis 2035 in Berlin

Berlin, so die Unternehmensverbände, ziehe gut qualifizierte Ausländer auch wegen des Rufs als Wissenschafts-Metropole an. Darauf sollte sich die Politik in Land und Bund aber nicht ausruhen, so der stellvertretende Hauptgeschäftsführer Alexander Schirp. „Noch immer schrecken träge Verwaltungen und bürokratische Verfahren die Menschen ab. Berlin und Brandenburg müssen anziehender sein als London, Paris, Madrid oder Wien. Parallel dazu gilt es, die heimischen Potenziale zu nutzen. Das bedeutet mehr Schulqualität, frühzeitige und intensive Berufsorientierung für junge Menschen sowie bessere Bedingungen für Frauen auf dem Jobmark“, so Schirp.

Der DGB verweist darauf, dass gerade bei Arbeitsangeboten für migrantische Beschäftigte häufig mit zweierlei Maß gemessen werde. In der Leiharbeit und in Bereichen, wo der Aufenthaltsstatus an einen bestimmten Arbeitgeber gekoppelt wird, komme es immer wieder zu Verstößen gegen das Arbeitsrecht. „Ausländische Kolleginnen und Kollegen sind keine Schnäppchenware, der Arbeitsmarkt kein Selbstbedienungsladen ohne Regeln“, sagte die DGB-Chefin in Berlin und Brandenburg, Katja Karger. Wenn Unternehmen Fachkräfte wollten, dann müssten sie in diese investieren – egal woher sie kommen, so die Gewerkschafterin.

Mehr Tempo und weniger Bürokratie beim Thema Zuwanderung mahnen auch viele Wissenschaftler an. Eine Untersuchung der Industrie- und Handelskammer (IHK) Berlin zeigte erst kürzlich die Dringlichkeit: Demnach würden bis 2035 in der Stadt gut 414.000 Fachkräfte fehlen – vor allem wegen des nahenden Renteneintritts der sogenannten Babyboomer.