Arbeitslosenzahlen

Berliner Wirtschaft tief in der Krise - das sind die Gründe

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215.305 Menschen sind in Berlin ohne Job. Die Zahl der Arbeitslosen wächst in der deutschen Hauptstadt rasanter als in Brandenburg.

Berlin. Die Corona-Krise lässt die Arbeitslosigkeit in Berlin weiter steigen. Im Juli wuchs die Zahl der Arbeitslosen aber etwas langsamer als in den Vormonaten. Sie legte um 5945 zu auf 215.305, wie die Bundesagentur für Arbeit am Donnerstag mitteilte. Das waren knapp 59.000 mehr als vor einem Jahr. Hauptgrund seien die Folgen der Corona-Pandemie. Hinzu komme der übliche Anstieg zur Sommer- und Ferienzeit. Besonders in Dienstleistungen, Gastgewerbe, Verkehr und Lagerwirtschaft gingen in der deutschen Hauptstadt Arbeitsplätze verloren. Die Arbeitslosenquote stieg in Berlin auf 10,8 Prozent. Das ist der höchste Stand seit März 2015.

„Wenngleich die Arbeitslosenzahlen nicht mehr so stark gestiegen sind wie im April und Mai, zeigt die Entwicklung, dass wir noch lange nicht durch sind“, sagte der Berlin-Brandenburger Agenturleiter Bernd Becking. Für eine Erholung sei es wichtig, dass es keine zweite Welle der Corona-Pandemie gebe.

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Berlin werde noch für längere Zeit erheblich mehr Kurzarbeit sehen als vor der Corona-Krise, so Becking weiter. „Es wäre jetzt wichtig, dass in den Unternehmen diese Zeit für den Re-Start gut genutzt wird, indem Weiterbildung und Qualifizierung organisiert werden. Das verschafft später Vorsprung“, sagte Becking. Im April waren 208.400 Berliner in Kurzarbeit, das war jeder siebte sozialversicherungspflichtig Beschäftigte. 26.500 Betriebe nutzten das Instrument.

Die Pandemie hinterlasse immer mehr Spuren auf dem Arbeitsmarkt, bestätigte der Hauptgeschäftsführer der Unternehmensverbände Berlin-Brandenburg (UVB), Christian Amsinck. „Trotz der Krise versuchen die Unternehmen alles, um ihre Beschäftigten zu halten. In den kommenden Monaten wird das aber möglicherweise nicht überall gelingen.“ Kurzarbeit sei weiterhin das wichtigste Mittel, um den Nachfrage-Einbruch abzufedern.

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Arbeitssenatorin Elke Breitenbach kündigt Arbeitsmarktgipfel an

Berlins Arbeitssenatorin Elke Breitenbach (Linke) kündigte für Ende August einen Arbeitsmarktgipfel des Senats an. Dabei solle mit verschiedenen Wirtschafts- und Sozialpartnern Maßnahmen erarbeitet werden, wie der aktuellen Lage auf dem Arbeits- und Ausbildungsmarkt entgegenzutreten sei. „Wichtig ist vor allem, Ausbildungsinteressierte und Ausbildungsbetriebe zueinander zu bringen. Ein erfolgreicher und konkurrenzfähiger Wirtschaftsstandort braucht Fachkräfte. Die Ausbildung junger Menschen ist eine wichtige Investition in die Zukunft“, sagte Breitenbach.

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In Berlin hatten die Betriebe im Juli wieder mehr Ausbildungsplätze gemeldet als noch im Juni. „Das lässt hoffen, dass am Ende weniger Ausbildungsplätze Corona-bedingt wegfallen als befürchtet. Doch viele Unternehmen haben massive Schwierigkeiten, ihre Ausbildungsplätze zu besetzen“, sagte die Präsidentin der Berliner Industrie- und Handelskammer, Beatrice Kramm. Im Juli waren in Berlin 6300 Ausbildungsplätze unbesetzt. 8500 junge Menschen suchten eine Lehrstelle. Becking kündige an, den Ausbildungsplatzsuchenden verstärkt Angebote im Berliner Umland machen zu wollen: In Brandenburg gibt es der Agentur zufolge noch 6000 offene Lehrstellen. 5200 Menschen suchen in Berlins Nachbarbundesland noch nach einem Ausbildungsplatz.

Corona trifft Arbeitsmarkt in Berlin hart: Das sind die Gründe

Unterdessen kämpften am Donnerstag vor dem Karstadt-Sports-Kaufhaus an der Joachimsthaler Straße in der City West die Mitarbeiter um ihre Arbeitsplätze. „Wir kämpfen um unsere Lebensgrundlage“, war auf einigen Plakaten zu lesen. Karstadt-Kaufhof Mutterkonzern Signa plant in Berlin einen Kahlschlag: Nicht nur das Sports-Haus soll schließen, auch fünf weitere Warenhaus-Standorte in der Stadt stehen auf einer roten Liste. Verhandlungen über eine mögliche Zukunft der Häuser laufen derzeit noch.

Auch die Krise der Warenhäuser ist zum Teil auf die durch die Corona-Pandemie ausgelösten Nachfragerückgänge der Verbraucher zurückzuführen. Berlinweit steigen seit Beginn der Ausbreitung des Virus die Erwerbslosenzahlen. Berlin sei dabei überproportional stark von den Folgen der Corona-Krise betroffen, sagte am Donnerstag der Chef der regionalen Arbeitsagentur, Bernd Becking, im Gespräch mit der Berliner Morgenpost.

Brandenburg erlebt saisonbedingte Schwankung

Im Nachbarbundesland Brandenburg hingegen sei die Lage eine andere, so Becking. Dort sei eine vergleichsweise günstige Entwicklung zu sehen. Der Anstieg um knapp 1000 Arbeitslose im Vergleich zum Juni sei eher eine saisonbedingte Schwankung als eine Folge der Corona-Pandemie, erklärte er. In Berlin hingegen sind die Stärken zur Schwäche geworden.

War Berlin in vorherigen Krisen, die vor allem die Industrie stärker trafen, stets noch glimpflich davongekommen, trifft Corona vor allem den in der Stadt starken Dienstleistungssektor mitten ins Herz. Die Tourismuswirtschaft etwa liege noch immer danieder, so Becking. Auch das Gastgewerbe wie Hotels, Cafés und Restaurants würde weiter unter der Pandemie leiden.

Umsatzeinbruch im Berliner Gastgewerbe

Das hatten jüngst auch neue Zahlen des Amts für Statistik ergeben. Für den Mai, als einige Bereiche in der Stadt nach dem Lockdown langsam wieder hochgefahren wurden, wiesen sie für das Gastgewerbe Umsatzrückgänge von fast 75 Prozent aus. Weil die Touristen fehlten, brachen vor allem im Beherbergungsgewerbe die Erträge ein: Die Umsätze im Mai im Vergleich zum Vorjahreszeitraum gingen um 92 Prozent zurück. Kaum besser erging es der Gastronomie, wo die Umsätze um 65 Prozent niedriger lagen als noch ein Jahr zuvor. Die Folgen waren Kurzarbeit, aber auch Entlassungen.

Hoffnungen auf eine schnelle Besserung der Lage machte Agenturchef Becking zunächst nicht. Mit Blick auf von den Unternehmen in Berlin neu eingestellten Stellenanzeigen sei keine Belebung zu erkenne, sagte er. „Wenn der Trend weiter anhält, wird es auch in Berlin einen Beschäftigungsabbau geben“, so Becking. Im Mai lag die Zahl der in diesem Jahr in der Stadt neu entstandenen sozialversicherungspflichtigen Jobs noch bei 10.000. Das war eine Steigerung von nur 0,7 Prozent – und damit weit weg von dem, was Berlin in den vergangenen Jahren gewohnt war. Zuletzt waren hier im Zeitraum von zwölf Monaten stets zwischen 30.000 und 40.000 neue Arbeitsplätze entstanden.

CDU nennt Entwicklung „besorgniserregend“

Die CDU in der Hauptstadt bezeichnete die Entwicklung als „besorgniserregend“. Nun sei endlich entschiedenes Handeln vom Regierenden Bürgermeister und von der Wirtschaftssenatorin nötig, erklärte Landeschef Kai Wegner. „Berlin braucht ein Konjunkturprogramm mit einem klaren Fokus auf die Berliner Wirtschaft, den Mittelstand, Handel und Hotellerie sowie die vielen kleinen Läden, die den Charme der Berliner Kieze ausmachen. Wir müssen Bürokratie abbauen, um neue Wachstumskräfte zu entfesseln“, sagte er.

Es müsse alles auf den Prüfstand, was den Unternehmen Luft zum Atmen nimmt. Beispielhaft nannte Wegner das von Rot-Rot-Grün noch während der Corona-Krise verabschiedete Vergabegesetz. „Wir müssen um jeden Arbeitsplatz kämpfen. Es darf keine Denkverbote geben. Unser wichtigster Job ist es, die bestehenden Jobs in Berlin zu sichern und die Menschen wieder in Arbeit zu bringen“, so Wegner weiter.

Auch FDP-Fraktionschef Sebastian Czaja sagte, der Erhalt von Arbeitsplätzen und damit der sozialen Sicherheit habe jetzt Priorität. „Das muss sich auch der rot-rot-grüne Senat endlich eingestehen und Ideologie hinten anstellen“, so der Oppositionspolitiker. Die Unternehmen bräuchten endlich mehr Spielraum: Die Lockerung der Ladenöffnungszeiten bezeichnete er als „unumgänglich“. Zusätzlich seien schnelle Sondergenehmigungen für Gehwege oder Grünflächen erforderlich. Und auch der Bearbeitungsstau in der Verwaltung müsse endlich aufgelöst werden. Der sei eine zusätzliche Belastung, die den Berliner Unternehmen jetzt mehr denn je schaden würde.