Elektromobilität

Berliner Denkfabrik erfindet Apples Elektroauto iCar

Unter großer Geheimhaltung entwickelt Apple ein Elektroauto. Gut unterrichteten Kreisen zufolge arbeitet ein Berliner Expertenteam mit.

Dass Apple an einem Elektroauto arbeitet, gilt als offenes Geheimnis

Dass Apple an einem Elektroauto arbeitet, gilt als offenes Geheimnis

Foto: John G. Mabanglo / dpa

Berlin.  „Hallo, bist du das Apple-Auto?“ Noch bevor das US-Magazin „MotorTrend“ im Juni am Kiosk liegt, hat das Titelbild im Internet für Stoßverkehr gesorgt. Das in Schwarz getauchte Gefährt wirkt wie aus einem Science-Fiction-Film geklaut. Kleiner Schönheitsfehler: Es ist weder Studie noch Prototyp, geschweige denn ein kurz vor der Produktion stehender „Erlkönig“.

Die Autoren des Reports haben mit Hilfe von Autoexperten des Design-Zentrums im kalifornischen Pasadena nur ihrer Fantasie freien Lauf gelassen. Seit US-Medien im vergangenen Herbst erstmals umfangreich über Indizien berichteten, die den Apple-Konzern mit dem möglichen Bau eines elektrisch angetriebenen und autonom fahrenden Autos bis 2019 in Verbindung brachten, herrscht in der Szene gespannte Erwartung.

Siri auf dem Beifahrersitz

Ein Bericht in der „FAZ“ heizte die Spekulationen weiter an, und auch unserer Redaktion bestätigte eine Quelle, dass 15 bis 20 Experten in einer geheimen Denkfabrik in Berlin an dem „iCar“ genannten elektrischen Apple-Fahrzeug tüfteln sollen. Es handele sich um junge Leute mit einer „progressiven Denke“, die in ihren alten Autokonzernen mit verkrusteten Strukturen nicht weitergekommen seien. Neben Ingenieuren seien auch Fachleute für Software und Vertrieb darunter. Sie arbeiten an einem „coolen Kleinwagen“, der auf das ganze Ökosystem von Apple zurückgreift – „mit einem iPad am Armaturenbrett und der Sprachassistentin Siri auf dem Beifahrersitz“.

Das Auto könnte im österreichischen Autowerk Magna ab 2019 oder 2020 vom Band laufen. „Apple sucht für das iCar eine Firma wie Foxconn, die das iPhone zusammensetzt“, sagte die Quelle. Das Elektroauto solle zunächst von Carsharing-Diensten eingesetzt werden. Weil diese über zentrale Werkstätten verfügen, könnte Apple sein Fahrzeug ohne eigenes Servicenetz auf den Markt bringen. Ein Apple-Sprecher teilte lakonisch mit: „Gerüchte und Spekulationen werden seitens Apple nicht kommentiert.“ In den sozialen Netzen schlug die Nachricht hohe Wellen. „Berlin wird Autostadt“, frohlockte ein Nutzer auf Twitter.

Zulieferer warten auf neuen Player

Apple müsse das Auto nicht neu erfinden, sondern könne auf eine starke Zulieferbranche zurückgreifen, die nur auf einen neuen Player warte, weil die Autokonzerne die Kostenschraube immer weiter anziehen und die Margen kleiner würden, sagte die Quelle. Apple werde zu den direkten Zulieferern gehen und die besten technologischen Subsysteme für sein iCar einkaufen.

Wo könnte das Lab versteckt sein? Sicher nicht in einem der zahllosen Coworking Spaces in Berlin. Das wäre Apple zu nahe an der geschwätzigen Start-up-Szene. In irgendeinem der ebenso zahllosen Business-Center? Vielleicht. Der Start-up-Campus Factory, der sich gewöhnlich seiner engen Kontakte zur digitalen Wirtschaft rühmt, winkt ab. Achselzucken auch auf dem Schöneberger Euref-Campus, dem Berliner Zentrum der Elektromobilität. Die landeseigene Agentur für Elektromobilität, die Wirtschaftsförderung BerlinPartner und die Technologiestiftung wollen ebenfalls nichts von dem geheimen Lab wissen.

Auch in den USA umgibt das Thema ein gewisses Geheimnis. Dem Magazin „MotorTrend“ zufolge arbeiten inzwischen 1000 Experten im kalifornischen Sunnyvale an dem Projekt mit dem Code-Nomen „SixtyEight Research“.

LocalMotors entwickelt Elektro-Shuttle

Nicht nur Apple arbeitet offenbar in Berlin an solchen Konzepten: LocalMotors ist ein US-Unternehmen, das auf Kfz-Design durch den Internetschwarm und mit Hilfe von 3D-Druckern spezialisiert ist. Die Firma hat sich im Kreuzberger Rainmaking-Loft eingemietet. Ende Juni solle der Prototyp eines autonom fahrenden Shuttle präsentiert werden. Es soll in einer Manufaktur (Micro Factory) gebaut werden, wie Damien Declercq sagte, Statthalter der Firma in Berlin.

Überhaupt gilt Berlin mit 3000 angemeldeten E-Autos, 770 Stromtankstellen und zahlreichen Firmen als Hauptstadt der Elektromobilität. „Hier könnten bis 2030 rund 10.000 hoch qualifizierte Arbeitsplätze entstehen“, sagt Nicolas Zimmer, Chef der Technologiestiftung Berlin.

HD-Karten für selbstfahrende Autos

Die größte Expertise in Fragen der Mobilität hat in Berlin das Technologieunternehmen „Here“, das die Autokonzerne Audi, BMW und Mercedes Anfang diesen Jahres gemeinsam dem finnischen Handyhersteller Nokia abgekauft haben. Here entwickelt höchstpräzise HD-Karten, Grundvoraussetzungen für selbstfahrende Autos. Here arbeite mit 25 bis 30 Unternehmen der Kfz-Branche zusammen, sagte ein Sprecher. Aber: „Kein Kommentar“ zur Frage, ob es auch eine Kooperation mit Apple gebe.

Was die Kompetenz zur Konstruktion autonom fahrender Autos angeht, klopfte Apple schon vor mehr als einem Jahr bei Berliner Forschern an. Es waren Abwerbeschreiben, die den Wissenschaftlern das Arbeiten in Cupertino schmackhaft machen sollten. Vor allem an der Berliner FU gibt es einen Fachbereich, der für Firmen wie Apple hochinteressant ist: AG Intelligente Systeme und Robotik des Instituts für Informatik. Hier forscht Daniel Göhring schon seit Jahren an selbstfahrenden Autos.

FU-Forscher fährt autonom durch Mexiko

Wenn Göhring das Tor der universitären Tüftlerwerkschaft öffnet und das Auto hinaus in den Berliner Stadtverkehr gleiten lässt, trauen viele ihren Augen nicht: Ohne zu lenken oder zu bremsen fährt er durch die Stadt. Das Auto weicht schlingernden Fahrrädern aus, überholt ausscherende Gelenkbusse, stoppt bei unbedarft auf die Fahrbahn tretenden Fußgängern und gibt schon mal Gas, um bei Gelb noch über die Ampel zu kommen.

Das von seinem Team entwickelte Fahrzeug AutoNOMOS ist seit 2011 für den Straßenverkehr in Berlin zugelassen – ein weltweit einmaliges Projekt. Kein Wunder, dass Apple in Berlin eventuell nach Sachverstand sucht. Aber bei Göhring habe sich aktuell niemand gemeldet, sagt er. Er hat ohnehin genug zu tun: Gerade ist sein Gefährt ohne ein Eingreifen durch Menschenhand 2400 Kilometer durch Mexiko gefahren.