Digitalisierung

Gründerszene wird größter Job-Motor der Hauptstadt

Start-ups werden bald Berlins größter Arbeitgeber sein. Der Senat investiert 200 Millionen Euro in die Digitalisierung des Mittelstands

Hergen Wöbken (CEO Institut für Strategieentwicklung) stellt die Studie „Booming Berlin“ vor

Hergen Wöbken (CEO Institut für Strategieentwicklung) stellt die Studie „Booming Berlin“ vor

Foto: Sebastian Schachel / dpa

Schon in einigen Jahren wird die Start-up-Branche Berlins größter Arbeitgeber sein. Heute beschäftigen mehr als 600 junge Firmen in der Stadt zusammen rund 13.200 Arbeitnehmer. Damit steht die Branche an fünfter Stelle, gleich hinter den Berliner Verkehrsbetrieben und noch vor Siemens. Vor drei Jahren waren es noch 270 Unternehmen mit 6700 Mitarbeitern. Zu diesem Ergebnis kommt das Institut für Strategieentwicklung (IFSE) in seiner neuesten Studie "Booming Berlin" über die Start-up-Szene in der Hauptstadt. Ihre 50 größten Firmen, und damit nur etwa acht Prozent, beschäftigen etwa die Hälfte aller Mitarbeiter.

Die neue Studie will den Hype um die Berliner Gründerszene relativieren. "Berlin wird niemals das neue Silicon Valley werden", sagte IFSE-Chef Hergen Wöbken bei der Präsentation der Studie. "Doch kaum eine Stadt kann eine solche Vielfalt und Kreativität und so viele Bildungseinrichtungen vorweisen. Das ist ein Pfund, mit dem man wuchern kann."

Kreative Potenziale stärker nutzen

Berlin müsse sich auf seine Stärken besinnen und seinen Platz in der anbrechenden Internetgesellschaft finden und entscheiden, in welche Richtung die digitale Ökonomie gehe. Die Studie kritisiert, dass es in Berlin nur geringe Berührungspunkte zwischen der weltweit einzigartigen Kreativszene und der Gründerszene gibt.

"Es gibt noch viel mehr Leute in Berlin, die eine geniale Idee umsetzen wollen", sagte Udo Schloemer, Chef des Start-up-Campus Factory, zu der Studie. 600 Gründer, die sich um Arbeitsplätze in der Factory bewarben, habe er im vergangenen Jahr ablehnen müssen. "In zwei Jahren müssen wir den kompletten Mittelstand addieren."

Digitalisierung im Mittelpunkt

Man solle das "Gequatsche über Start-ups beenden" und sich "stattdessen mit der Digitalisierung der Wirtschaft befassen". Dazu gehöre, den deutschen Mittelstand nach Berlin zu holen. Die Industrie habe Geld und ein Problem mit der Digitalisierung. "Deshalb soll sie die Ideen der Gründer finanzieren."

"Wir brauchen Visionäre", sagte Schloemer. Er bezeichnete den Mangel an Büroflächen als dringendes Problem. "Wir haben in Berlin einen Leerstand von drei Prozent. Aber das sind Flächen, die keiner will." Hier erhofft er sich Unterstützung von Wirtschaftssenatorin Cornelia Yzer (CDU). Sie sicherte zu, die Rahmenbedingungen zu schaffen, "damit die Nomaden der digitalen Wirtschaft sesshaft werden" und nicht in andere Metropolen abwandern.

Mehr Unternehmergeist gefordert

Der Bundesverband Deutsche Start-ups forderte mehr Unternehmergeist. Namentlich kritisierte dessen stellvertretender Vorsitzender Sascha Schubert das auch in Berlin ansässige Fraunhofer-Institut. "Die erfinden tolle Dinge", sagte Schubert. Es gebe jedoch fast keine Ausgründungen. Yzer wies das zurück. "Fraunhofer ist ein entscheidender Impulsgeber." Sie verwies auf den Wandel des Instituts vom Wissenschafts- in ein Leistungszentrum.

200 Millionen Euro für den Mittelstand

Yzer warb bei der Podiumsdiskussion für die neue Mittelstandsoffensive des Landes Berlin. "Mit ihr will die Senatswirtschaftsverwaltung Berliner Unternehmen insbesondere bei der Umstellung auf die Digitalisierung und Industrie 4.0 unterstützen", sagte Yzer. Rund 200 Millionen Euro stehen im Rahmen der Mittelstandsoffensive in den nächsten zwei Jahren zur Verfügung. Die IHK begrüßte das Programm, verwies aber darauf, dass jedes Unternehmen den Weg der Digitalisierung aber selbst gestalten müsse.

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