Zunächst die schlechte Nachricht für Berliner: Es gibt zahlreiche Städte und Kreise in Deutschland, in denen es sich besser leben lässt als in der Hauptstadt. Und nun die gute: Nur in sehr wenigen Gemeinden und Landkreisen der Republik verändern sich die Lebensbedingungen im positiven Sinn so dynamisch wie in der Hauptstadt.
Zu diesem Ergebnis kommt das Regionalranking 2016 des Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln (IW), das der Berliner Morgenpost exklusiv vorliegt. Die Wirtschaftswissenschaftler des IW haben die sozioökonomische Lage und die wirtschaftliche Entwicklung in allen 402 Städten und Kreisen Deutschlands untersucht.
14 Indikatoren wurden analysiert
Um überhaupt vergleichen zu können, bildeten die Autoren der Studie drei Cluster: Wirtschaftsstruktur, Arbeitsmarkt und Lebensqualität in den jeweiligen Regionen. In diesen drei Bereichen wurden 14 Indikatoren wie die Steuerkraft der Gemeinden, der Anteil der hochqualifizierten Beschäftigten, die Beschäftigungsrate von Frauen, Straftaten, private Überschuldung, Ärztedichte, Baugenehmigungen und Arbeitsplatzwanderungen miteinbezogen und gewichtet.
Dabei unterscheiden die Autoren der Studie zwischen einem Ranking, welches das bestehende Niveau einer Region abbildet, und einer Dynamikrangfolge, die am ehesten etwas über die Entwicklungschancen einer Region vorhersagt.
Berlin zwischen Main-Kinzig-Kreis und Kreis Kulmbach
Man muss lange suchen, bis man Berlin im Niveauranking – also in der Momentaufnahme der sozioökonomischen Lage – findet. Die Hauptstadt wird „im großen Nichts“ zwischen dem Main-Kinzig-Kreis und dem Landkreis Kulmbach auf Rang 152 mit 51,3 Punkten geführt. Die anderen Metropolen der Republik stehen viel besser da: München (Platz 4), Frankfurt/Main (Platz 9), Hamburg (Platz 58). Nur Köln positioniert sich schlechter und erreicht nur einen 158. Platz.
Dabei ist es um die Wirtschaftsstruktur (Rang 56) und den Arbeitsmarkt (Rang 60) aus Sicht der Analysten nicht schlecht bestellt, wie IW-Referent Michael Bahrke, ein Autor der Studie, sagt. Die Faktoren, aus denen die IW-Forscher die Lebensqualität errechnet haben, reißen Berlin aber in den Abgrund der Statistik: Bei der Häufigkeit der Straftaten kommt Berlin auf Platz 400, bei den überschuldeten Privathaushalten auf Rang 367.
Beides sind Indikatoren für das Lebensqualitätsranking. Das bedeutet: In nur zwei Städten beziehungsweise Kreisen tritt Kriminalität häufiger auf als in Berlin. In 35 Gebietskörperschaften Deutschlands gibt es mehr verschuldete Menschen als in der Hauptstadt.
Bei der Dynamik im Spitzenfeld
„Bei der dynamischen Betrachtung steht Berlin gut da“, sagt Michael Bahrke. Die Stadt erreicht Rang 31 von 402 Städten und Landkreisen in Deutschland. Dieser Teil der Analyse betrachtet die Veränderung der vergangenen fünf Jahre.
Zum Vergleich: München besetzt Platz 9, Hamburg 11. Berlin hat sich zwischen den Landkreisen Würzburg und Harburg platziert. Bei der Wirtschaftsstruktur kommt Berlin auf Rang 42, beim Arbeitsmarkt auf Rang 11, bei der Lebensqualität auf Rang 130.
Auch hier lohnt der Blick in die Details: Bei der Beschäftigung Hochqualifizierter erreicht Berlin deutschlandweit Rang 5, bei den Baugenehmigungen Rang 18, bei der Steuerkraft Rang 57 und bei den Gründungen Rang 65. „Wir beobachten in Berlin eine sehr hohe Dynamik“, fasst Michael Bahrke die Ergebnisse zusammen. „Die Infrastruktur und die Grundlagen der Wirtschaft sind gut.“
Boom im Süden, Probleme im Westen
Das ist nicht überall in Deutschland so. Seit der Finanz- und Wirtschaftskrise 2009 haben sich die Regionen in Deutschland unterschiedlich entwickelt. Während der Süden, vor allem die Region um die bayerische Landeshauptstadt München boomt, kämpfen viele Regionen im Westen Deutschlands mit wirtschaftlichen Problemen. Von den zehn Kreisen mit den schlechtesten Bedingungen sind alleine fünf aus dem Ruhrgebiet. Schlusslicht des gesamten Regionalrankings ist ausgerechnet Duisburg.
Die Ergebnisse sind eindeutig: Die Region München bleibt das erfolgreichste Gebiet in Deutschland. Ähnlich stark ist sonst nur noch die Region rund um den Börsen- und Messeplatz Frankfurt am Main vertreten. Die Top Ten der Standorte komplettieren die drei „Autoregionen“, der bayerische Landkreis Dingolfing-Landau, die „Audi-Stadt“ Ingolstadt und die „VW-Stadt Wolfsburg“ in Niedersachsen.
Bestwerte in Autostadt Wolfsburg
Betrachtet man die Dynamik der Gebiete seit der Wirtschaftskrise 2009, so entwickelt sich Wolfsburg am besten. Davon profitiert auch der Landkreis Gifhorn. Wird die Entwicklung dieser Region durch die Folgen des VW-Abgasskandals möglicherweise gebremst? Nein, so Michael Bahrke und sein Co-Autor Hanno Kempermann, die Krise sei noch nicht im Geringsten in der Region angekommen. „Wenn man im 5. Gang läuft, dann ist der Bremsweg sehr lang“, so Bahrke.
Wichtig seien für einen Landkreis oder eine Stadt immer die Themen Innovation, Vernetzung, Internationalisierung und die Teilhabe an der Digitalisierung 4.0. Wenn das einmal geschafft sei, dann sei es sehr schwer, das wieder „zurückzudrehen“.




