Energieversorgung

Vattenfall pflanzt im Berliner Umland Tausende Bäume

| Lesedauer: 5 Minuten
Joachim Fahrun

Foto: Vattenfall

Holz statt Kohle: Energieriese Vattenfall baut in Brandenburg Zehntausende schnell wachsende Pappeln an. Deren Holz wird in Berlin zu Fernwärme und Strom. Das hilft nicht nur den märkischen Bauern.

„Den Pappeln“, sagt Bauer Mathias Holzberger, „kann man beim Wachsen zugucken.“ Vier Zentimeter schießen die Bäume an einem sonnigen, ruhigen Sommertag in die Höhe. Auf seinem Acker am Rande von Stahnsdorf südlich von Berlin ist es noch nicht so weit. Polnische Arbeiter drücken hier mit einer Spezialmaschine 10.000 Stecklinge in den laut Holzberger „durchschnittlichen Brandenburger Sandboden“.

Wenn die Pappeln nach drei Jahren erstmals geerntet und noch auf dem Acker zu Schnitzeln zerhäckselt werden, landen sie im Heizkessel des Biomasseheizkraftwerks Märkisches Viertel in Berlin. Über 20 Jahre bringen die Bäume von den fünf Hektar Stahnsdorfer Acker bei bis zu sieben Ernten 1000 Tonnen Biomasse. Das reicht, um 600 Haushalte ein Jahr lang mit Wärme und 450 Haushalte mit Strom zu versorgen.

Der Energiekonzern Vattenfall heizt weite Teile der Großsiedlung im Berliner Norden mit Holz. Anders als die Konkurrenz von der Blockheizkraftwerks- Träger- und Betreibergesellschaft mbH Berlin (BTB), einer Tochter von RWE, setzt Vattenfall auf frisches Material. BTB verbrennt in ihrem Rudower Kraftwerk Altholz wie Ikea-Regale und versorgt 20.000 Haushalte in der Gropiusstadt kohlendioxidneutral. Vattenfall hat 2010 eigens eine Tochterfirma namens Energy Crops gegründet, um nachwachsenden Rohstoff zu besorgen. „Es geht uns vor allem darum, den Preis für den Brennstoff für die Zukunft abzusichern“, sagte Geschäftsführer Jan Grundmann am Donnerstag beim Ortstermin am Rande Berlins.

Vattenfall plant Tausende Pappeln für Biomasseheizkraftwerk

Seit Jahren tingeln seine Mitarbeiter über die Dörfer und schließen Kooperationsverträge mit Bauern wie Holzberger ab. Für ihn ist die Partnerschaft ideal. Sein Hof liegt fast 80 Kilometer entfernt fast in Sachsen-Anhalt. Da hilft es ihm, dass die Stecklinge nur im ersten Jahr intensiver Pflege bedürfen. Nach der ersten Ernte, die ein verstärkter Mais-Häcksler schafft, treiben die genügsamen Bäume erneut aus. Pflanzenschutzmittel benötigen sie fast keine.

Früher hatte Holzberger in Stahnsdorf Weizen angebaut. Die Pappeln bringen zwar etwas weniger Ertrag, aber dafür ist der für den Bauern langfristig planbar, während die Getreidepreise stark schwanken. Vor allem für schlechte bis mittlere Böden, so ist Vattenfall-Manager Grundmann überzeugt, sind schnell wachsende Kurzumtriebsplantagen eine echte Alternative. „Außerdem ist das eine ökologische Nische“, sagt Nebenerwerbslandwirt Holzberger. Weil über die meiste Zeit fast nichts geschieht auf dem Baumacker, nisten sich zwischen den Erntezyklen Eidechsen, Rehe und Vögel ein.

Grundmann verweist zudem auf die gute Energiebilanz. Während der Einsatz von einer Einheit im Falle von Mais für Biogasanlagen zehn Energieeinheiten bringt, liege das Verhältnis bei Pappeln bei eins zu 60. Zwischendurch hatte Vattenfall mit Spezialpellets aus Skandinavien zur Mitverbrennung in Kohlekesseln experimentiert und erwogen, alte Gummibäume aus Westafrika zu verheizen. Nach Protesten setzt man nun jedoch nach eigenen Angaben auf Rohstoff aus der Region.

Vattenfall ist Deutschlands größte Energiewaldbauer

2000 Hektar haben 60 Vertragspartner der Vattenfall-Tochter inzwischen in Brandenburg und Westpolen für Energiewald zur Verfügung gestellt. In diesem Frühjahr werden davon die letzten 570 Hektar gepflanzt. Damit ist das Unternehmen der größte Energiewaldbauer der Republik. Insgesamt wachsen Kurzumtriebsplantagen auf 7000 Hektar in Deutschland. Auf den ersten Plantagen rund um Berlin haben sie im Winter zum ersten Mal fünf bis sechs Meter hohe Bäumchen abgeerntet.

Grundmanns Ziel ist es, die Hälfte der 45.000 Tonnen Biomasse, die das Kraftwerk im Märkischen Viertel pro Jahr benötigt, aus Energiewald zu gewinnen. Der Rest wird aus den Forsten möglichst rund um Berlin bezogen. Ganz abhängig machen möchte sich Vattenfall nicht von den Energiebauern, um sich die Möglichkeit zu erhalten, auch zu profitieren, wenn der Holzpreis sinken sollte.

Schwedischer Energieversorger will CO2-Ausstoß weiter senken

Für Vattenfall ist der Biomasseeinsatz in der Erzeugung von Fernwärme ein Element, um den Ausstoß von Kohlendioxid zu senken. Der als Kraftwerksbetreiber größte Verursacher von CO2 in der Stadt hat sich gegenüber dem Senat verpflichtet, seinen Ausstoß des Klimagases im Vergleich zu 1990 bis 2020 zu halbieren. Als die Klimaschutzvereinbarung geschlossen wurde, lag das durchschnittliche Aufkommen der Jahre 2006 bis 2008 bei 7,59 Millionen Tonnen CO2.

Dieser Wert muss noch um eine Million Tonnen herunter, wie Vattenfall am Donnerstag in einem Zwischenbericht darstellte. Im Vergleich zu 1990 habe man 46 Prozent geschafft. Für die Zukunft ist hier ein Erfolg essenziell für die Schweden, denn der Senat erwägt, neben Strom- und Gasnetz auch die Fernwärme in die eigene Hand zu bekommen.

Um die restlichen Einsparungen zu erbringen, investiert Vattenfall in den Ausbau des energieeffizienten Fernwärmenetzes und in neue effiziente Gaskraftwerke, die wie in Klingenberg an der Rummelsburger Bucht oder in Marzahn alte Kohleanlagen ersetzen. Im Kraftwerk Moabit wird in größerem Stil Holz mitverbrannt. Der Chef von Vattenfall-Wärme, Gunther Müller, sagte zu, die vereinbarte CO2-Minderung für Berlin zeitgerecht zu erreichen. Als letzter Schritt ist 2020 vorgesehen, den letzten Steinkohleblock des Kraftwerkes Reuter C abzuschalten.