Big Data

In Berlin sucht Energieriese Eon den intelligenten Strom

Der Energiekonzern Eon sucht die Geschäftsfelder der Zukunft. In Berlin wollen Mitarbeiter die Chancen des digitalen Wandels nutzen - in einer Büroetage in Mitte, die Area 51 genannt wird.

Foto: Amin Akhtar

Wer mit Thorsten Kühnel redet, ist schnell bei der Macht der Daten, dem Taxi-Schreck Uber, Sicherheitsservices und Lichtsteuerung per Smartphone. Und auch über die Oculus-Brille, die Eintauchen in virtuelle 3D-Welten ermöglicht, lässt sich trefflich diskutieren. Kühnel ist beim Energiekonzern Eon für den digitalen Wandel zuständig. Er arbeitet an der Zukunft.

Bei einem der größten deutschen Betreiber von Gas-, Kohle- und Atomkraftwerken wirken digitale Sicherheitssysteme für den Haushalt allerdings etwas weit weg vom Geschäft. Und Kühnel und sein Team sind auch weit weg von der Konzernzentrale in Düsseldorf. Nicht von ungefähr nennen die Mitarbeiter die Büroetage über den Galeries Lafayette in der Friedrichstraße Area 51 – nach dem extrem geheimen Teil einer US-Luftwaffenbasis in der Wüste von Nevada.

Verschwörungstheoretiker glauben, dass die USA hier Hinweise auf außerirdisches Leben verstecken. Allerdings sieht Kühnel nicht wie ein Außerirdischer aus. Die Zukunft Eons trägt einen kurzen Bart, dunkelrandige Brille. Und sprüht vor Energie. Allerdings redet er für manchen, der der Zeit der klassischen Energiekonzerne mit Kohleverstromung anhängt, vielleicht etwas außerirdisch, wenn es um Big Data und Smart Meter geht.

Völlig neue Aufgabengebiete

Durch die Energiewende schwindet die Grundlage des klassischen Geschäfts in den nächsten Jahrzehnten, gleichzeitig entstehen völlig neue Aufgabengebiete. Deshalb hat Konzernchef Johannes Teyssen einen radikalen Schwenk verordnet. Eon wird sich von Kraftwerken und Stromhandel trennen – etwa der Hälfte des bestehenden Geschäfts – und sich künftig auf Stromvertrieb, Netze und erneuerbare Energien konzentrieren. Etwa Windparks projektieren, bauen und auch betreiben. Und neue Geschäftsfelder angehen.

Dafür ist unter anderem Kühnel zuständig. Er hat angesichts der rund 62.000 Beschäftigten eine recht kleine Truppe, die an der Zukunft des Konzerns arbeitet, neun Mitarbeiter in Berlin, dazu einer in der Zentrale in Düsseldorf sowie je einer in Großbritannien und Schweden, den Hauptmärkten von Eon außerhalb Deutschlands. Im Laufe des Jahres sollen es in Berlin 16 werden. Zudem gibt es eine Art konzerninterne Zukunftsgemeinde, Community, wie es im Start-up-Deutsch heißt – informell über alle Abteilungsgrenzen hinweg.

Es geht darum, wie der Konzern dem Kunden mehr Komfort bieten kann im Wettbewerb. Die Digitalisierung biete Chancen für das Stammgeschäft, sagt Kühnel. Und er verweist auf den Fahrtenvermittler Uber. Das Unternehmen habe über ein einfaches digitales Angebot und vergleichsweise neue Medien wie Smartphones die ganze Branche revolutioniert. Und dann sei da noch die Macht der Daten, Big Data.

Mit Smart-Meter-Technik den Stromverbrauch überwachen

In den Daten lägen viele neue Erkenntnisse, sagt Kühnel. Zum Beispiel lasse sich über sogenannte Smart-Meter-Technik das Lastprofil eines Kühlschranks überwachen. Dabei misst ein Zähler den Stromverbrauch des Geräts. Und wenn es Abweichungen vom Standardlastprofil gebe, könne man sehen, dass das Gerät tendenziell kaputt gehe und dem Kunden schon mal einen Techniker empfehlen. Auch lasse sich einem Kunden, der über seine Photovoltaikanlage Strom ins Netz einspeise, mitteilen, ob seine Anlage optimal eingestellt sei.

Dann sind da noch vernetzte intelligente Produkte, das Internet der Dinge, das ja auch irgendwie mit Strom zu tun hat. „Beleuchtungskörper zum Beispiel, die erkennen, wenn ich das Haus verlasse oder im Begriff bin, es zu betreten, und sich entsprechend aus- oder einschalten“, sagt Kühnel. Und bei der Energieeffizienz komme dann Eon ins Spiel. Beim Internet der Dinge sieht Kühnel die Konkurrenz übrigens nicht mehr wie früher bei RWE, Vattenfall oder EnBW, sondern bei Google, Total oder der Deutschen Telekom.

Der Sohn beschwerte sich über Eons Facebook-Auftritt

Die Geschichte seiner Einheit ist zumindest für einen Großkonzern aus dem Deutschen Aktienindex Dax ungewöhnlich und beginnt zu Hause bei einem Vorstandsmitglied: Dessen Sohn beschwerte sich über den altbackenen Facebook-Auftritt Eons. Einige Gedankenschleifen und Beratung durch die Berliner Agentur TLGG später hatte der Konzernvorstand die Idee, eine Einheit für den digitalen Wandel zu gründen.

Die wichtigste Frage: Wo bekommen wir ganz schnell gute neue Leute? Im internen Wettbewerb blieben zum Schluss noch London und Berlin übrig, die Städte in Europa mit der größten Gründerszene. Letztlich punktete Berlin mit deutlich geringeren Kosten und sehr attraktivem Umfeld. Kühnel ist erst seit Oktober 2014 bei Eon. Vorher hat er 15 Jahre lang für den Autobauer BMW in der Kommunikation und im Marketing gearbeitet. Er hat das digitale Innovationsmanagement geleitet und für die BMW Group das Social Business aufgebaut. Dort wird unter anderem analysiert, was in sozialen Medien über BMW berichtet wird.

Jetzt aber ist Kühnel für Eon in Berlin. Seine Aufgabe: Innerhalb des Konzerns am Wandel arbeiten und den Blick für Neues schärfen. Erst einmal hat er die Trennwände im Großraumbüro entfernt. Das Chefbüro ist jetzt überwiegend Besprechungsraum.

Viele Ideen werden durchgespielt

Hier entstehen dann Ideen wie diese: Nachtlichter in Steckdosen können auf Bewegungen reagieren und diese auch auswerten. Geht jemand ins Schlafzimmer, aber kommt nicht wieder heraus? Das Gerät könnte dann einen Notruf absetzen, wenn in der Wohnung eine ältere Person lebt. „Wir spielen gerade viele Ideen durch“, sagt Kühnel. Und wenn es schon eine Lichtsteuerung gebe, dann könne man die ja auch für anderes einsetzen.

Zum Beispiel für ein Buchungssystem für Konferenzräume. Üblicherweise seien solche Räume lange im Voraus und stundenweise gebucht, sagt Kühnel. Die Technik steuere das Licht schon je nach Tageszeit und schalte ab, wenn niemand im Raum sei. Sie könnte doch aber auch zum Beispiel um 10.10 Uhr den Raum automatisch freigeben, wenn eigentlich um 10 Uhr jemand kommen sollte, das System aber zehn Minuten lang keine Bewegung registriert hat.

Allein ist Kühnels Abteilung nicht. Konzernintern gibt es noch das Projekt :agile, eine Art Vorschlagwesen 4.0. Jeder Mitarbeiter kann eine Idee einer Jury vorstellen. Wird sie angenommen, stellt der Konzern den Mitarbeiter für drei Monate frei und stattet ihn mit Geld aus. Der Mitarbeiter ist dann sein eigener Chef und muss nachweisen, dass sich aus der Idee etwas machen lässt. Perspektivisch in Berlin.

E-Fahrzeuge als intelligente Stromspeicher

Für all die Ideen, die bei :agile und in Kühnels Team entstehen, arbeitet Eon mit Gründern zusammen. Und zum Beispiel mit dem Team der Lufthansa, das in Berlin die Digitalisierung des Luftfahrtkonzerns vorantreiben soll, oder auch dem hub:raum, der Digitalisierungs-Plattform der Deutschen Telekom.

Und dann ist da noch die große Herausforderung: Viele kleine Energieerzeuger, Solar- und Windanlagen, unterschiedliche Strommengen je nach Wetterlage, unterschiedliche Verbrauchsmengen, das muss alles so gesteuert werden, dass es keine Ausfälle gibt. „Da wird es interessant“, sagt Kühnel. Zum Beispiel E-Fahrzeuge als intelligente Stromspeicher. Derzeit noch kein Eon-Kerngeschäft, sagt Kühnel, aber man müsse sich darüber Gedanken machen.