Berlin Energie

Der Mann, der nach dem Berliner Stromnetz greift

Wolfgang Neldner hat mit dem Landesbetrieb Berlin Energie das umstrittene Rennen um das Berliner Gasnetz gewonnen. Jetzt will er Vattenfall beim Stromnetz ausstechen - und plant noch viel mehr

Foto: Amin Akhtar

Auf der Straße hätten sie ihn angesprochen: „Mensch Neldner, ich hätte nicht gedacht, dass Sie wirklich gewinnen.“ So schildert der Chef der Berlin Energie, Wolfgang Neldner, einige Reaktionen der überrumpelten Politiker nach seinem großen Coup. Denn der Geschäftsführer des landeseigenen Kleinunternehmens hat sich im Rennen um Berlins Gasnetz überraschend gegen den bisherigen Betreiber Gasag durchgesetzt. Obwohl der Ausgang des Wettbewerbsverfahrens vor allem vielen in der CDU nicht schmeckt, müssen sich die Christdemokraten bald nach dem Ende der Sommerpause bekennen. Akzeptieren sie die Entscheidung der Senatsfinanzverwaltung oder riskieren sie den großen Krach mit der SPD? Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) und Finanzsenator Ulrich Nußbaum (parteilos, für SPD) haben die Beschlussvorlage ins Abgeordnetenhaus eingebracht. Sie lassen keinen Zweifel daran, dass sie Zustimmung der Koalition erwarten.

Wolfgang Neldner ist unterwegs, um die Skeptiker in Politik und Wirtschaft zu überzeugen. „Viele kannten mich und meine Fachkompetenz nicht“, sagt der 1957 im thüringischen Naumburg geborene Kybernetiker, der Bundesregierung und Bundestag in Fragen der Energiewende und Netzausbau berät. Lange Jahre managte Neldner für Vattenfall und die Nachfolgefirma 50 Hertz als technischer Geschäftsführer das ostdeutsche Stromnetz. Zuvor organisierte er in den 90er-Jahren die elektrische Wiedervereinigung des DDR-Netzes mit den Leitungen der Bundesrepublik.

Jetzt plant er nicht weniger als eine Revolution. Rund um einen kombinierten Betreiber der Netze für Gas, Wasser und auch Strom, um das sich Berlin Energie gegen Vattenfall bewirbt, will er ein intelligentes System schaffen. „Ich bin nicht angetreten, um besser als Vattenfall oder die Gasag zu sein“, sagt Neldner, der von Berufs wegen zum komplexen Denken neigt: „Es geht um etwas komplett Neues.“

Eine echte „Smart City“

Er möchte aus der Dichte von Energieabnehmern, der Verkehrsinfrastruktur und aus dem Wachstum der Stadt eine Blaupause schaffen für eine räumlich begrenzte Energiewende und eine echte, durch Datenübertragung vieler Akteure verbundene „Smart City“. Er hat ein Netzwerk geknüpft aus zahlreichen Landesunternehmen wie den Wasserbetrieben und der BVG, aber auch Konzerne wie die Telekom sind dabei und Wissenschaftler der Technischen Universität. Jetzt sei der Zeitpunkt, sich auf den Weg zu machen. Jetzt würden die Konzessionen für die nächsten zwei Jahrzehnte vergeben. Jetzt seien die Zinsen so günstig, dass ein Rückkauf der Netze für die Stadt finanzierbar sei.

Seine braunen Augen blitzen, wenn er von elektrisch betriebenen Bussen spricht, die er als Speicher für Strom aus Wind und Sonne nutzen würde. Er redet sich in Rage darüber, warum nicht längst alle Fahrzeuge auf dem Flughafen elektrisch fahren, wo sie doch immer nur wenige Kilometer unterwegs sind. Und warum Bagger auch im Leerlauf mit Dieselmotoren Krach machen, leuchtet ihm auch nicht ein. „Gerade für Nutzfahrzeuge bietet sich Elektromobilität doch an“, sagt der Ingenieur.

Günstiger und transparenter

Ehe er über die Energiewende konkreter nachdenken kann, muss er aber skeptischen Politikern erklären, wie er das Gas-Verfahren gewonnen hat. Denn nicht nur in der CDU fragen sich viele, wie ein Rumpfbetrieb wie Berlin Energie die Gasag schlagen konnte. Neldner hat zugesagt, auf Störungen schneller zu reagieren als die Gasag, indem er die Infrastruktur der Wasserbetriebe mitnutzt und auch nur eine Meldestelle einrichtet. So habe er eben sieben oder acht Stützpunkte in der Stadt statt nur drei oder vier. Er sagt zu, die Anschlussgebühr billiger zu machen und die Netzentgelte zu senken. Denn vor allem Neubau und Wartung der Leitungen seien aus der Hand eines Kombi-Netzbetreibers günstiger zu haben. Alle Zahlen des Netzbetriebes will er sofort komplett offenlegen.

Zu dem Haupteinwand des Bundeskartellamtes will Neldner wenig sagen. Dabei geht es um ein Sonderkündigungsrecht des Landes, falls die Eigentümer des Konzessionsinhabers sich ändern. Das könnte private Erwerber benachteiligen. Neldner hingegen findet es absolut nachvollziehbar, wenn eine Stadt verhindern möchte, dass ihre Netze in die Hände von Russen oder Saudis fallen könnten.

Übernahme der Gasag-Mitarbeiter

Der Berlin-Energie-Chef setzt darauf, dass das Landesparlament schnell nach der Sommerpause das Vergabeverfahren zustimmend abschließt. Erst dann gebe es Raum, etwa mit den Eigentümern der Gasag, über einen möglichen Ausweg aus der Blockade zu verhandeln, die eine Klage über Jahre bedeuten würde. Er hätte nichts dagegen, die Expertise des Gasversorgers in sein Netzwerk einzubinden. Die für das Gasnetz tätigen Gasag-Mitarbeiter will er ohnehin alle übernehmen. Er hat keine Bedenken, sein Konzept vom Kartellamt oder von Gerichten überprüfen zu lassen. „Wir haben die Chance, etwas zu schaffen, was noch keiner geschafft hat“, sagt Neldner, „aber all das auf Basis sehr ordentlicher Zahlen und Konzepte.“