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Die Autos der anderen - Carsharing in Berlin boomt

Die Carsharing-Branche arbeitet an Verkehrsangeboten der Zukunft. Vor allem in Berlin wächst der Markt. Besonders beliebt sind bei Carsharing-Kunden die sogenannten Freefloating-Dienste.

Die Fahrzeugflotten von Car2Go, DriveNow und anderen Carsharing-Anbietern bestimmen seit mehr als zwei Jahren das Stadtbild. Die Unternehmen haben viele Erfahrungen gesammelt. Jetzt justieren sie ihre Geschäftsmodelle und machen sich fit für die Zukunft.

Die Anbieter wissen, dass es nicht reicht, Autos auf die Straße zu stellen. Der Wettbewerb ist hart und Kunden wollen einfach, kostengünstig und bequem von A nach B kommen. Deshalb vergeht kaum eine Monat, in der nicht ein neues Angebot startet. Und kaum ein Monat, in dem es nicht Streit mit etablierten Anbietern wie der Taxibranche gibt, die ihr altes Geschäftsmodell in Gefahr sehen.

So geriet zuletzt Uber in die Schlagzeilen, als die Taxibranche eine einstweilige Verfügung gegen den Limousinenservice erwirkte. Die Branche warf ihm vor, in der Innenstadt taxiartig zu arbeiten. Und Blacklane, die ebenfalls Fahrzeuge mit Fahrer anbieten, handelte sich Streit ein, als das Unternehmen eine Flotte von Smart-Kleinstwagen auf Berliner Straßen schickte und Fahrten anbot, die „billiger als Taxi“ sein sollten. Möglich wurde dieser Coup durch eine Ausnahmegenehmigung, die das Unternehmen an der Taxilobby vorbei erwirkt hatte.

Besonders beliebt sind bei Carsharing-Kunden die sogenannten Freefloating-Dienste: Man bucht per App auf dem Smartphone, die einem zeigt, wo und welche Fahrzeuge in der Nähe verfügbar sind, steigt ein und lässt den Wagen nach Gebrauch einfach am Straßenrand stehen. Dass das nur in dicht besiedelten Gebieten funktioniert, musste zuletzt Car2Go, eine Tochter des Autokonzerns Daimler, feststellen. Das Unternehmen verkleinerte sein Berliner Geschäftsgebiet. „Fahrzeuge standen zu lange in Außenbezirken“, gibt Michael Kuhn zu, Sprecher von Moovel, unter dessen Dach Daimler seine Mobilitätsangebote bündelt. Offiziell wurde die Arrondierung damit begründet, dass die Autos in fußläufiger Entfernung zum Kunden angeboten werden.

Hoher logistischer Aufwand

Auch DriveNow, mit 900 Fahrzeugen einer der größten Anbieter in Berlin, zieht die Grenzen seiner Geschäftsgebiete mit Bedacht. „Der logistische Aufwand ist im Umland zu hoch“, sagt Unternehmenssprecher Michael Fischer. Deshalb können die Fahrzeuge in Berlin nur zwischen Pankow, Zehlendorf, Karlshorst und Westend sowie zum Flughafen Tegel benutzt werden. Wer mit einem DriveNow-Fahrzeug trotzdem die Stadt verlassen will, kann Stundenpakete unterschiedlicher Länge buchen. DriveNow ist ein Gemeinschaftsunternehmen von BMW und dem Autovermieter Sixt.

Um sich den Wünschen des Marktes anzupassen, denken die Freefloater über neue Konzepte nach. Dabei steht sowohl bei Daimler als auch bei BMW die Erkenntnis im Mittelpunkt, dass Kunden für eine innerstädtische Fahrt unterschiedliche Verkehrsmittel benutzen wollen: Busse, Bahnen, Autos, Fahrräder, Taxen. BMW erforscht dieses Thema im Rahmen eines Projektes mit der Berliner Verkehrsmeldezentrale (VMZ), dem Senat und dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR). Die Forscher wollen herausfinden, ob Verbraucher bereit sind, von einem auf das andere Verkehrsmittel umzusteigen. Tests laufen, im Frühsommer sollen Ergebnisse vorliegen.

Daimler ist schon einen Schritt weiter. Die von Moovel entwickelte Smartphone-App zeigt schon seit längerer Zeit an, wie lange Fahrten mit unterschiedlichen Verkehrsmitteln dauern und wie viel sie kosten. In wenigen Monaten soll es in Berlin möglich sein, aus der App heraus unterschiedliche Verkehrsmittel zu buchen beziehungsweise Fahrkarten zu kaufen. Moovel hat das in Stuttgart getestet. Die Ergebnisse seien viel versprechend, sagt Sprecher Kuhn.

App-Entwickler wie MeMobility haben diesen Ansatz aufgegriffen und entwickeln ihn ein Stück weiter. Auf dieser Plattform können Nutzer zwischen Fahrzeugen der Carsharing-Anbieter car2go, DriveNow, Flinkster und Multicity wählen, sofern sie dort über Konten verfügen. Citeecar, Fahrradverleiher (Call a Bike und Nextbike) und öffentliche Verkehrsmittel sollen in den kommenden Monaten dazukommen. Die Berliner Morgenpost ist einer der Regionalpartner des Unternehmens.

Für neue Unternehmen ist es schwer, auf dem Markt Fuß zu fassen. Das Berliner Start-up Carzapp etwa war mit der Idee gestartet, Privatautos mit dem Zappkit auszustatten. Dabei handelt es sich um eine patentierte Steuerelektronik für die automatisierte Vermietung von Privatfahrzeugen – ähnlich wie bei den Freefloatern. Carzapp hat sich jetzt darauf verlagert, diese Technologie für Geschäftskunden weiterzuentwickeln und Lösungen für das Fuhrparkmanagement und Carsharing in Unternehmen anzubieten, wie Mitgründer Oliver Lünstedt sagt.

Vision von selbstfahrenden Autos

Ihren ersten größeren Kunden haben die Berliner bereits gewonnen: Sie statten 100 Fahrzeuge von Spotcar mit ihrem Zappkit aus. „Das ist ein neuer Anbieter, bei dem auch Fahranfänger Autos auf Kilometerbasis mieten können“, sagt Lünstedt. Das private Carsharing sei nur noch ein Nebengeschäft. Die Kundenakquise ist zu teuer.

Auch für DriveNow wird der Fokus auf Geschäftskunden wichtiger. Die Fahrzeuge ergänzen Fuhrparks oder ersetzen diese sogar, wie Sprecher Fischer sagt. „Allein in Berlin haben sich 300 Unternehmen registrieren lassen – darunter Ebay und Zalando.“

Die größten Veränderungen stehen der Branche noch bevor. Selbstfahrende Autos werden auf dem Carsharing-Markt eine wichtige Rolle spielen, wie Moovel-Sprecher Kuhn sagt. Der Zukunftsforscher Brad Templeton hat diese Vision dieser Tage auf der Technologiekonferenz Next in Berlin vorgestellt: Innerhalb der nächsten zehn Jahre würden Computer unsere Autos steuern, sagte er. „Selbstfahrende Autos retten Menschenleben, sparen Energie und Raum für Straßen und Parkplätze in unseren Städten. Ferner werden Verkehrsströme abnehmen. Selbstfahrende Autos werden auch den Einzelhandel und die Auslieferung von Waren verändern.“