Die Industrie- und Handelskammer wählt ihre Vollversammlung, das Parlament der Hauptstadt-Wirtschaft. Im September steht die Wahl des Präsidenten an. Eric Schweitzer steht an der Spitze der IHK.

Morgenpost Online: Herr Schweitzer, im September soll ein neuer IHK-Präsident gewählt werden. Werden Sie wieder antreten?

Eric Schweitzer: Ich bin jetzt seit acht Jahren Präsident, und dies sehr gern, weil ich glaube, dass die IHK in den acht Jahren wesentliches für die Berliner Wirtschaft und für die Unternehmerinnen und Unternehmer erreicht hat. Ich kann mir also eine weitere Amtsperiode vorstellen. Zunächst einmal muss ich aber in die nächste Vollversammlung gewählt werden.

Morgenpost Online: Berlin ist zwar in den vergangenen Jahren gewachsen. Dennoch gibt es immer noch gehörigen Rückstand zum Bundesgebiet, wenn es um wichtige Indikatoren wie Wirtschaftskraft und Arbeitsmarkt geht.

Schweitzer: Als ich IHK-Präsident wurde, lag die Wirtschaftskraft des Landes Berlin um gut 20 Prozent unter dem Bundesschnitt. Jetzt sind es noch gut zehn Prozent. An diesem Aufholprozess Berlins sind sicher viele beteiligt, aber nicht zuletzt die IHK hat dazu wichtige Impulse gegeben. Wir haben viel für die kleinen und mittleren Unternehmen in unserer Stadt erreicht. Ein gutes Beispiel ist der neue Flughafen, für dessen Bau Aufträge im Wert von 1,3 Milliarden Euro an Unternehmen dieser Art in der Region gingen. Auch in der Senatspolitik hat sich etwas getan, wie man am Wirtschaftsschwerpunkt im Koalitionsvertrag zwischen SPD und CDU sehen kann. So etwas war in früheren Jahren in Berlin fast undenkbar. Auch innerhalb der IHK sind wir neue Wege gegangen. Wir haben bei den Kosten strukturell zehn Millionen Euro pro Jahr gespart und die IHK-Beiträge und Gebühren für die Mitgliedsunternehmen um 17 Millionen Euro pro Jahr gesenkt. Wir sind heute eine der effizientesten Kammern Deutschlands.

Morgenpost Online: Berlin ist seit einigen Jahren angesagt, als Reiseziel aber zunehmend auch bei Unternehmen. Kann man das dem Wirken von Politik oder Verbänden wie der IHK wirklich zuschreiben?

Schweitzer: Tatsache ist: Unter den 50 größten deutschen Städten wächst Berlin am stärksten, was auch mit den vielen Unternehmensgründungen in unserer Stadt zu tun hat. Der Zuwachs ist wirklich enorm. In der IHK betreuen wir pro Jahr etwa 100.000 Anfragen, unter anderem zum Thema Unternehmensgründung. Berlin ist somit auch Gründungshauptstadt. Strukturell haben also sowohl die Politik als auch die IHK erheblich zu dieser Entwicklung beigetragen. Für uns hat die Wahrnehmung der Interessen kleinerer Unternehmen dabei absolute Priorität. Allerdings: Betrachtet man Berlins wirtschaftliche Entwicklung auf einer Skala von null bis zehn, sind wir bei zwei gestartet und liegen jetzt bei vier, maximal fünf.

Morgenpost Online: Was muss geschehen damit Berlin auf Ihrer Skala deutlicher Richtung zehn kommt?

Schweitzer: Wir müssen die Infrastruktur weiter verbessern. Dazu gehören der Weiterbau der A100, die Errichtung der Tangentialverbindung Ost oder auch die Bahnanbindung an den neuen Flughafen BER. Dann muss das Areal des Flughafens Tegel nach Ende des Flugbetriebes ein Technologiestandort mit enger Verzahnung von Industrie und Wissenschaft werden. Die Weiterentwicklung der Gesundheitswirtschaft gehört ebenfalls auf die Agenda. Dabei hilft es, dass in den nächsten Jahren 330 Millionen Euro in die Charite investiert werden. Und natürlich bleiben wir als IHK auch am Thema Entbürokratisierung, denn dies ist vor allem für kleinere und mittlere Unternehmen wichtig.

Morgenpost Online: Wir haben eine erfolgreiche Gründerszene in den Bereichen Internet und Informationstechnologie. Man hat den Eindruck: Diese Branche ist in den üblichen Entscheidungskreisen nicht sonderlich präsent.

Schweitzer: Das stimmt so nicht. In den Wahlgruppen der IHK sind sie sehr wohl vertreten. Die IHK passt sich sozusagen dynamisch der sich ständig verändernden Unternehmenslandschaft Berlins an. Wenn die IT-Branche weiter wächst, gewinnt sie selbstverständlich an Gewicht in den Gremien der IHK.

Morgenpost Online: Erreichen Sie solche Unternehmen mit Ihren Themen?

Schweitzer: Ja, gerade wenn es um die Entbürokratisierung der Verwaltung geht. Viel wichtiger für diese junge Branche ist aber die Verzahnung von Wissenschaft und Wirtschaft. Kreative Unternehmen entstehen im Wesentlichen im Umfeld von Hochschulen und Forschungsinstituten, und genau dafür setzen wir uns ein. Mittlerweile arbeiten mehr als 50.000 Menschen in über 6000 Unternehmen der Berliner IT-Branche. Für weiteres Wachstum bietet unsere Stadt die besten Voraussetzungen.

Morgenpost Online: Als Chef von Alba hatten Sie Streit mit dem Land und der stadteigenen BSR. Kritiker sagen: Der Chef eines Entsorgungsunternehmens ist als IHK-Präsident einem Interessenskonflikt ausgesetzt.

Schweitzer: Ich weiß, dass es diesen Vorwurf gibt, aber ein IHK-Präsident ist nun einmal Teil der Unternehmerschaft und wird als solcher immer mit anderen im Wettbewerb stehen, egal aus welcher Branche er kommt. Entscheidend ist, wie er damit umgeht. Es gibt in Berlin neben Alba jede Menge privater Entsorger, und auch deren Interessen muss die IHK vertreten – unabhängig davon, dass auch der Präsident mit seinem Unternehmen in der Branche aktiv ist. Ich habe von Anfang an mein ehrenamtliches IHK-Engagement von meiner beruflichen Tätigkeit strikt getrennt und halte mich in der IHK vollständig aus Themen heraus, die meine Branche betreffen.

Morgenpost Online: Wo sollte denn Berlin in fünf Jahren stehen, wenn die nächste Amtszeit eines IHK-Präsidenten abgelaufen ist?

Schweitzer: Wir sollten es bis 2016 schaffen, die Arbeitslosenquote auf unter zehn Prozent zu bekommen und damit den Wohlstand und das verfügbare Einkommen für die Menschen zu erhöhen. Dies gelingt, wenn die Wirtschaftskraft in unserer Stadt weiter zunimmt. Wir werden in fünf Jahren nahe am Bundesschnitt sein.

Morgenpost Online: Schafft Berlin das nur mit kleinen Unternehmen, die hier wachsen? Müsste nicht, um solche Ziele zu erreichen, mal ein großer Konzern seine Zentrale hierher verlegen?

Schweitzer: Viele Großunternehmen haben bereits große Geschäftsbereiche bei uns angesiedelt. Berlin ist attraktiv für junge, gut ausgebildete Menschen, und deshalb finden die Konzerne genau hier ihre potenziellen Nachwuchskräfte. Ich glaube, dass sich einige Berliner Unternehmen so kräftig entwickeln werden, dass wir auch wieder Dax-Konzerne in der Stadt haben werden. In fünf bis zehn Jahren gibt es mit hoher Wahrscheinlichkeit ein bis zwei solcher Unternehmen mit Sitz in Berlin. Davon bin ich fest überzeugt. Das Rückgrat der Berliner Wirtschaft bilden aber die kleinen und mittleren Unternehmen, die der IHK Berlin, aber auch mir persönlich besonders am Herzen liegen.