Wirtschaftswunder von nebenan

Berlins Handwerker trotzen dem Euro-Trubel

Euro-Krisel hin oder her: Berlins Handwerkern geht es so gut wie lange nicht. Im Handwerk haben immerhin 180.000 Berliner ihren Arbeitsplatz. Und die Schrumpfkur, die in den 90er-Jahren Jahren begann, ist vorbei. Im Gegenteil: Viele Meister klagen über Fachkräftemangel.

Foto: Christian Kielmann

Der Malermeister Tino Paul Böhm aus Lichtenberg hatte lange Monate einsamer Arbeitstage mit Raufaser, Spachtelmasse und Dispersionsfarbe eingeplant. Ende September hat Böhm sich mit seiner Malerfirma Artificium selbstständig gemacht. Sein Abenteuer als Unternehmer nötigt ihm Respekt ab. Böhm kalkuliert Ausgaben vorsichtig, und das betrifft auch Personal. Zunächst wollte er sich als Einzelkämpfer durchschlagen. Schnell war jedoch klar, dass es so nicht läuft: „Aufträge habe ich bis ins Frühjahr hinein. Alleine schaffe ich die nicht.“ Böhm, 32 Jahre alt, sucht einen Gesellen und einen Praktikanten. Leicht zu finden sind die nicht. Nach zweieinhalb Monaten als Unternehmer weiß er jetzt, was Fachkräftemangel bedeutet.

In gewisser Weise sind es Luxussorgen, die Maler Böhm da hat. Beugt man sich über Statistiken, wird schnell klar. Es gab seit dem Fall der Mauer kaum ein besseres Jahr, um sich mit einem Gewerk selbstständig zu machen. Als im Herbst Handwerkskammer und IHK ihre Konjunkturumfrage vorlegten, kündeten die Zahlen für die Hauptstadt von einem Ende des Booms. Ausnahme: die Handwerksbetriebe. 2011 mag als Jahr der Euro-, Schulden-, Bankenturbulenzen in die Geschichtsschreibung eingehen. In den Chroniken der Innungen wird die Rede von einem goldenen Jahr sein. Selten ging es den Meisterbetrieben mit ihren mehr als 180.000 Mitarbeitern in Berlin so gut. Bundesweit, wo rund fünf Millionen Menschen im Handwerk arbeiten, gilt das genauso. Bisher spricht wenig dagegen, dass es so weitergehen könnte. Schon heute haben viele Betriebe genügend Aufträge.

Auch Michael Brendel hat bis ins Frühjahr hinein zu tun, und trotzdem würde er sich lieber auf die Zunge beißen, als eine sorgenlose Zukunft für 2012 zu prophezeien. Brendel, ein hoch aufgeschossener Mann, ist schon zu lange dabei, seit 1990. Er hat miterlebt, wie Unternehmer nach der Einheit ganz trunken vor Euphorie waren und dann bitterlich abstürzten, gerade in der Hauptstadt. „Ich habe genug schlimme und gute Zeiten gesehen“, sagt Brendel.

Sein Unternehmen, den Malerbetrieb Kaminski und Brendel, führt er in vierter Generation. Es ist in manchen Jahren ein zäher Kampf mit Rückschlägen, wenn man ein Unternehmen so lange am Leben hält. Brendel lässt sich nicht blenden, wenn es gerade gut läuft. Doch er muss auch zugeben: „Durch die letzte Krise hat uns Handwerker das Konjunkturpaket getragen. Ehrlich gesagt habe ich nicht erwartet, dass es danach so gut weitergeht.“

Während er das sagt, schlüpft Brendel geschickt durch das Arbeitschaos im Inneren eines Rohbaus in Zehlendorf. An Planen vorbei, über Holzbohlen und um improvisierte Stützen. Zehn Mann seiner Firma wirbeln hier. Spachteln, Farbe auftragen, glätten. Dieser Innenausbau ist der Traum eines Meisterbetriebs.

Allein der Auftrag für Brendels Malerleute hat einen Wert von gut einer halben Million Euro. Der ganze Neubau dürfte einige Millionen verschlungen haben. Im Untergeschoss wird gerade ein Schwimmbad eingebaut samt Mosaik am Ende, über das ein sanfter Wasserfall rauschen soll. Auf solche hochwertigen Aufträge ist Kaminski und Brendel spezialisiert. „In dem Bereich wird es auch weitergehen“, sagt Brendel.

In Berlin entstehen immer mehr hochwertige Häuser und Wohnungen. Menschen mit Geld ziehen in die Stadt. Das sorgt für steigende Mieten, einerseits. Auf der anderen Seite profitieren davon die Handwerker, die sich im weitesten Sinne mit Bau beschäftigen. Also Menschen wie Michael Brendel mit seinem Malerbetrieb, aber auch Klempner, Schlosser und Tischler. 60 Prozent der Berliner Handwerksbetriebe sind „baunah“. Sie profitieren immer dann, wenn neue Häuser entstehen oder saniert werden. Für sie gibt es genug zu tun.

Jürgen Wittke, Hauptgeschäftsführer der Berliner Handwerkskammer, gibt sich daher ganz grundsätzlich optimistisch. Den aktuellen Aufschwung bei den Meisterbetrieben erachtet er als Fortschreibung eines Trends – trotz aller Konjunkturrückschläge, die natürlich auch auf die Handwerksbetriebe wirken. „Langfristig ist mir überhaupt nicht bange“, sagte Wittke. Und auch das nächste Jahr werde man gut überstehen.

Schrumpfkur ist vorüber

Zwei wesentliche Gründe führt Wittke an. Zum einen haben Berlins Handwerker seit den 90er-Jahren eine zum Teil schmerzhafte Schrumpfkur hinter sich. Die Zahl der Beschäftigten sank von einstmals 250.000 auf derzeit rund 180.000. Wer das Schrumpfen überlebt hat, ist nun besonders robust. Zum anderen, sagt Wittke, profitierten die Innungsbetriebe von gesellschaftlichen Umwälzungen. Vor allem von der Energiewende und der Alterung in Deutschland. Effiziente Heizkessel, Solaranlagen, Wärmedämmung – all das wird von Handwerkern installiert und gewartet. Auch müssten zahlreiche Häuser und Wohnungen altersgerecht umgerüstet werden. „Denken Sie allein an das Thema barrierefreier Zugang. Da gibt es jede Menge Aufträge“, sagt Wittke.

Auch mit einem Handwerk, wo man besonders ruinösen Preiskampf wittert, lässt sich in Berlin gut bestehen. Die Eheleute Cindy und Tobias Menge können davon berichten. Beide sind 37 Jahre alt und gelernte Bäcker und Konditoren. Schon vor 15 Jahren haben sie sich mit einem Backbetrieb selbstständig gemacht und 2002 die Confiserie Reichert an der Schlossstraße übernommen. Außerdem betreiben sie noch zwei Bäckereien. „Natürlich gibt es an jeder Ecke Backshops“, sagt Tobias Menge.

Aber die seien keine richtige Konkurrenz. Weder im Preis, die Menges verlangen wesentlich mehr, noch in der Herstellung und Qualität. „Wir stellen alles wirklich selbst her“, sagt Cindy Menge. Das honorieren die Kunden, und Auszeichnungen für die Honig- und Baumkuchen von Konditormeister Menge gab es auch schon. „Die Leute mögen traditionell Hergestelltes“, sagt Tobias Menge. Vor Weihnachten läuft das Geschäft auf Hochtouren. Die Leute bestellen Lebkuchen, Torten und Dominosteine. Manche fragen schon Ende September nach dem Weihnachtsgebäck. Aber da gibt es noch nichts. „Wir machen alles frisch. Unsere Weihnachtsbäckerei läuft nicht wie bei großen Herstellern schon im Frühjahr an“, sagt Cindy Menge.

Die Menges haben in den vergangenen Jahren viel investiert in ihre Filialen und vor allem in ihren Vorzeigebetrieb mit Café an der Schlossstraße. Die Kunden honorieren das. Und trotzdem: „Auch wenn es gut läuft: Gelassen ist man als Unternehmer nie. Das war bei uns schon vor 15 Jahren so“, sagt Tobias Menge.

Nun sind Handwerker natürlich nicht völlig gelöst von der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung. „Eine Abkoppelung von der Konjunktur ist natürlich unrealistisch“, sagt Kammer-Chef Wittke. Aber das Handwerk sei stabil. Die Zukunftsthemen wie Energie und Alterung seien eben weitgehend konjunkturunabhängig, tief greifende gesellschaftliche Trends. Dabei hat Berlin vom Grunde her nicht die allerbesten Voraussetzungen für einen Handwerker-Boom rund um das Haus. „Die Stadt ist für das Handwerk ein eher schwieriges Terrain, wenn man beispielsweise an die geringe Quote von Wohneigentümern und die niedrigen Durchschnittseinkommen denkt“, sagt Wittke. Daher sei es besonders erfreulich, dass sich das so gut entwickelt hat.

Bei Peter Clos, Inhaber und Chef der Installationsfirma Tuskulum aus Tempelhof, hört sich das so an: „Wir haben ohne Ende zu tun.“ Er und seine 18 Mitarbeiter bauen Heizkessel ein, installieren Solaranlagen und kümmern sich um die Wasserversorgung in Miet- und Einfamilienhäusern. „Die Energiekosten für die Leute steigen und steigen – das spielt uns natürlich in die Hände“, sagt Clos. Das zwinge die Leute geradezu zu Investitionen – und davon profitieren Betriebe wie Tuskulum.

Steigende Energiekosten helfen

Clos hat sich unter anderem auf die Installation von Pellet-Heizkesseln spezialisiert, Brennkessel, in denen zusammengepresste Holzabfälle verfeuert werden. Sehr gut läuft auch das Geschäft mit kleinen Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen, Aggregate, die heizen und gleichzeitig Strom erzeugen. „Ich müsste dringend Leute einstellen. Aber es sind fast keine zu finden.“

Das ist die Kehrseite des Handwerkeraufschwungs. Alle – das Ehepaar Menge, Böhm und Brendel und Clos – müssen sich einiges einfallen lassen, um gute Leute zu finden. Im Endeffekt führt das natürlich auch zu steigenden Preisen. Die Nachfrage nach Handwerksleistungen ist hoch, die Betriebe müssen sich strecken, um Leute zu finden. „Nach dem starken Preisverfall der vergangenen Jahre werden die Preise für Handwerksleistungen steigen“, sagt Jürgen Wittke. Doch das sei eine Normalisierung. „Und die Konkurrenz sorgt dafür, dass die Preissteigerungen moderat bleiben.“

Eine solche Situation erhöht aber auch die Attraktivität für Handwerksberufe. Einen Fingerzeig dafür gibt es schon in Berlin. Wittke berichtet, dass immer mehr Abiturienten eine Ausbildung in einem Meisterbetrieb machen wollen. Vor wenigen Jahren hatte jeder zehnte Lehrling Hochschulreife, aktuell jeder sechste.