IHK und Handwerkskammer

"Wir brauchen in Berlin mehr Erfolgsgeschichten"

Selten hat ein Berliner Senat so sehr auf das Thema Wirtschaft gesetzt. Die Chefs von IHK und Handwerkskammer im Gespräch mit Morgenpost Online über Berlins Potenziale und Aufgaben für die neue Landesregierung.

Foto: M. Lengemann

Morgenpost Online: Herr Schweitzer, sind Sie neidisch auf Herrn Schwarz? Handwerkern geht es so gut wie lange nicht.

Eric Schweitzer: Neidisch bin ich nur auf sein gutes Aussehen. Aber im Ernst: Das zeigt, dass die Handwerker über eine gute Auftragslage verfügen – ein Beleg dafür, dass es Berlin wirtschaftlich besser geht. Die Berliner Wirtschaft ist in den letzten fünf Jahren stärker gewachsen als der Bundesdurchschnitt, allerdings von einem niedrigen Ausgangsniveau kommend. Wir müssen deshalb noch mehr Unternehmertum in die Stadt bekommen, damit die Arbeitslosenzahlen noch weiter zurückgehen. Es geht um den Dreiklang: sinkende Arbeitslosigkeit, steigende Einkommen, höherer Wohlstand.

Morgenpost Online: Es drohen – Stichwort Euro – erhebliche Risiken für die Konjunktur. Müssen sich Berliner Unternehmer und Arbeitnehmer auf Schlimmes einstellen?

Stephan Schwarz: Eine solide Prognose für 2012 ist schwierig. Sicher ist: Es wird wohl nicht so gut laufen wie 2011. Es hängt nun mal von vielen äußeren Faktoren ab – Euro, Weltkonjunktur und Bankenstabilität. Für das Handwerk ist die Erwartung trotz Unwägbarkeiten immer noch positiv.

Morgenpost Online: Vor einem Jahr sagten Sie: Berlin bleibt unter seinen Möglichkeiten. Jetzt haben wir einen Senat, der der Wirtschaft laut Koalitionsvertrag großen Stellenwert einräumt. Sind Sie zufrieden?

Schweitzer: Eine Landesregierung kann nur Rahmenbedingungen schaffen. Lange Zeit wurde über Berlin behauptet, dass es hier zu wenig Bürgertum und Unternehmertum gäbe. Schaut man auf die Zusammensetzung des neuen Senats, findet man vier unternehmerische Persönlichkeiten: Michael Müller, Ulrich Nussbaum, Thomas Heilmann und Sybille von Obernitz. Das ist ein deutliches Signal in und über die Stadt hinaus.

Schwarz: Dazu kommen Senatoren wie Dilek Kolat, Mario Czaja und Frank Henkel, die ein Studium mit Wirtschaftshintergrund absolviert haben. Lange Zeit standen Berliner Landesregierungen – nicht völlig zu unrecht – im Ruf, Wirtschaft zu verhindern. Wenn jetzt das, was im Koalitionsvertrag steht, auch umgesetzt wird, lässt sich die Mentalität in der Stadt wirklich verändern.

Morgenpost Online: 100 Tage sind noch nicht rum. Aber was sind aus Ihrer Sicht die ersten Schritte, die der neue Senat machen sollte?

Schweitzer: Zum einen müssen die angeschobenen Infrastrukturprojekte wie A 100, Tangentialverbindung Ost sichergestellt und der Flughafen BER termingerecht fertiggestellt werden. Die Charité gehört auf die Tagesordnung, genau wie die Umorientierung in der Arbeitsmarktpolitik auf den ersten Arbeitsmarkt und nicht zuletzt die Verbesserung der Strukturen in der Wirtschaftsförderung.

Morgenpost Online: Was sollte bei der Förderung verändert werden?

Schweitzer: Wir brauchen vor allem ein stärkeres Ineinandergreifen von Berlin Partner und Technologiestiftung (TSB).

Schwarz: Wichtig sind die Fusion von Charité und Max-Delbrück-Zentrum sowie eine engere Verzahnung von Berlin Partner und TSB. Ich wünsche mir vom Berliner Senat eine Gesamtstrategie für die Wirtschaft. Wir haben durch Orte wie den bald ehemaligen Flughafen Tegel, Tempelhof oder auch das Humboldtforum enorme Potenziale, die noch nicht genutzt werden. Es ist dringend geboten, Stadtentwicklung vor dem Hintergrund wirtschaftlicher Chancen zu betreiben – und zwar ressortübergreifend. Das ist nicht nur ein Thema der Wirtschaftsverwaltung. Wir haben eine Erfolgsstory mit dem Technologiepark Adlershof, brauchen aber mehr solcher Erfolgsgeschichten.

Morgenpost Online: Nehmen wir das Beispiel Tegel. In wenigen Monaten schließt der Flughafen. Es gibt Ideen für einen Industriepark. Derzeit ist aber alles sehr ruhig.

Schwarz: Man könnte sagen, zu ruhig. Nun müssen nicht gleich am Tag nach der Schließung die Baukräne stehen. Wofür es aber höchste Zeit ist: Wir brauchen eine ernsthafte politische Debatte und eine zügige Entscheidung darüber, was an einem solchen Ort passieren soll. Da war der alte Senat zu zögerlich. Von der neuen Landesregierung erhoffen wir uns mehr, auch durch Investitionen des Landes an solchen Standorten. Wenn sich moderne Industrien und Forschung entwickeln sollen, müssen Anschubfinanzierungen her.

Schweitzer: Berlin muss klären, welche Universitäts- und Forschungseinrichtungen dort angesiedelt werden sollen. Die Beuth-Hochschule und die TU haben ja bereits signalisiert, dass ein Standort in Tegel möglich wäre. Daran muss jetzt gearbeitet werden und zwar mit Tempo. Ich bin zuversichtlich, dass dies gelingt.

Morgenpost Online: Berlin kann ja seit einigen Jahren wirtschaftliche Erfolge vorweisen. Haben diese Erfolge nicht ein bisschen träge gemacht?

Schweitzer: Wer träge war, ist heute nicht mehr am Markt. Es hat sich strukturell und mental vieles verändert. Übrigens: durch mehr Wirtschaftskraft werden viele soziale Probleme in unserer Stadt kleiner und damit lösbarer. Deshalb begrüßt die Berliner Wirtschaft, dass der Regierende Bürgermeister auf das Schwerpunktthema wirtschaftliches Wachstum setzt.

Schwarz: In der Vergangenheit, seit 1990, war Berlin zu anspruchslos. Jetzt gibt es mehr Ehrgeiz. Die Wirtschaftssenatorin hat gesagt, dass sie die Arbeitslosigkeit in den nächsten Jahren in den einstelligen Bereich drücken will. Das ist ambitioniert aber ein gutes Ziel.

Morgenpost Online: Wie wichtig ist denn die Landespolitik? Sie beide sind Unternehmer: Werden Investitionsentscheidungen in hohem Maße von Landesregierungen abhängig gemacht?

Schweitzer: Aber sicher. Das gilt auch für die Unternehmer, die schon hier sind. Und Signale aus der Politik werden natürlich in der übrigen Republik und im Ausland empfangen. Dort wird sehr genau registriert, wie wichtig dem Berliner Senat das Thema Wirtschaft ist.

Morgenpost Online: Greifen wir den Wunsch der Senatorin auf: Schaffen wir in Berlin bis Ende der Legislaturperiode 2016 eine Arbeitslosenquote von weniger als zehn Prozent?

Schweitzer: Zunächst einmal habe ich Respekt davor, dass eine Wirtschaftssenatorin so klar sagt, was ihr Ziel ist. Wir als Berliner Wirtschaft werden unseren Teil dazu beitragen, diese Marke zu erreichen.

Schwarz: Wir sind mit unserem Aufholprozess auf dem Weg zur Normalisierung. Wenn bundesweit die Arbeitslosenquoten deutlich im einstelligen Bereich sind, sollte das für Berlin auch möglich sein. Der Anspruch sollte lauten, mittelfristig besser als der Bundesdurchschnitt zu sein. Die schwierige wirtschaftliche Lage Berlins innerhalb der größten europäischen Volkswirtschaft ist doch ein Unding.

Morgenpost Online: Wenn sich Berlin wirtschaftlich weiter entwickelt: Besteht die Gefahr, dass sich ein Teil des Reizes der Stadt verflüchtigt?

Schweitzer: Im Gegenteil: Berlin wird immer reizvoller und interessanter. Frei nach den Worten des Publizisten Karl Scheffler sage ich: „Berlin wird nie sein, sondern immer werden.“

Schwarz: Es ist doch auch eine Verkürzung, zu sagen, der Reiz für Kreative liegt nur darin, dass Berlin so preiswert ist. Viele kommen doch hierher, weil Berlin sich auch zu einem geistigen Zentrum entwickelt hat. Wenn es uns jetzt noch gelingt, aus Berlin ein Wirtschaftszentrum zu machen, können wir alle glücklich sein.