Arbeitsmarkt-Boom

Berliner Handwerk sucht händeringend neue Mitarbeiter

Dem Berliner Handwerk geht es prächtig. Jeder dritte Betrieb will einstellen. Auch eine Chance für entlassene Schlecker-Mitarbeiterinnen.

Foto: Glanze

Es war Ende März, kurz nachdem die Verhandlungen über eine Auffanggesellschaft der insolventen Drogeriemarktkette Schlecker gescheitert waren. Karsten Berning, 38 Jahre alter Bäckermeister aus Schöneberg, verschickte eine Mitteilung an Zeitungen und Radiosender. Sein Betrieb, die Bäckerei Johann Mayer, könne vielleicht einigen entlassenen Schlecker-Mitarbeiterinnen helfen, tat Berning kund. „Wir haben vier Stellen für Verkäuferinnen zu besetzen“, stellte Berning klar. Fünf Schlecker-Damen haben sich mittlerweile bei ihm beworben. Kommende Woche lädt er zum Vorstellungsgespräch.

In dieser Aktion steckt einige Symbolik: Eine große, schlecht geführte Kette schlingert, geht pleite und entlässt Mitarbeiter. Dann tritt ein kleiner Handwerksbetrieb auf den Plan, eine Bäckerei mit fünf Filialen, und bietet Hilfe. Bäckermeister Berning ist da keine Ausnahme. Die Berliner Handwerkskammer hat eine eigene Hotline eingerichtet, über die Schlecker-Mitarbeiterinnen wegen neuer Beschäftigung nachfragen können.

Dem Berliner Handwerk geht es gut. Das zeigen nicht nur Anekdoten wie die des Bäckermeisters Berning. Sie zeigt sich auch in der Frühjahrsumfrage, die die Berliner Handwerkskammer traditionell durchführt. „Trotz Euro-Krise, unsicherer Lage der Weltkonjunktur: Das scheint unsere Betriebe nicht zu treffen“, sagte Handwerkskammerpräsident Stephan Schwarz bei der Vorstellung am Mittwoch. Die Stimmung im Berliner Handwerk ist so gut wie seit 20 Jahren nicht mehr. Schwarz hat das überrascht, hatten sich die Betriebe doch schon bei der Umfrage im vergangenen Jahr überaus optimistisch gezeigt. Doch die Handwerker erwarten unverdrossen auch in der Zukunft gute Geschäfte. Und sie suchen händeringend Mitarbeiter. Der Geschäftsklimaindex, den die Kammer aus den Umfrageergebnissen errechnet, weist mit 113 Punkten den höchsten Stand seit 1992 auf. Den Meisterbetrieben in der Hauptstadt geht es so gut wie seit 20 Jahren nicht. Jeder dritte Betrieb spricht von „guten Geschäften“. Fast 50 Prozent geben sich „zufrieden“, nur 18 Prozent machen keine guten Geschäfte. Die Optimisten sind also deutlich in der Überzahl. Eine Mehrzahl der befragten Unternehmen erwartet eine steigende Nachfrage in den kommenden sechs Monaten.

Viele Firmen sind ausgebucht

Auch die Berliner Kunden bekommen das zu spüren. Vor allem Baubetriebe, Maler und Installateure haben so viel zu tun, dass bei ihnen kaum Termine zu bekommen sind. „Offenbar geben viele Berliner ihr Geld lieber für die Renovierung ihrer Wohnungen aus, als es zur Bank zu tragen“, mutmaßt Schwarz. Aber auch die Innungen der Fleischer und Bäcker, die Friseure berichten von guter Stimmung. 27 Prozent der Betriebe wollen in diesem Jahr neue Leute einstellen, nur acht Prozent gaben an, Entlassungen zu erwägen. Offenbar ist es die Zeit der Meister.

Tino Paul Böhm trägt erst seit kurzem den Titel des Handwerksmeisters. Im Herbst vergangenen Jahres machte er sich als Maler selbstständig. Eigentlich als Einzelkämpfer. Inzwischen hat er einen Angestellten, könnte einen zweiten gut vertragen und will von August an einen Lehrling beschäftigen. Böhm arbeitet viel für Wohnungsbaugesellschaften. An vielen Tagen steht er selbst bis nachmittags auf der Leiter und erledigt danach den Bürokram. Da kommt schnell ein Zwölf-Stunden-Arbeitstag zusammen. „Ich habe bis Jahresende gut zu tun“, sagt Böhm. Den Sprung ins Unternehmerleben hat er zur richtigen Zeit gewagt.

Spürbarer Boom

Die Berliner Handwerkskammer spürt den Boom an vielen Stellen. So steigt beispielsweise die Zahl der Betriebe, die ihren Beitrag an die Kammer entrichten. Ende 2011 waren 31.035 Handwerksunternehmen mit rund 185.000 Beschäftigten registriert – das sind immerhin 330 mehr, als ein Jahr zuvor. Jürgen Wittke, Hauptgeschäftsführer der Kammer, sieht das als Beleg für gesundes Wachstum. „Zuvor hatten wir viele Neueinträge durch Ich-AGs. Das ist mittlerweile vorbei.“ Im Klartext heißt das: Wer jetzt gründet, tut dies nicht in erster Linie, weil die Arbeitsagentur ihm das nahelegt und Zuschüsse überweist, sondern einfach weil es sich lohnt.

Selbstvertrauen spricht auch aus den Worten von Bäckermeister Berning, wenn er sagt: „Jetzt jagen wir Discountern wieder Kunden ab.“ In Gesprächen an der Ladentheke hören er und sein Verkaufspersonal Erfreuliches. Die Leute haben Geld, wollen es ausgeben, und es ist ihnen wichtig, was sie essen. „Natürlich wird man von unserem Brot nicht mehr satt als von einem aus dem Discounter, das halb so viel kostet“, sagt Berning. Aber immer mehr Menschen sei es etwas wert, für Qualität mehr zu bezahlen. Das war nicht immer so, sagt Berning. Auch für seine Bäckerei gab es Durststrecken. Doch seit ungefähr drei Jahren, berichtet Berning, geht es aufwärts.

Sichere Jobs, steigende Preise

Der Aufschwung der Innungsbetriebe zeigt sich auch auf den Abrechnungen für die Kunden. „Gerade im Bau und baunahen Betrieben sind die Preise teils deutlich gestiegen“, sagt Handwerkskammerpräsident Schwarz. Es greift der Grundmechanismus der Marktwirtschaft: Handwerkerleistungen sind begehrt und knapp – das macht sie teurer. Gleichzeitig müssen die Betriebe ihren Mitarbeitern zum Teil ordentlich etwas bieten. Denn gute Handwerker, Maler und Installateure sind äußerst gefragt. Ein Gerangel um die besten Handwerker hat längst eingesetzt. Fast jeder dritte Betrieb in Berlin hat unbesetzte Stellen. So wie es derzeit läuft, sind das sichere Arbeitsplätze.