Konjunktur

Jobwunder Deutschland

In der Bundesrepublik arbeiten mehr Menschen als je zuvor.

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Der deutsche Arbeitsmarkt stemmt sich erfolgreich gegen den internationalen Trend. Während die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) damit rechnet, dass die globale Arbeitslosigkeit in den kommenden Monaten weiter steigen wird, arbeiten hierzulande mehr Menschen als jemals zuvor. Und die führenden Wirtschaftsverbände gehen davon aus, dass die gute wirtschaftliche Entwicklung weitergeht.

„Die globale Arbeitslosigkeit wird weiter wachsen“, sagte Guy Ryder, Vizegeneraldirektor der ILO, Morgenpost Online. „Es scheint wahrscheinlich, dass sich die wirtschaftliche Situation in diesem Jahr weiter verschlechtert und es erst 2013 einen Aufschwung gibt. In diesem Fall rechnen wir damit, dass die globale Zahl der Arbeitslosen von derzeit 200 Millionen auf 204 Millionen in diesem Jahr und auf 209 Millionen in 2013 steigen wird.“

Die Welt habe sich noch nicht von der globalen Finanzkrise erholt. Derzeit gebe es immer noch 27 Millionen Arbeitslose mehr als vor der Krise. Zähle man diejenigen dazu, die ihre Arbeit zwar verloren haben, aber nicht in den offiziellen Statistiken auftauchten, steige die Bilanz auf ein Plus von 56 Millionen Arbeitslosen seit 2008, ergänzte Ryder, der für den Posten des Generaldirektors bei den Wahlen im Juni kandidiert. Die ILO ist Teil der Vereinten Nationen und setzt sich für bessere Arbeitsbedingungen ein.

Dramatische Situation in Spanien

Besonders schlimm sei die Situation für die Jugendlichen, sagte Ryder. Weltweit liege die Jugendarbeitslosigkeit bei 12,7 Prozent. „Und sie wird weiter steigen.“ In Südeuropa sei die Situation besonders dramatisch. So sei in Griechenland und Spanien die Hälfte der unter 25-Jährigen ohne Arbeit.

„Das ist eine Zeitbombe mit einem großen zerstörerischen Potenzial, die zu sozialen Unruhen führen wird. Wir laufen Gefahr, eine ganze Generation zu verlieren“, warnte Ryder. Wenn junge Leute nach dem Abschluss ihrer Berufsausbildung länger als zwei Jahre arbeitslos blieben, seien sie für den Arbeitsmarkt oft ganz verloren. „Sie werden marginalisiert und sind meist für ihr ganzes Arbeitsleben geschädigt. Das ist die Erfahrung, die wir in Europa gemacht haben“, sagte der Funktionär. Die Politik müsse neue Arbeitsplätze zur Chefsache machen.

Leichter gesagt als getan. Denn in den Staaten an der Peripherie der Euro-Zone ziehen die Regierungen harte Sparprogramme durch, um ihre Staatsfinanzen zu sanieren. Für Arbeitsmarktmaßnahmen ist kaum Geld übrig. Spanien, Portugal und Italien haben zwar Strukturreformen auf den Weg gebracht, die langfristig für flexiblere Jobmärkte und mehr Beschäftigung sorgen dürften. Kurzfristig sorgen sie aber für zusätzliche soziale Härten.

Sparprogramme verantwortlich für Arbeitslosigkeit

Die harten Sparprogramme sind mitverantwortlich für den Anstieg der Arbeitslosigkeit in den südeuropäischen Ländern – und in der Euro-Zone. Im Februar waren in der Währungsunion mehr als 17 Millionen Menschen ohne Job; das entspricht einer Arbeitslosenquote von 10,8 Prozent. Höher war sie zuletzt im April 1997. In Griechenland und Spanien war sogar mehr als jeder Fünfte ohne Job.

Deutschland koppelt sich von dieser Entwicklung weiterhin erfolgreich ab. Die Arbeitslosigkeit hierzulande gehörte im Februar mit 5,7 Prozent zu den niedrigsten im Euro-Raum. Niedriger war sie nur noch in Österreich und den Niederlanden. Die Spitzenverbände der deutschen Wirtschaft erwarten, dass diese gute Entwicklung sich in den kommenden Monaten fortsetzt.

„Noch nie waren in Deutschland so viele Menschen in Arbeit wie derzeit“, sagte Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt. Er erwartet in diesem Jahr ein Prozent Wachstum. Der Arbeitgeberpräsident hält allerdings den Fachkräftemangel weiterhin für ein großes Problem. „Eine nennenswerte kurzfristige Entspannung erwarte ich nicht, weil der Fachkräftemangel strukturell begründet ist“, sagte Hundt.

Die Unternehmen bemühten sich „mit größten Anstrengungen darum, das inländische Fachkräftepotenzial auszuschöpfen und mehr Frauen, Ältere und Migranten in den Arbeitsprozess zu integrieren“. Die Betriebe investierten zudem jedes Jahr mehr als 50 Milliarden Euro in Aus- und Weiterbildung.

Trotzdem sei künftig mehr qualifizierte Zuwanderung nach Deutschland nötig, um Stellen zu besetzen. Hans Heinrich Driftmann, Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK), sagte, die Frühjahrsumfrage des DIHK belege den Fachkräftemangel. „Nach unserer Umfrage sieht derzeit jedes dritte Unternehmen im Fachkräftemangel ein großes Risiko.“

Eine Million offene Stellen

Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) wirbt derweil um junge Arbeitnehmer aus Südeuropa: „Alleine in Deutschland sind mehr als eine Million offene Stellen gemeldet, und der Bedarf an Fachkräften wird schon wegen der schrumpfenden Bevölkerung weiter ansteigen“, sagte von der Leyen.

Die Bundesregierung werde Initiativen fördern, „die talentierte junge Menschen aus Nachbarländern mit hoher Arbeitslosigkeit nach Deutschland lotsen“. Die Betriebe profitierten davon, und die jungen Leute aus Spanien oder Griechenland könnten ins Arbeitsleben starten.