Drogeriekette

Jobs bei Schlecker sind viel besser als ihr Ruf

Im Kampf um Schlecker geben Beschäftigte und Ver.di alles. Denn trotz des schlechten Images der Drogeriekette haben beide viel zu verlieren.

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Vor dem Roten Rathaus in Berlin ertönt Gitarrenmusik, eine heisere Männerstimme gibt den Ton am Mikrofon vor. Ein paar Hundert Schlecker-Mitarbeiterinnen, Gewerkschafter und auch Anhänger der Linkspartei singen mit: „Aus den Schlecker-Läden kommen wir. Für unsere Arbeitsplätze kämpfen wir. Unsere Zukunft wollen sie uns nehmen, dafür soll Anton Schlecker sich schämen“, lautet eine Strophe des Protestlieds.

Rote Ver.di-Fahnen werden geschwenkt, gleich soll Gewerkschaftschef Frank Bsirske Mut machen. Der Kampf der Schlecker-Beschäftigten und der Einsatz der Gewerkschaft Ver.di für sie ist bemerkenswert. Die Lage sieht mehr als schlecht aus, doch sie machen weiter. Ihr Beharren hat einen Grund: Sie haben beide viel zu verlieren.

Die insolvente Drogerie-Discountkette ist trotz ihres schlechten Images wertvoll für die Gewerkschaft und die Beschäftigten zugleich. Für Ver.di ist Schlecker zwar das schwarze Schaf der Branche, das die Mitarbeiter schlecht behandelt. Aber gleichzeitig ist es auch ein Vorzeigeunternehmen: 40 Prozent der Mitarbeiter sind gewerkschaftlich organisiert, es gibt 190 Betriebsräte und einen Tarifvertrag.

„Üblich ist bei den Discountern ein Organisationsgrad von zehn bis 15 Grad“, sagt der bei Ver.di für Schlecker zuständige Achim Neumann. Beim Konkurrenten Rossman etwa gebe es nur zehn Betriebsräte. Schlecker sei „absolut einzigartig, ein Erfolgsmodell“. Die große Zahl von Betriebsräten ermögliche eine bessere Kontrolle der Einhaltung der Tarifverträge.

Feste Arbeitsverhältnisse, kaum Minijobs

Ein weiterer Vorteil: Die Mitarbeiter können so besser dezentral organisiert und angeworben werden. Den Arbeitnehmervertretern zufolge hat sich das für die Beschäftigten in Form von besserer Bezahlung und höherer Jobqualität ausgezahlt. „85 Prozent der Mitarbeiter sind in festen Arbeitsverhältnissen, Minijobs gibt es kaum. Da kann im Einzelhandel sonst keiner mithalten“; sagt die Vorsitzende des Gesamtbetriebsrats, Christel Hoffmann.

Die Bedingungen gelten sonst nicht als besonders attraktiv: Insgesamt gibt es in der Einzelhandelsbranche laut Bundesagentur für Arbeit 2,1 Millionen Mitarbeiter, davon haben eine Million einen Minijob, 38 Prozent arbeiten Teilzeit. 50 Prozent der Mitarbeiter arbeiten in einem tarifgebundenen Betrieb, das liegt unter dem Durchschnitt der gesamten Wirtschaft von 60 Prozent. Während die Gewerkschaften den hohen Anteil an Mini- und Teilzeitjobs vor allem wegen der niedrigen Entlohnung immer wieder beklagen, argumentieren die Arbeitgeber, sie bräuchten die Flexibilitätspuffer auch aufgrund der langen Ladenöffnungszeiten im Einzelhandel.

Viele Schlecker-Frauen jedenfalls glauben nicht, dass sie in der Branche einen vergleichbaren Arbeitsplatz finden würden . So wie Carola Stüwert. Die 49-Jährige aus Berlin-Lichtenberg steht auch vor dem Roten Rathaus. Seit 13 Jahren schon arbeitet sie für die Drogeriekette. Heute trägt sie einen Button mit dem Schlecker-Logo, darauf steht „Belegschaftsunterstützer“.

„Es war schön, wir haben gerne bei Schlecker gearbeitet“, sagt Stüwert, die wegen der Filialschließungen zwar bereits freigestellt ist, aufgrund der Beschäftigungssicherung aber noch zum Unternehmen gehört. Sie geht davon aus, dass ihr gekündigt wird . 1500 Euro brutto monatlich für 27 Stunden pro Woche bekam sie, mit einem unbefristeten Vertrag, damit war sie zufrieden.

„Ich wollte bis zur Rente bleiben“, sagt sie. Aber was ist mit den Schikanen der Schlecker-Geschäftführung, von denen man immer hörte? „Das gab es auch“, sagt sie. „Abmahnungen, weil man angeblich einen Kunden nicht gegrüßt oder die Anzeigenblätter nicht ausgelegt hat.“ Aber trotzdem sei es ein guter Arbeitsplatz gewesen, sagt sie. „Ich will nicht für 400 Euro bei Lidl arbeiten, es gibt doch fast nur noch solche Jobs.“

Skandal als Chance für die Gewerkschaft

Seinen Ursprung hat die enge Beziehung von Ver.di und Schlecker ausgerechnet in dem Skandal, der das Unternehmen für seinen schlechten Umgang mit den Mitarbeitern bekannt machte. Anton Schlecker und seine Frau wurden 1998 wegen Betrugs zu einer Geldstrafe von einer Million Euro verurteilt. Sie hatten Mitarbeiter unter Tarif bezahlt, aber behauptet, die Summen entsprächen dem Tarifvertrag.

Nachdem die Staatsanwaltschaft begonnen hatte, zu ermitteln, ließen die Schleckers zu, dass engagierte Verkäuferinnen mit der Hilfe von Ver.di Betriebsräte gründeten. „Das war die Initialzündung“, sagt Ver.di-Funktionär Neumann. Dass Schlecker auch danach die Mitarbeiter immer wieder schikanierte, habe die Frauen noch mehr zusammengeschweißt und aktiv gemacht, glaubt er.

Die Gewerkschaft witterte die Chance und setzte gezielt Personal ein, um Mitarbeiterinnen als neue Mitglieder zu werben. Die wachsende Dienstleistungsbranche ist der wunde Punkt von Ver.di. Im Öffentlichen Dienst ist die Gewerkschaft noch stark – doch dort, wo die Beschäftigten viel Teilzeit und in über das ganze Land zerstreuten Filialen arbeiten, fällt es Ver.di schwer, Fuß zu fassen. Mancherorts ist die Gewerkschaft so schwach, dass die tariflichen Löhne die Sechs-Euro-Grenze unterschreiten. Bei den Discountern konzentrierte sich Ver.di auf Schlecker. „Für andere Unternehmen blieb wenig Manpower übrig“, sagt Neumann.

Umso herber ist der Verlust, der Ver.di droht, wenn 12.000 Mitarbeiter entlassen werden. Wer arbeitslos ist, tritt meist aus der Gewerkschaft aus. Umso wichtiger ist es für Ver.di, dass es für gekündigte Mitarbeiter eine Transfergesellschaft gibt.

So kann die Gewerkschaft Kontakt halten – bis die Frauen hoffentlich einen neuen Job finden. Bsirske gibt sich optimistisch vor dem Rathaus: „Lasst uns gemeinsam so weitermachen“ ruft er. „Auf geht’s!“.