Immer mehr Menschen in Berlin kämpfen mit ihren Strom- und Gaskosten. Vor allem die stetig steigenden Strompreise setzen ihnen zu. „Wir registrieren einen regelrechten Ansturm in der Hauptstadt auf unsere Beratungsstellen“, sagt Birgit Holfert vom Bundesverband der Verbraucherzentrale (VZBV) in Berlin im dpa-Gespräch. Parallel zu den Preisen steige auch die Zahl der Menschen, die ihre Rechnungen nicht mehr bezahlen können. „Während das Thema früher weniger als ein Drittel der Hilfesuchenden belastete, sind es heute mindestens zwei Drittel.“
Zuletzt haben die Energieversorger die Preise deutlich angehoben. Viele Menschen können ihre Rechnung darum nicht mehr bezahlen. Im schlimmsten Fall sitzen sie im Dunkeln. Die Versorgungssperre – das letzte Mittel der Energieanbieter gegen säumige Kunden – beobachtet Holfert bei vielen Klienten. „Vor allem im Januar und Februar haben die Leute mit Stromsperren gekämpft“, sagt die Verbraucherschützerin.
Im vergangenen Jahr wurde rund 600.000 Haushalten bundesweit der Strom aufgrund offener Rechnungen abgeschaltet, schätzt die Verbraucherzentrale in Nordrhein-Westfalen. Nach Angaben des Berliner Verteilnetzbetreibers Vattenfall wurde deswegen bis zu 20.000 Haushalten in der Hauptstadt die Energiezufuhr gekappt.
Dass Rechnungen offen bleiben, liegt Verbraucherschützern zufolge an den Preissteigerungen um 15 Prozent bei Strom und Gas in den vergangenen zwei Jahren. Bis kommenden April wollen viele Stromanbieter erneut ihre Preise um drei und mehr Prozent erhöhen.
„Vattenfall hat die Preise erst im Januar um rund 6,9 Prozent erhöht“, sagt Jürgen Scheurer, Sprecher des Vergleich-Portals Verivox. Der größte Energieversorger der Hauptstadt, die Gasag, erhöhte die Preise im Februar um rund 8,7 Prozent. „Das macht 119 Euro mehr im Jahr.“
Experten warnen vor stagnierenden Löhnen
Die Energiekosten plagen auch kleine Unternehmen. „Zwar schlagen bei Betrieben die Materialkosten mit rund 43 Prozent zu Buche und die Energiekosten nur mit 3 Prozent“, sagt Henrik Vagt von der Industrie- und Handelskammer (IHK) Berlin. „Aber wenn beides gleichzeitig wie im Moment steigt, dann schnürt das den Unternehmen die Luft ab.“ Die Kosten für Energie seien für Betriebe immer mehr ein Thema.
Die Energiekonzerne erklären die Steigerungen mit höheren Preisen an der Strombörse, teuren Rohstoffkosten, Entgelten für die Nutzung der Netze und den Abgaben nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz. „Solange Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien teurer ist als die konventionelle Erzeugung, führt ein steigender Anteil regenerativer Energien auch zu steigenden Kosten“, sagt Vattenfall-Sprecher Hannes Hönemann. Hinzu komme der notwendige und teure Netzausbau.
Steigende Strompreise und damit einhergehende Versorgungssperren bergen vor allem auch soziale Probleme, glauben Experten. Die Energiearmut werde in Zukunft gravierend zunehmen, sagt der Vorsitzende des Bundes der Energieverbraucher, Aribert Peters. Man verschließe die Augen vor einem Problem, das in Zukunft noch größer werde. „Zumindest besonders schutzbedürftige Menschen, etwa Hochbetagte oder Schwerstkranke, sollten per Gesetz immun vor Versorgungssperren sein“, sagt Peters.
Experten warnen vor stagnierenden Löhnen bei steigenden Energie- und Lebenshaltungskosten. Verivox-Sprecher Scheurer nimmt vor allem den Staat in die Pflicht und kritisiert die hohe Steuer auf Strom. „Es gibt keinen Grund, warum auf Strom der volle Mehrwertsteuersatz anfallen sollte, so wie auf Schnittblumen oder antike Vasen. Der ermäßigte Satz von sieben Prozent gilt für lebensnotwendige Dinge“, sagt Scheurer. Und dazu gehöre eben auch die Energie.
dpa/dapd/nbo



