Für Air Berlin, das macht Vorstandschef Hartmut Mehdorn zwei Mal während seiner Ausführungen klar, ist eine neue Zeit angebrochen. Mehdorn spricht erst vom „Aufstieg in die Bundesliga“, wenig später sogar von Weltliga, in der seine Fluglinie nun spiele.
Air Berlin, so lautet Mehdorns Botschaft, macht einen Entwicklungssprung. Vom kleinen Ferienflieger für Mallorca-Reisende in den Gründerjahren über eine Gesellschaft, die halb Billigflieger halb Pauschalurlauber-Express war, hin zur „Full-Service Airline“, wie es das Unternehmen nennt. Also eine Fluggesellschaft, die Reisende in jeden Erdenwinkel transportiert mit richtigem Bonusprogramm für Vielflieger, Zugang zu Loungen und Businessclass. „Das alles verändert Air Berlin“, sagt Mehdorn.
Was bei Air Berlin jedoch unverändert bleibt ist das äußerst verlustreiche Geschäft. Im vergangenen Jahr haben sich die Zahlen von rot auf tiefrot eingefärbt , wie Mehdorn bei Vorlage der Bilanz 2011 einräumen musste. Zu Buche steht ein Verlust von 272 Millionen Euro bei einem Umsatz von 4,2 Milliarden Euro und einem Rekordaufkommen an Passagieren von 35,3 Millionen.
Das Minus ist nun fast drei Mal so hoch wie im Jahr davor. Damals war es noch Mehdorns Vorgänger, Unternehmensgründer Joachim Hunold, der die Zahlen mit sorgenumwölkter Stirn vortrug. Der versprach seinerzeit Gewinne für das Jahr 2012. Mittlerweile ist Hunold bei Air Berlin Geschichte. Sein Nachfolger stellt am Freitag klar: „2012 wird mindestens so schwierig wie 2011.“
Flughafen BER als drittes Drehkreuz
Dabei war das vergangene Jahr schon „rabenschwarz“, wie Mehdorn einräumt. „Wir waren nicht zufrieden und fühlen uns nicht wohl.“ Mehdorn hat immerhin einen Vorteil, den Gründer Hunold seinerzeit nicht vorweisen konnte. Air Berlin hat jetzt einen starken Investor, der mit einer Geldspritze Zeit und Raum für Sanierung und Neuanfang in der Mehdornschen Weltliga schafft.
Die Airline Etihad aus dem Emirat Abu Dhabi besitzt seit Dezember vergangenen Jahres rund 30 Prozent der Aktien von Air Berlin. Zudem wird Deutschlands zweitgrößte Fluggesellschaft vom 20. März an Mitglied im Airline-Netzwerk Oneworld . Dem gehören Fluggesellschaften wie Japan Airlines, Cathay Pazific und British Airways an. Das ist die Weltliga, von der Mehdorn spricht und wo Air Berlin dann über Verbundflüge („Code-Sharing“) sein Streckennetz weit bis nach Asien sowie Nord- und Südamerika erweitern kann.
Hinzu kommt das neue dritte Drehkreuz von Air Berlin, der neue Hauptstadtflughafen BER . Mehdorns Konzern ist die wichtigste Airline am neuen Berliner Flughafen, der am 3. Juni seinen Betrieb aufnimmt. Von der Hauptstadt aus, die als Reiseziel weltweit immer beliebter ist, will Air Berlin das Geschäft weiter ankurbeln. Die anderen beiden Drehkreuze sind Wien und Düsseldorf. Weltumspannend mit mehr Geschäftsreisenden und dank neuer Partner attraktiver Ziele – so stellt sich Mehdorn die neue Air Berlin vor. So soll sie in der Zukunft auch mal Gewinn machen.
Doch in diesem Jahr wird das wohl noch nichts, wie Mehdorns Vorstandskollege Ulf Hüttmeyer, zuständig für Finanzen, einräumt. Plus/Minus Null bis hin zu einem Verlust von 30 Millionen Euro – diesen Zielkorridor nennt Hüttmeyer. Es ist mehr ein vager Wunsch, wie die Chefs von Air Berlin einräumen.
Denn all die Erschwernisse, die 2011 so belastend waren, entfalten auch in diesem Jahr ihre volle Wirkung. Da ist zum einen die Luftverkehrsteuer, die Mehdorn unermüdlich geißelt („Sie ist schlichtweg Unsinn.“). Vergangenes Jahr zahlte Air Berlin mehr als 165 Millionen Euro für diese Abgabe. Zusammen mit Konkurrent Lufthansa trommelt Air Berlin bei der Politik für eine Abschaffung.
Die Probleme bleiben auch 2012
Doch was ein viel größeres Risiko darstellt und was Mehdorn auch nicht durch sein Sparprogramm ausgleichen kann, sind die konjunkturelle Unwägbarkeiten wie die Eurokrise, der überbordende Konkurrenzkampf im internationalen Luftverkehr in Zeiten steigender Erdölpreise und politische Unsicherheiten, etwa in Nordafrika und dem arabischen Raum.
Vor allem die Kosten für Treibstoff schießen regelrecht in die Höhe. Erschwerend kommt der Wertverlust des Euro zum Dollar hinzu. Kerosin wird in der US-Währung verrechnet. Dieses Problem plagt auch die Konkurrenz. Lufthansa, die weltweit als einer der am besten gemanagten Airlines gilt, gab für 2011 am Donnerstag ebenfalls einen Verlust bekannt.
Obwohl Mehdorn es so nicht ausdrückte: Deutschlands Flieger-Primus ist natürlich der Maßstab auch für sein Wirken. Und Wirken will Mehrdorn bis 2013. Ursprünglich wollte der 69-Jährige nur übergangsweise aushelfen. Doch offenbar ist die Suche nach einem neuen Air-Berlin-Chef nicht einfach. „Der richtige Vorstandschef sitzt nicht auf jeder Parkbank herum“, sagt Mehdorn in seiner knorrigen Mehdorn-Art.
Seinen Freund und Vorgänger, Unternehmensgründer Hunold, nimmt Mehdorn in Schutz und verteidigt die Abfindung von 4,09 Millionen Euro. Der habe aus einem kleinen Unternehmen mit zwei Flugzeugen einen Milliardenkonzern gemacht. „Das ist einzigartig in Europa“, sagt Mehdorn. Auch wenn der ehemalige Bahnchef Mehdorn jetzt im fortgeschrittenen Manager-Alter die Folgen von Hunolds ungestümer Expansion bewältigen muss.




