Neustart in Schönefeld

Mehdorn begräbt seinen Streit mit Wowereit

Air-Berlin-Chef Hartmut Mehdorn hat am Montag nicht nur seine Pläne für den Großflughafen BER vorgestellt, sondern auch gleich einen jahrelangen Zwist beendet - mit dem Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit.

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Air Berlin sieht mit dem neuen Hauptstadtflughafen eine gute Ausgangslage, um sein Drehkreuz in Berlin auszubauen. Der Sommerflugplan 2012 werde „ein erster großer Schritt der Internationalisierung" sein, sagte Vorstandschef Hartmut Mehdorn am Montag im künftigen Terminal des Flughafens Berlin Brandenburg. Der Flughafen soll am 3. Juni 2012 in Schönefeld eröffnet werden. Täglich würden dort dann sechsmal täglich bis zu 27 Air-Berlin-Maschinen landen und starten. Für Umsteiger seien die Wege im neuen Abfertigungsgebäude kurz, sagte Flughafenchef Rainer Schwarz.Air Berlin wird in neuen Airport zehn Flugsteige an zwei Terminal-Stegen exklusiv nutzen. Mehdorn sprach von einer „einmaligen Chance", die sich für sein Unternehmen biete. „Das ist unser Home-Flughafen." Die zweitgrößte deutsche Fluggesellschaft werde vom kommenden Sommer an 70 Ziele nonstop anfliegen. Marktführer Lufthansa hatte vorige Woche angekündigt, von Berlin ab Sommer 38 Ziele in Deutschland, Europa und Nahost anzufliegen. Derzeit sind es 23.Im kommenden Frühjahr will Air Berlin Mitglied der Luftfahrtallianz Oneworld werden. Mehdorn verspricht sich davon vor allem Wachstum auf den Langstrecken. Bislang bietet Air Berlin sieben Ziele in Übersee an, vier in Amerika (New York, Miami, Punta Cana, Varadero) und drei in Asien (Dubai, Bangkok, Phuket). Im Mai kommt Los Angeles hinzu, das dreimal wöchentlich ab Berlin angeflogen wird.

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Sie laufen eng nebeneinander her, Seit an Seit, Klaus Wowereit und Hartmut Mehdorn. Nicht einmal das sprichwörtliche Stück Papier würde zwischen Berlins Regierenden Bürgermeister und den neuen Chef der Air Berlin passen. Sie schlendern gemeinsam über die Baustelle des Großflughafens, diskutieren, witzeln über die Gummistiefel der Baustellenbesucher. Und als sich Hartmut Mehdorn über die großen Flächen für die geplanten Dutyfree-Shops freut, stichelt Wowereit boshaft: „Ist aber schon klar: Die Leute sollen hier einkaufen, nicht fliegen.“

Beim Flughafenrundgang am Montag könnte man den Eindruck haben, Zeuge einer echten Männerfreundschaft zu sein. Aber da war doch was? Richtig, da war eine jahrelange Fehde mit endlosen Verbalattacken und versteckten Angriffen. „Ich habe kein Problem mit Klaus Wowereit, hatte ich nie. Das habt ihr immer einfach so geschrieben“, sagt Mehdorn. Wer ihn als Bahnchef erlebt hat, weiß, dass er damals allein beim Namen Wowereit toben konnte und einmal wutentbrannt rief: „Dem gebe ich nicht mal mehr die Hand.“

Das tut er nun doch, mehrmals sogar. Denn der Manager und der Politiker wissen, dass sie jetzt zusammenarbeiten müssen, dass sie aufeinander angewiesen sind. Wowereit, der auch Aufsichtsratschef der Flughafengesellschaft ist, braucht den Hauptstadtflughafen, um die Wirtschaft anzukurbeln. Und Mehdorn kann mit der angeschlagenen Air Berlin nur durchstarten, wenn er die Heimatbasis Berlin kräftig ausbaut. Daher verzichten die einstigen Kampfhähne darauf. „Air Berlin bekommt einen Flughafen, der praktisch maßgeschneidert für die Fluglinie ist“, kündigt Flughafenchef Rainer Schwarz an.

Tatsächlich ist der Hauptstadtflughafen für Air Berlin das, was die Lufthansa in Frankfurt schon lange hat: einen Sonderanfertigung. Am Südpier wird Air Berlin sieben der neuen Gates ausschließlich für sich nutzen, drei weitere Gates gibt es exklusiv für die Luftfahrtgesellschaft am Hauptpier. Beim Abflug gibt es zwei Check-in-Inseln mit insgesamt 24 Schaltern für die Airline. Sie selbst investiert auch noch einmal kräftig, insgesamt 25 Millionen Euro, wie Mehdorn ankündigte. Das Geld wird unter anderem für einen 12.000 Quadratmeter großen Hangar, eine 1000 Quadratmeter große Lounge mit 200 Sitzplätzen sowie ein Büro-Gebäude verwendet. Mit dem Ausbau des Drehkreuzes will Mehdorn die Nord-Süd- und Ost-West-Verbindungen optimieren. Zu Hauptverkehrszeiten im Sommer landen derzeit 24 Air-Berlin-Maschinen in Tegel, nächstes Jahr sollen es 27 in Schönefeld sein. Mehdorn hat der Air Berlin, wie seinerzeit der Deutschen Bahn, ein ehrgeiziges Expansionsprogramm verordnet. „Bis zum Jahr 2020 wollen wir von und nach Berlin jährlich zwölf bis 13 Millionen Passagiere befördern“, kündigt er an. Ab dem Start des Großflughafens am 3. Juni kommenden Jahres sollen 10.500 Anschlussverbindungen angeboten werden – 1500 mehr als derzeit.

In den roten Zahlen

Auf seine ambitionierten Zahlen kommt Mehdorn nur, wenn er in Berlin Passagiere zwischenlanden und umsteigen lässt, der Hauptstadtflughafen also jenes Drehkreuz wird, das bislang in Tegel nur ansatzweise erkennbar ist. Air Berlin braucht den Schub nach vorn, zuletzt schrieb die Fluggesellschaft, deren Leitung Mehdorn im September vom Gründer und langjährigen Chef Joachim Hunold übernommen hatte, Quartal für Quartal rote Zahlen. Mitte des Jahres waren die Schulden auf 616 Millionen Euro gewachsen, bei 308 Millionen Euro Eigenkapital. Der Sommerflugplan 2012 mit neuen Langstrecken und die Fertigstellung des Flughafens Berlin Brandenburg seien die „ersten großen Schritte der Internationalisierung“, sagt Mehdorn nun.

Dass viele Berliner nicht gerade begeistert sind, wenn die Stadt ein Luftdrehkreuz für Menschen aus aller Herren Länder wird, die von der Stadt nichts sehen als die Umsteigegates, dürfte klar sein. Denn für die Anwohner bringt das zunächst nur eines: viel mehr Flieger über Berlin und damit mehr Lärm. Das ist aber nur eine Seite, verteidigt Klaus Wowereit den Ausbau Schönefelds zur Drehscheibe: „Das Aufkommen aus der Region reicht nicht für einen Großflughafen, der aber schafft Tausende neuer Arbeitsplätze.“ 20.000 Beschäftigte im und um den Flughafen wird es mit seiner Eröffnung geben, das sind 3000 mehr als derzeit in Tegel und Schönefeld. „Perspektivisch rechnen wir mit 40.000 Arbeitsplätzen“, sagt Wowereit und meint damit auch die Jobs im Umfeld des Airports. Und Air Berlin ist mit einem Marktanteil von 33 Prozent schon jetzt größter Kunde der Berliner Flughäfen.

Wer sich so braucht, vergisst lieber alten Zwist. Die Tatsache, dass Wowereit 2005 Mehdorn jäh gestoppt hatte, als der die Konzernzentrale der Bahn vom Potsdamer Platz nach Hamburg verlegen wollte. Oder dass Wowereit einer der politischen Hauptbremser beim geplanten Börsengang der Deutschen Bahn war, dem Lieblingsprojekt Mehdorns. Und dass der Regierende in der Datenaffäre der DB AG offen den Rücktritt des Vorstandschefs gefordert hatte. Der Regierende blendet dagegen aus, dass Mehdorn den Zoo als Fernbahnhof dicht gemacht und sich für den Erhalt des Flughafen Tempelhof eingesetzt hat. Vorbei, Schnee von gestern. Dass Wowereit den Bau einer dritten Startbahn vom Tisch gefegt hat? Egal. „Jetzt läuft erst mal der Countdown für den neuen Flughafen“, sagt Mehdorn. Und als die Rede auf die Verspätung der Züge kommt, die derzeit Schönefeld anfahren, guckt Mehdorn grimmig wie einst als Bahnchef und packt das Mikrophon als wollte er es würgen. Aber er sagt dazu nichts, kein Wort. Muss er ja auch nicht. Probleme bei der Bahn sind ja jetzt nicht mehr seine.