Auffällig ist die Stille. Nur der frische Ostseewind, der an diesem Dienstagmittag über das Hotelgelände pfeift, ist zu hören. Die massiven weißen Gebäude stehen da wie in einem Freilichtmuseum. Das passende Alter hat die 1796 gegründete Anlage zumindest – doch eigentlich sollte das Gelände am Ostseestrand von Menschen bevölkert sein, von Hotelgästen, die sich zwischen mehr als 200 Zimmern, Wellnessbereich, Ballsaal und Tagungsräumen bewegen. Stattdessen sind Journalisten angereist, die sich zusammen mit den Mitarbeitern des „Grand Hotels“ in dem historischen Musikzimmer des Großherzogs drängen. Ein Ansturm, der Hotelchef und Investor Anno August Jagdfeld noch weniger passen dürfte als die von ihm so gefürchtete Stille. Der Hotelmagnat wirkt angeschlagen, doch wie alle anderen ist er nicht zum Urlauben hier. Jagdfeld muss erklären, wie es nach der Insolvenz weitergehen soll mit dem traditionellen Ostseebad.
Es war ein langer Kampf, den Anno August Jagdfeld führte. Seit zwei Jahren hatte er nach Unterstützern und Investoren für das „Grand Hotel Heiligendamm“ an der mecklenburgischen Ostseeküste gefahndet. Zuletzt hatte er verzweifelt versucht, das Ruder noch einmal herumzureißen, indem er das Hotel selbst führte und sogar noch private Mittel zuschoss. Doch die Nobelherberge war nicht zu halten. Das idyllisch gelegene, klassizistische Ensemble, das erste Seebad Deutschlands, hat leere Kassen. Es kommen zu wenig zahlungskräftige Gäste in den Badeort zwischen Warnemünde und Kühlungsborn – gerade im Winter. Da liegt die Auslastung bei gerade mal zwölf Prozent, im Jahresdurchschnitt sind es 44 Prozent. Doch die Stille trügt erneut – seit gestern herrscht hier ein Insolvenzverwalter.
Altlasten schrecken Investoren ab
In Berlin hat der Bauunternehmer mit dem Geld von vermögenden Kunden ebenfalls für elegante Architektur gesorgt. Im Plattenbaubezirk Marzahn setze er mit dem Bürokomplex Pyramide ein markantes Zeichen. Doch viele Büros blieben leer, das finanzielle Desaster führte zum Notverkauf. An der Frankfurter Allee war der Bauherr mit der Plaza erfolgreicher. Auch an der Friedrichstraße setzte er mit dem Quartier 206, das seine Frau Anne Maria als Innenarchitektin verschönerte, ein Glanzzeichen. An der Oranienburger Straße am Tacheles fehlte aber schon das Geld für den Baubeginn. Die Kulturruine wird jetzt versteigert. Und schließlich das „Adlon“ am Brandenburger Tor: Ohne Jagdfeld hätte es den Wiederaufbau der Hotellegende nicht gegeben. Doch auch hier gab es finanzielle Engpässe und einen Aufstand empörter Anleger.
Am Montag stellte Jagdfeld nun Insolvenzantrag für das Nobelhotel „Heiligendamm“, das 2007 Gastgeber für die Teilnehmer des G-8-Gipfels war. Als Insolvenzverwalter wurde Jörg Zumbaum aus Düren bestellt. Zuvor hatte es noch vielfach Gespräche mit verschiedenen meist inländischen Investoren wie der Oetker-Gruppe gegeben, die mit dem bekannten „Brenner's“ in Baden-Baden Erfahrungen mit historischen Luxusherbergen hat. Angesichts der hohen Altlasten konnte sich jedoch keiner der Interessenten für die Immobilie in Heiligendamm begeistern. Arabische oder russische Investoren seien ohnehin nicht dabei gewesen, berichtet ein Insider. In einem Insolvenzverfahren könnte dies natürlich anders sein. Neue Eigentümer müssen sich nicht mit dem Schuldenberg beschäftigen.
Heiligendamm sollte Jagdfelds Lebenswerk abschließen. Für die Rekonstruktion hat er immerhin das Bundesverdienstkreuz Erster Klasse bekommen, wie er gern betonte. An die 800 Bauvorhaben hatte seine Fundus-Gruppe im ganzen Land errichtet – nicht immer mit dem gewünschten wirtschaftlichen Erfolg. Doch es war ihm mit seinem Charme immer wieder gelungen, die meist betuchten Anleger zu großen Geldspenden zu überreden. Heiligendamm aber sollte die Krönung sein.
Am Dienstag wurden nun die 300 Mitarbeiter über die Insolvenz informiert. Im Gespräch ist eine Auffanggesellschaft, an der sich neue Investoren beteiligen wollen. Der Hotelbetrieb läuft aber weiter, von einer Schließung ist nicht die Rede. Das „Grand Hotel“ ist einer der größten Arbeitgeber der Region. Die Gefahr, dass die historischen Gebäude wie schon in der DDR verfallen, ist allerdings groß.
Insolvenzgrund ist die Zahlungsunfähigkeit der Grand Hotel Heiligendamm GmbH & Co. Kommanditgesellschaft. Die Kreditzinsen seien nicht mehr gezahlt worden, so das Unternehmen. Die Banken hätten erklärt, ihre Kredite definitiv nicht zu verlängern. Das Unternehmen sei aber nicht überschuldet, die Forderungen der Banken und Lieferanten könnten bezahlt werden, wird zumindest behauptet.
Jagdfeld hatte 1996 mit seiner Fundus-Gruppe das klassizistische Gebäudeensemble in Heiligendamm sowie ein Landgut von der ostdeutschen Treuhandgesellschaft erworben. 2003 wurde das Hotel eröffnet, das zunächst von Kempinski gemanagt wurde. Nach Streitigkeiten führte Fundus-Chef Jagdfeld seit 2009 das Hotel in Eigenregie. Jagdfeld war es zuletzt nicht gelungen, die 1900 Fondszeichner, die bereits 130 Millionen Euro in einen geschlossenen Immobilienfonds eingezahlt hatten, für eine Kapitalerhöhung um 32,5 Millionen Euro zu begeistern. Nur 700000 Euro sind dabei zusammengekommen, wie Jagdfeld berichtet. Die Fondszeichner hatten jahrelang keine Ausschüttungen gesehen und einen Kapitalschnitt hinnehmen müssen. Damit waren 90 Prozent der Anlegergelder bereits vernichtet.
„Ich habe keinen Ausweg gesehen“
„In den letzten vier Jahren habe ich aus privaten Mitteln sechs Millionen Euro in den Betrieb von Heiligendamm gesteckt“, sagte der Fondsinitiator gestern der Morgenpost. „Ich habe keinen Ausweg mehr gesehen. Die Banken wollten die Kredite nicht mehr verlängern und die Fondszeichner kein Geld mehr geben.“ Der Betrieb hätte nur noch ein, zwei Monate aufrechterhalten werden können, das Sterben wäre nur verlängert worden. „Ich bleibe in Heiligendamm, ich liebe diesen Ort“, sagte Jagdfeld trotzdem. „Alle Fans von Heiligendamm sollen herkommen, damit hier die Lichter hinter den Fenstern nicht ausgehen.“
Das Hotel war zeitweise schlecht ausgelastet. Mit einer Bürgschaft von vier Millionen Euro musste 2009 sogar das Land Mecklenburg-Vorpommern einspringen – mit der Auflage, neue Betreiber zu finden, was aber bis heute nicht gelang. Im vergangenen Jahr konnte allerdings eine Belegung von 60 Prozent erreicht werden, und auch die wirtschaftlichen Ergebnisse hatten sich zuletzt verbessert.
„Die Insolvenz der Fonds KG ist ein schwarzer Tag für Heiligendamm, seine Gesellschafter, Mitarbeiter und die gesamte Region. Ich bedauere diesen Schritt zutiefst, war dazu aber gesetzlich gezwungen. Uns fehlte die Zeit, die begonnene Sanierung erfolgreich abzuschließen“, begründete Fondschef Jagdfeld im historischen Musikzimmer den Insolvenzantrag. Er wirkt schwer getroffen. „Ich bin aber zuversichtlich, dass eine Lösung möglich ist, die den dauerhaften Betrieb des ,Grand Hotel Heiligendamm' sichert.“ Das „Grand Hotel Heiligendamm“ sei trotz der schwierigen Lage in geordneter Verfassung. Es gelte nun, mit allen Kräften den „Hotelbetrieb aufrechtzuerhalten und eine Zerschlagung zu verhindern“. An der Insolvenz habe zu großen Teilen die Kommune sowie eine Gruppe von Kritikern schuld. „Das Image von Heiligendamm war von da an ruiniert, als das Hotel zum öffentlichen Gelände erklärt wurde“, kritisierte Jagdfeld. Jahrelang seien die Gäste durch Heerscharen von Radlern und neugierigen Spaziergängern gestört worden. „Jetzt noch besteht die Gemeinde auf einem Wanderweg mitten durch das Hotelgelände, das ist reine Sabotage.“ Dennoch glaube er, dass Heiligendamm Bestand habe und eine Konkurrenz zu Sylt sein könnte. Insolvenzverwalter Jörg Zumbaum aus Düren sagte, die Beschäftigung der Mitarbeiter sei vorerst gesichert. Sie bekommen das übliche Insolvenzgeld. Alle Hoffnung ruht auf dem aufziehenden Frühling, wenn wieder mehr Gäste kommen. Doch wer fährt schon in ein Ferienziel, dessen Zukunft ungewiss ist.
Mithilfe neuer Investoren solle nicht nur das Hotel erhalten, sondern auch anstehende Investitionen müssten ermöglicht werden. Das Insolvenzverfahren eröffne die Chance, Investoren zu finden. Jagdfeld räumte mit bedrückter Stimme ein, dass ein neues Finanzierungskonzept notwendig sei. „Die Fondsgesellschaft kann nicht so weitermachen.“
Aus der Insolvenz in Heiligendamm auf die finanzielle Verfassung der Fundus-Gruppe zu schließen, wäre aber spekulativ. Der Insolvenzantrag war zwingend, sonst hätte sich Jagdfeld der Insolvenzverschleppung schuldig gemacht. Die Gruppe steht aber offenbar nicht – wie oft behauptet – im Feuer. Denn immer wieder war es dem findigen Fondsinitiator gelungen, eine Lösung zu herbeizuführen. In Heiligendamm wollte er aber nicht mehr weitere Millionen in die Ostsee werfen.
Mecklenburg-Vorpommerns Wirtschaftsminister Harry Glawe will Gespräche mit dem Insolvenzverwalter führen. „Heiligendamm ist ein Leuchtturm gewesen für die touristische Entwicklung und auch für den Hotelbereich in Mecklenburg-Vorpommern“, sagte der CDU-Politiker. Es müsse nun darum gehen, Arbeitsplätze zu sichern. Der Tourismusverband des Landes hat mit großem Bedauern auf die Insolvenz reagiert. „Es ist das älteste deutsche Seebad. Hier wurde für die Deutschen das Baden erfunden“, sagte Verbandsgeschäftsführer Bernd Fischer. Er ist davon überzeugt, dass der Hotelstandort Heiligendamm eine Zukunft hat – auch wenn das „Grand Hotel“ eine komplizierte und anspruchsvolle Immobilie sei.




