Hauptstadt-Boom

Berlin zieht Medien- und Kreativbranche magisch an

Ob Verlage, Werbe- oder Nachrichtenagenturen: Immer mehr Unternehmen aus der Medienbranche zieht es in die Hauptstadt. Nun folgt auch das weltweit größte Klassiklabel - die Deutsche Grammophon.

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Am Donnerstag gab die Deutsche Grammophon, das weltweit größte Klassiklabel, die Rückkehr von Hamburg nach Berlin bekannt. Vor einer Woche feierte DAPD, die Nachfolge-Nachrichtenagentur von Associated Press und dem Deutschen Depeschen-Dienst, die Eröffnung ihres neuen Stammsitzes in der Nähe des Reichstages.

Auch die Deutsche Presse-Agentur berichtet seit September aus dem Hauptsitz Berlin. Für ebenfalls viel Aufsehen sorgte im Sommer der Umzug des traditionsreichen Suhrkamp-Verlages von Frankfurt am Main an die Spree. „Berlin hat derzeit einen enormen Sogeffekt“, sagt Mathias Birkel, Senior Consultant bei der Agentur Goldmedia, die seit Jahren die Entwicklung der europäischen Medienhauptstädte beobachtet. „Die Branchen-Events kommen zunehmend in die Hauptstadt“, sagt Birkel und nennt Beispiele wie die Fashion Week und die Musikmesse Popkomm. „Berlin ist der Standort, wo die meisten Topkreativen heutzutage leben wollen“, sagt Frank Lotze, Chef der größten deutschen Werbeagentur BBDO, die vor kurzem ihren Hauptstadt-Standort ausbaute.

Es ist denn auch die gestiegene Bedeutung im bundesdeutschen Vergleich, die Universal-Deutschlandchef Frank Briegmann für den Umzug des Tochterunternehmens Deutsche Grammophon anführt. „Auf der künstlerischen Ebene ist Berlin bedeutender als Hamburg“, sagt Briegmann. Universal hatte bereits im Jahr 2002 seinen Hauptsitz nach Friedrichshain verlegt. Ähnlich entschied sich der Hamburger Klambt-Verlag, als er 2008 mit dem Magazin „In“ von Baden-Baden in die Hackeschen Höfe nach Mitte zog. „Berlin ist jung, dynamisch und ein bisschen frech – das passt zu unserer Zielgruppe“, sagt Verlagssprecher Jonas Schmieder. Auf lange Sicht will der Verlag seine Aktivitäten in Berlin ausbauen – obwohl Klambt derzeit in Hamburg expandiert.

„Deutschland zentralisiert sich ein Stück weit, zumindest, was die Kreativbranche angeht“, sagt auch Ursula Heinemann, Geschäftsführerin beim Verband der Zeitschriftenverleger Berlin-Brandenburg. „Berlin ist in der gesamten Berichterstattung sehr sichtbar geworden“, sagt Heinemann. Sie sieht ebenfalls eine Sogwirkung: „Jetzt kommen alle: Die Preisverleihungen, die Promis, die Filme. Die ganze Stadt ist ein riesiger Kulissenlieferant“. Das sieht auch der Bund deutscher Zeitungsverleger (BDZV) so: „Berlin ist ein Ideen-Inkubator“, sagt Anja Pasquay vom BDZV. Einzig der TV-Bereich ist unterrepräsentiert: ProSieben.Sat 1 entschied 2008, nach München zu gehen, andere große Sender kamen erst gar nicht nach Berlin. „Die großen Kaliber im TV-Bereich kommen in naher Zukunft nicht nach Berlin“, sagt Mathias Birkel von Goldmedia.

Der allgemeine Trend zum Umzug in die Hauptstadt ist bereits seit einigen Jahren zu beobachten: 2008 zog die „Bild“-Zeitung von Hamburg nach Berlin, auch die Musiksender MTV und VIVA senden aus Berlin. Neugründungen wie das Fußball-Magazin „11 Freunde“ siedelten sich wie selbstverständlich hier an.

Die Medien-und Kreativbranche wird damit zunehmend auch ein wirtschaftlicher Faktor für die Stadt. „Die Unternehmen finden hier eine gute Infrastruktur vor“, sagt Mathias Birkel von Goldmedia und meint damit Projekte wie die Mediaspree, die zwar innerhalb der Stadt für Diskussionen sorgen, für Firmen von außerhalb aber attraktive Standorte sind. Verbände wie der Bundesverband Musikindustrie loben denn auch die Ansiedlungspolitik der Stadt, fordern aber eine entschiedenere Haltung bei Streitpunkten wie dem Schutz geistigen Eigentums.