Studie

Berlins Zukunftsbranchen wachsen am stärksten

Die vom Berliner Senat besonders intensiv geförderten Zukunftsbranchen wachsen laut einer Studie kräftig.

Foto: dpa / dpa/DPA

Berlin kämpft seit dem rapiden Niedergang der Wirtschaft nach dem Mauerfall um Anschluss an die Entwicklung im Bundesgebiet. Mangels großer Konzerne fördern die Wirtschaftspolitiker der Stadt Unternehmen, die sich in zukunftsträchtigen Branchen tummeln. Diese Strategie scheint sich auszuzahlen, wie eine Studie der landeseigenen Investitionsbank Berlin (IBB) nahelegt. Demnach wachsen Firmen in Branchen der Zukunft in keiner anderen deutschen Großstadt so schnell wie in Berlin.

Die Ökonomen der IBB haben die Entwicklung in der Hauptstadt mit der in Hamburg, München, Köln und Frankfurt/Main verglichen – den nach Berlin einwohnerstärksten Städten der Bundesrepublik. Sie untersuchten die Branchen Verkehrstechnik, Medien, Informationstechnologie, Energietechnik, Biotechnologie, Medizintechnik und optische Technologien. Dort gibt es derzeit rasante technologische Entwicklungen, und diese Branchen werden in Berlin als Kompetenzfelder besonders intensiv gefördert.

„Wir haben den Strukturwandel in der Stadt gemeistert“, sagte Wirtschaftssenator Harald Wolf (Linke) bei der Vorlage der Studie. Und die Kompetenzfelder hätten sich dabei als Wachstumstreiber erwiesen, sagte der Politiker. Derzeit arbeiten in Berlin mehr als 180.000 Beschäftigte in diesen Branchen. Damit bewege sich die Hauptstadt auf einem Niveau wie München (170.000 Beschäftigte) und Hamburg (190.000), heißt es in der Studie. Allerdings muss in Rechnung gestellt werden, dass Berlin wesentlich mehr Einwohner als die anderen Metropolen hat. Der Hightechanteil an allen Beschäftigten liegt in Berlin also deutlich niedriger.

Allerdings holt Berlin deutlich auf. Betrachtet man das Wachstum an Arbeitsplätzen und Umsatz seit 2002, weist Berlin im Städtevergleich die höchste Dynamik aus. Der Umsatz der Branchenbetriebe wuchs um fast neun Prozent, die Beschäftigung legte um 1,6 Prozent zu. Besonders dynamisch entwickelt sich in der Hauptstadt die Medizintechnik. Hier hat Berlin in Europa bereits eine führende Stellung, beherbergt mit der Charité das größte Klinikum des Kontinents und mit der Bayer-Tochter Bayer Schering einen Pharma-Weltkonzern. Dazu gibt es schnell wachsende junge Unternehmen wie den Strahlenmedizinspezialisten Eckert und Ziegler.

Auch die Verkehrstechnik gewinnt in der Hauptstadt an Bedeutung. Der größte Schienenfahrzeugkonzern der Welt, Bombardier, steuert von hier aus sein Geschäft. Zu der Branche wird aber auch das Daimler-Motorenwerk in Marienfelde gezählt.

Langer weg zur Spitze

Jeder Job, der in der Stadt entstünde, sei wichtig, sagte IBB-Chef Ulrich Kissing. „Aber besonders wichtig sind die Jobs, die in den Branchen mit dem höchsten Zukunftspotenzial entstehen.“ Berlin könne keine großen Konzerne anlocken. Man müsse vielmehr durch kluge Wirtschaftspolitik dafür sorgen, dass aus jungen innovativen Kleinunternehmen mächtige Champions würden.

Das wird ein langer Weg. Denn die Studie, die Berlins Dynamik so sehr herausstreicht, zeigt auch etwas anderes. Den großen Rückstand der Hauptstadt. Zählt man die Umsätze der Zukunftsunternehmen in den jeweiligen Städten zusammen, ergibt sich eine Rangliste, auf der Berlin am Ende geführt wird. In München setzen Firmen aus innovativen Branchen 131,98 Milliarden Euro im Jahr um. In der Hauptstadt sind es 28,2 Milliarden Euro. In Frankfurt/Main, in der Rangliste vor Berlin, sind es 41,1 Milliarden Euro.

Um auf den heutigen Münchner Wert zu kommen, müsste der Umsatz der Berliner Firmen rund 17 Jahre lang jährlich um zehn Prozent wachsen – ein Szenario, das auch die größten Optimisten kaum unterstellen dürften. Und eingeholt hätte Berlin die bayerische Landeshauptstadt auch nur dann, wenn diese die ganze Zeit stagnierte.

Hinzu kommt die deutlich geringere Produktivität in Berlin. Zwar gibt es in Branchen wie Medizin- und Computertechnik stetig mehr Arbeitsplätze, jedoch wird je Mitarbeiter weit weniger umgesetzt als im deutschen Durchschnitt. Der liegt bei 196.000 Euro pro Jahr und Mitarbeiter. In der Berliner Biotechnologie sind es 188.000, in der Energietechnik sogar nur 95.000 Euro.

Die IBB will sich künftig noch intensiver um Berliner Zukunftsbranchen kümmern. Bankchef Kissing will einen Risikokapital-Fonds für Medizintechnikunternehmen der Hauptstadt auflegen. Damit bekämen die Firmen Eigenkapital aus öffentlicher Hand. An dem Fonds sollen sich auch private Investoren beteiligen.