Er ist der Herrscher über die Berliner Gasleitungen und Zähler: Ulf Altmann, Sprecher der Geschäftsführung der Gasag-Tochter NBB (Netzgesellschaft Berlin-Brandenburg). Im Interview mit Morgenpost Online spricht er über die Herausforderungen, die ein 160 Jahre altes Gasnetz mit sich bringt. Das Gespräch führte Hans Evert.
Morgenpost Online: Herr Altmann, Ihr Unternehmen kümmert sich um das Gasnetz in Berlin. Hält es während der Heizsaison?
Ulf Altmann: Richtig schwerwiegende Probleme hatten wir eigentlich nie. Ich bin sehr optimistisch, dass wir auch in diesem Winter das Netz, so wie bisher, sicher betreiben.
Morgenpost Online: Das Berliner Gasnetz ist mehr als 160 Jahre alt und rund 7000 Kilometer lang. Wie viel Geld müssen Sie jedes Jahr reinstecken?
Ulf Altmann: Ungefähr 50 Millionen Euro pro Jahr. Sehen Sie, es ist ein höchst komplexes Netz. An der einen Stelle verlaufen noch einige hundertjährige gusseiserne Rohre, anderswo moderne Kunststoffleitungen. Zwar haben wir bei der Umstellung von Stadt- auf Erdgas im großen Stil investiert, seit Anfang der 90er-Jahre über eine Milliarde Euro. Aber so ein Netz verlangt nach ständiger Instandhaltung und Kontrolle. Wir als NBB haben jede Menge Erfahrung und wissen, wo man wann investieren muss. Dessen sollte man sich bewusst sein.
Morgenpost Online: Sie spielen damit indirekt auf die Diskussion über die Netze an. Die Konzession für das Gasnetz endet 2013 und soll ausgeschrieben werden. Haben Sie Angst, das Netz zu verlieren?
Ulf Altmann: Wenn es eine Ausschreibung gibt, treten wir sehr selbstbewusst an. Wir wissen ganz genau, was wir tun, einfach weil wir jahrelange Erfahrung haben. Das ist äußerst wichtig, wenn Sie ein Netz fehlerfrei betreiben wollen. Zudem haben wir bewiesen, dass wir auch unter Wettbewerbsbedingungen, Einspeisung, Transport und genaue Abrechnung sehr effizient garantieren können. Jeder andere Interessent müsste erst zeigen, dass er das mit dem komplexen Berliner Netz hinbekommt.
Morgenpost Online: Dennoch ist es eine ungewohnte Situation für Sie. Für die NBB als Gasag-Tochter war es ja eine Art Naturgesetz, Betreiber des Netzes zu sein.
Ulf Altmann: Wir sagen: Es spricht viel für uns, wir haben keine Angst vor einer Ausschreibung. Aber ich erlaube mir den Hinweis, dass unser Gasnetz eine Lebensader der Stadt ist. Wir haben es hier mit einer sensiblen Materie zu tun.
Morgenpost Online: Im Koalitionsvertrag zwischen SPD und CDU ist die Rede davon, Einfluss auf die Strom- und Gasnetze zu nehmen. Könnten Sie damit leben, wenn das Land Berlin einen Anteil an der NBB erwerben würde?
Ulf Altmann: Wir können uns verschiedene Modelle zusammen mit dem Land Berlin vorstellen. Aber jetzt warten wir erst einmal auf die Ideen, die es in der Politik gibt. Auf jeden Fall ist es denkbar, dass sich Nuancen oder vielleicht auch etwas mehr im Vergleich zu heute ändern werden.
Morgenpost Online: Die Frage der Konzessionen sorgt für etwas Aufregung. Ansonsten könnte man ja geneigt sein zu sagen, ein Netz zu betreiben ist ein wenig langweilig.
Ulf Altmann: Das finde ich überhaupt nicht. Wie kommen Sie darauf?
Morgenpost Online: Sie und Ihre Leute müssen das Netz in Schuss halten. Aber neue Geschäftsfelder können Sie kaum erschließen.
Ulf Altmann: Da liegen Sie falsch. Zum Beispiel wollen wir mit einem neuen Angebot dafür sorgen, die vielen Baustellen in Berlin besser zu koordinieren.
Morgenpost Online: Wie wollen Sie das machen?
Ulf Altmann: Dafür haben wir das Online-Portal Infrest entwickelt. Will jemand in Berlin bauen, so muss er Anfragen an bis zu 20 Behörden und Infrastruktur-Betreiber wie Vattenfall und die Telekom stellen. Wir übernehmen mit Infrest den Service.
Morgenpost Online: Und wie lässt sich damit das Baustellenchaos in einer Stadt lösen, wo Straßen in kurzem Zeitabstand immer wieder aufgerissen werden?
Ulf Altmann: Parallel bauen wir eine Datenbank auf: Wer plant wann und wo welche Baumaßnahme? Dabei arbeiten wir eng mit der Stadt zusammen. Somit erhält man die Möglichkeit, das Baugeschehen besser miteinander zu koordinieren.
Morgenpost Online: Wann startet das Portal? Machen alle relevanten Behörden und Unternehmen mit?
Ulf Altmann: Der komplette Service wird ab 2012 verfügbar sein. Vattenfall macht bereits mit, die meisten Bezirksämter und die Wasserbetriebe auch. Telekom und BVG sind ebenfalls eingebunden.
Morgenpost Online: Ein anderes Thema, das Sie umtreibt, ist Sicherheit von Infrastruktur. Das Thema ist spätestens seit den Brandanschlägen am Ostkreuz hochaktuell. Haben Sie Nachholbedarf bei der Sicherheit?
Ulf Altmann: Wir erfüllen wie alle Betreiber kritischer Infrastruktur – also vor allem Wasser, Energie und Telekommunikation – die Richtlinien. Allerdings müssen wir uns dem Thema Sicherheit, etwa gegen Anschläge, noch intensiver widmen. Der Vorfall am Ostkreuz hat gezeigt: In Zukunft gibt es ganz neue Herausforderungen.


