OECD-Einkommensstudie

Gleichheit bedeutet nicht unbedingt Gerechtigkeit

Die von der OECD attestierte Einkommensschere heizt die Debatten an. Übersehen wird: Niemals zuvor hatten so viele Menschen einen Arbeitsplatz.

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Kaum ein anderer Begriff ist moralisch so aufgeladen wie der der Gleichheit. Denn quasi automatisch wird Gleichheit verbunden mit Gerechtigkeit. Auch deshalb werden Verteilungsdebatten immer wieder mit solcher Vehemenz geführt – gerade in Krisenzeiten, in denen weniger zu verteilen ist.

So wird die Feststellung der OECD, dass die Ungleichheit bei den Einkommen in Deutschland in den vergangenen Jahren stärker gewachsen ist als in den meisten anderen Ländern, in den politischen Debatten begierig aufgegriffen werden.

Dass zumindest ein Teil dieser Entwicklung dem Streben nach mehr individueller Freiheit zuzuschreiben ist, indem die Menschen häufiger allein leben oder sich für eine Teilzeitbeschäftigung entscheiden, wird dabei in schöner Regelmäßigkeit unterschlagen werden – ebenso wie der Umstand, dass die Ungleichheit bei den Löhnen in Deutschland durch das Steuersystem und Sozialtransfers wesentlich stärker relativiert wird als andernorts.

Niemals zuvor hatten so viele Menschen einen Arbeitsplatz

Sicherlich, die stärkere Spreizung bei den Einkommen ist auch auf die Einführung eines Niedriglohnsektors und die Flexibilisierung des Arbeitsmarktes zurückzuführen. Doch genau diese Reformen sind es, die Deutschland nun in der Schuldenkrise so gut dastehen lassen – sei es nun beim Wachstum oder bei der Arbeitslosigkeit.

Niemals zuvor hatten so viele Menschen einen Arbeitsplatz wie heute. Das ist wahre Chancengleichheit. Denn nur die Teilhabe am Erwerbsleben gibt die Möglichkeit, sein Leben selbst zu gestalten. Was also könnte ein besserer Indikator für gesellschaftliche Gerechtigkeit sein?