Kaufhaus-Deal

Karstadt-Retter Berggruen pokert jetzt um Kaufhof

Nachdem Nicolas Berggruen bereits in Karstadt investierte, will er nun Kaufhof von der Metro-Gruppe übernehmen. Es geht um 134 Warenhäuser mit rund 20.000 Mitarbeitern.

Foto: JB Reed/Bloomberg/Getty Images

Es ist der Abend des 24. Oktober 2011. Ein Montag. Der Milliardär, Kunstmäzensohn und Karstadtretter Nicolas Berggruen sitzt im vertrauten Gespräch mit einem älteren, leicht korpulenten Herren. Berggruens Körper, das zeigen Fotos von dem Abend, steckt ausnahmsweise nicht in einem seiner lässigen blauen Anzüge. Berggruen trägt Smoking. Sein widerborstiges Haar liegt für seine Verhältnisse wohlgeordnet auf dem Kopf. Berggruens Erscheinen wird natürlich registriert bei diesem Jubiläumsdinner zum zehnjährigen Geburtstag des Jüdischen Museums in Berlin. Noch interessanter ist im Rückblick sein Gesprächspartner. Es ist Lovro Mandac, Chef der Warenhauskette Kaufhof.

Noch nicht einmal zwei Jahre ist es zu diesem Zeitpunkt her, dass Nicolas Berggruen in Deutschland zu einer öffentlichen Figur wurde. Damals gab er seine Offerte für Karstadt ab und erhielt nach monatelangen Verhandlungen den Zuschlag für die taumelnde Kaufkauskette. Jetzt ist er wieder da. Und überrascht mit einem Angebot für die 139 Kaufhof-Häuser aus dem Reich des Handelsriesen Metro.

Berggruen als Handelskönig

Bekommt Berggruen den Zuschlag, darf er sich im Alter von 50 Jahren deutscher Kaufhaus-König nennen. Ein Kaufhaus-König kann vor Lieferanten mächtig aufspielen, Rabatte raushandeln und mit seiner großen Verkaufsfläche locken. Eine „Deutsche Warenhaus AG“, also die Fusion von Karstadt und Kaufhof, würden Handelsexperten als durchaus sinnvoll bezeichnen. Aus Sicht eines Betriebswirts wohnt der Idee eine Logik inne.

Doch Kaufhaus-König klingt wie Provinzfürst. Und das ist wohl so ziemlich das letzte Attribut, das man einem wie Berggruen anheften kann.

Somit kehren wieder jene zwei Fragen zurück, die Berggruens Treiben begleiten, seit er Karstadt – angeblich für einen Euro – im Jahr 2010 erwarb: Was will er eigentlich? Oder, noch grundsätzlicher, wer ist dieser Mensch überhaupt, der angeblich über ein Vermögen von 2,2 Milliarden Dollar verfügt, der keinen festen Wohnsitz hat, dafür aber einen Privatjet vom Typ Gulfstream, der in Frankreich und Amerika aufwuchs und durch seinen berühmten Vater, den Kunstsammler Heinz Berggruen, eine Art Heimat in Berlin hat. Wenn auch nur ideell. In den USA wird Berggruen angeblich als obdachlos geführt. Es heißt, er lebe vorwiegend in Hotels.

Gespür für starke Marken

Die Antwort auf die zweite Frage klingt wenig schmeichelhaft. Nicolas Berggruen ist eine Heuschrecke. Dieses Schmähwort stammt vom früheren SPD-Chef Franz Müntefering. Es bezeichnet, geißelt mehr, ein Geschäftsmodell, das an der Wall Street erfunden wurde: Investoren kaufen Firmen auf und trachten danach, sie mit Gewinn loszuschlagen. Berggruen hat das in seinem Leben oft gemacht. Seine Berggruen Holdings verfügt neben Karstadt über Windparks, Gewerbeimmobilien in den USA, der Türkei, Indien, Japan und Singapur und in Berlin. Hier gehört ihm unter anderem das Café Moskau an der Karl-Marx-Allee und die Lichtfabrik an der Kohlfurter Straße in Kreuzberg.

Dort sitzt auch die Deutschland-Filiale der Berggruen Holdings. Und seine persönliche Assistentin, die äußerst freundlich ist, aber nichts offiziell sagen mag, schon gar nicht zu dieser Kaufhofgeschichte. Immerhin: Die Deutung, wie ein Geschäft nach Berggruens Geschmack beschaffen sein muss, lässt sie sich entlocken. Berggruen habe ein Gespür für starke Marken und investiere nur, wenn er das Geschäftsmodell versteht. Damit fährt er wohl gut. Laut Eigenauskunft der Berggruen Holdings, die ihre Zentrale in Manhattan nahe der Central Station hat, erwirtschaften die Beteiligungen einen Jahresumsatz von fünf Milliarden Dollar.

Nicolas Berggruen ist ein überaus erfolgreicher Unternehmer, der sich aber, vom Privatjet abgesehen, der Insignien eines reichen Mannes weitgehend entledigt hat. Ein Mann, der kaum über greifbaren Besitz verfügt.

Ohne private bürgerliche Basis

„Im Gegensatz zu anderen reichen Unternehmern hat er keine private bürgerliche Basis.“ So beschreibt ihn Thomas Heilmann, der als Berliner CDU-Vize gerade den Koalitionsvertrag mit der SPD verhandelt. Er kennt Berggruen seit den Monaten der Karstadt-Rettung. Heilmann war im Auftrag von Arbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) federführend daran beteiligt, den finalen Kompromiss zwischen Berggruen, den Eigentümern der Kaufhaus-Immobilien und der Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di auszuhandeln. Er sagt, Berggruen sei ein Bauchmensch im positiven Sinne. Mithin also das Gegenteil eines kühl kalkulierenden Managers, dem es einzig um eine maximale Rendite geht.

Das passte auch nicht zum Erscheinungsbild von Berggruen, zu seiner hellen Stimme und der weichen Aussprache harter deutscher Wörter. Berggruen ist im öffentlichen Auftritt das glatte Gegenteil eines Alphatiers mit Haifischlächeln. Der Milliardär ist klein und zartgliedrig, verzichtet auf Krawatten und sein Haarschopf scheint meist zu signalisieren, dass er gerade erst das Bett verlassen hat. So erscheint er auch am 3. September 2010 im sechsten Stock der Karstadt-Filiale am Kurfürstendamm. Mit seiner hellen Stimme hält er eine Dankesrede und schließt mit den Worten: „Ich habe jetzt eine aufregende Zukunft.“ An diesem Tag wirkt er wie ein unsicherer Junge, dem unverhofft ein Privileg zufällt.

Gespann Berggruen/Bluestein

Dieses Jungenhafte und Verstrubbelte à la Hugh Grant-Touch setzt er, so sagen es viele, die ihn erleben, durchaus geschickt ein. Bei den monatelangen Verhandlungen soll er sich präsidial und verständnisvoll gegeben haben. Doch an seiner Seite hat er einen harten Verhandler, den Amerikaner Jared Bluestein. Der, so sagen Mistreiter der Karstadt-Nächte, sei der Mann der harten Ansagen. Ohne ihn mache Berggruen keine Deals. Bluestein führt derzeit auch den Aufsichtsrat von Karstadt. Sollten nun wirklich Verhandlungen mit Kaufhof anstehen, wird er dafür sorgen, dass Berggruens Interessen durchgesetzt werden. Das Gespann Berggruen/Bluestein hat schon die hartnäckigen Eigentümer der Karstadt-Immobilien, darunter die Investmentbank Goldman Sachs, in die Knie gezwungen. Die Kaufhof-Leute sollten also gewappnet sein.

Doch wie sehr er einen möglichen Sieg im Bieterrennen um eine weitere deutsche Warenhauskette genießen würde, ist eine ganz andere, offene Frage. Denn Nicolas Berggruen treibt offenbar nicht nur der geschäftliche Erfolg um. In einem Interview mit der „taz“ bekannte er, dass er im Leben praktisch noch nichts geschaffen habe. Das klingt natürlich unglaublich kokett, einerseits. Andererseits mag sich Berggruen mit den Niederungen des Geschäftsalltags kaum abgeben.

Institut für den Weg in die Zukunft

Neben seiner Investmentgesellschaft hält er sich ein Institut, das er nach sich benannt hat. Damit will er nicht weniger als den verzagten, unsicheren Demokratien des Westens einen sicheren Weg in die Zukunft zu weisen. „New ideas of good governance“ – neue Ideen für gutes Regieren sollen gefunden werden. Im Beirat sitzen honorige Denker wie der Ökonom Nouriel Roubini und ehemalige Regierungschefs, darunter Gordon Brown und Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD). Menschen, die Berggruen kennen, meinen, dass dieses Institut das ist, was ihn eigentlich interessiert und antreibt.

Sind also all seine weltumspannenden Geschäfte nur ein Vehikel um Gutes zu tun? „Letztlich“, vertraute Nicolas Berggruen der Welt am Sonntag in einem Interview an, „will ich ja praktisch alles abgeben, was ich habe.“ Das dürfte dann nicht gerade wenig sein. Zumindest tut Berggruen ziemlich viel dafür.