Lahmende Wirtschaft

Die britische Angst vor der Rezession

Im Schatten der Euro-Krise verliert die Wirtschaft an Fahrt, die Arbeitslosigkeit steigt. Viele befürchten eine "verlorene Generation".

Foto: REUTERS

Das Beste am britischen Wetter ist gemeinhin der Winter. Sollten mal ein paar Millimeter Schnee fallen wie im vergangenen Jahr, spricht man auf der Insel gleich vom Jahrhundertfrost. Meistens ist das Klima dagegen angenehm mild.

Trotzdem warnte die renommierte London School of Economics vor kurzem, in diesem Winter könnten bis zu 2700 Menschen erfrieren - weil sie sich das Heizen nicht leisten können. Eine Rekordinflation von 5,2 Prozent gepaart mit beinah stagnierenden Löhnen und der höchsten Arbeitslosigkeit in 17 Jahren hat zu einer Armutswelle geführt. Nicht wenige Briten stehen finanziell so unter Druck, dass sie selbst bei Lebensmitteln oder am Heizöl knapsen müssen.

Angst vor dem Rückfall

Während auf dem Kontinent die Sorge um Griechenland und die gemeinsame Währung seit Monaten die Schlagzeilen dominiert, trudelt im Schatten der Eurokrise ein anderes europäisches Land in die Bredouille. Die Gefahr vor dem „douple dip“, dem Rückfall in die Rezession, wird immer realer in Großbritannien.

Jetzt meldete das britische Statistikamt die Wachstumszahlen für das dritte Quartal. Mit einem Plus von 0,5 Prozent legte das Bruttoinlandsprodukt (BIP) zwar etwas stärker zu, als viele Experten erwartet hatten. Das Ergebnis gibt aber trotzdem kein Grund zum Aufatmen, da es lediglich als Gegenreaktion zum Mini-Plus von 0,1 Prozent im Frühjahr gesehen wird. Das von der Regierung geplante Gesamtjahreswachstum von 1,7 Prozent ist damit völlig illusorisch. Die OECD geht von weniger als einem Prozent aus.

Fast alle Analysten sind sich einig, das vierte Quartal werde deutlich schlechter ausfallen als das dritte. Viele erwarten sogar einen Rückgang des Wachstums in den letzten drei Monaten des Jahres. Selbst Mervyn King, Chef der Bank of England, äußerte zuletzt immer häufiger Zweifel, dass der britische Aufschwung noch zu retten sei.

Um die lahmende Wirtschaft anzukurbeln, kündigte die Bank of England im Oktober an, weitere 75 Milliarden Pfund (86,8 Milliarden Euro) frisches Geld in den Kreislauf zu pumpen. Mit einer Rekordarbeitslosigkeit von 2,57 Millionen waren seit 1994 nicht mehr so viele Briten ohne Job. King warnte, die Briten müssten derzeit die größten Einbußen beim Lebensstandard seit Jahrzehnten einbüßen.

„Die Realeinkommen sind in den vergangenen zwei Jahren stärker gefallen als jemals zuvor seit Menschengedenken.” Am härtesten trifft es junge Erwachsene. Die Arbeitslosigkeit bei 16- bis 24-Jährigen war noch nie so hoch in Großbritannien. Sozialwissenschaftler sprechen schon von einer „verlorenen Generation“.

Ökonomen waren vor einer Rezession

Und es könnte noch schlimmer kommen. Jonathan Loynes, Chefökonom des angesehene Londoner Thinktanks Capital Economics, warnt, durch die Eurokrise stehe Großbritannien im kommenden Jahr im besten Fall eine Stagnation bevor. „Die Gefahr einer technischen Rezession ist sehr hoch.“

Die Zeiten sind längst vorbei, in denen die Briten mit Schadenfreude auf die kriselnde Eurozone schauten . Auch wenn man auf der Insel immer noch mit Pfund bezahlt, ist die Abhängigkeit vom Euro-Raum groß. Fast 50 Prozent aller britischen Exporte gehen in die Eurozone. Wenn die Märkte in Europa stocken, macht sich das sofort in den Orderbüchern britischer Firmen bemerkbar.

Der Geschäftsklima-Index des britischen Industrieverbands CBI lag im Oktober auf dem niedrigsten Stand seit 2009. Damals steckte das Land mitten in der Rezession. Für das vierte Quartal sagt der CBI einen deutlichen Rückgang an Aufträgen voraus. Insgesamt 4000 Jobs könnten allein in den nächsten drei Monaten bei den Mitgliedskonzernen wegfallen, im vergangenen Quartal gab es dagegen noch 8000 Neueinstellungen.

David Cameron wird nervös

Kein Wunder also, dass Premierminister David Cameron nervös wird, wenn er über den Kanal schaut. Am vorvergangene Sonntag hielt er die Verhandlungen des Euro-Gipfels fast zwei Stunden auf, weil er sich mit Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy einen lautstarken Schlagabtausch lieferte .

„Wir sind es leid, dass Sie uns dauernd kritisieren und uns sagen was zu tun sei. Sie sagen, Sie hassen den Euro, Sie wollten nicht beitreten, und jetzt wollen Sie sich in unsere Treffen einmischen“, soll Sarkozy laut dem britischen „Guardian“ gewütet haben.

So blieb Camerons Bitte dann auch ungehört, als Nicht-Euro-Land in die Krisenverhandlungen mit eingebunden zu werden. Im Gegenteil: In Brüssel beschlossen die Euro-Länder vergangene Woche, künftig regelmäßig eigene Euro-Gipfel abzuhalten. Großbritannien muss draußen bleiben.

Die Machtlosigkeit der Briten in der Eurokrise ist ein großes Problem für Europas drittgrößte Volkswirtschaft. Doch macht es sich die britische Regierung zu leicht, wenn sie die Schuld an ihrer Misere auf den Euro schiebt.

Industrie wurde lange vernachlässigt

Das Wachstum geriet in Großbritannien ins Stocken, lange bevor die Situation in der Eurozone kritisch wurde. Seit zwei Jahren gehen die vergebenen Kredite an Unternehmen zurück. Großbritanniens Anteil am Welthandel ist heute kleiner als im Vorkrisenjahr 2007.

Die heutige britische Misere hat eine lange Vorgeschichte. In den vergangenen 30 Jahren haben britische Regierungen – egal ob unter Labour oder Tory-Führung – einen folgenschweren Fehler gemacht: Die verließen sich vollkommen auf das Wachstum der aufstrebenden Finanz- und Dienstleistungsbranche.

Die produzierende Industrie schien ein Relikt des vorherigen Jahrhunderts zu sein und wurde nicht mehr gefördert. Allein in den 13 Jahren unter Tony Blairs und Gordon Browns Labour-Regierung verschwanden mehr als eine Million Industriejobs. Als Labour 1997 an die Macht kam, erbrachte die Industrie noch 20 Prozent des BIP, heute sind es zehn Prozent.

Finanzindustrie war die Stütze der Wirtschaft

In den Boomzeiten war das kein Problem. Vor der Finanzkrise kam mehr als jedes vierte Pfund der britischen Steuereinnahmen von Banken, Hedgefonds und Private-Equity-Firmen. Diese Abhängigkeit rächt sich jetzt.

Cameron hat das Problem erkannt. Nach seiner Wahl im Mai 2010 versprach er, die Industrie künftig wieder stärker zu fördern. Ein Land zu reindustrialisieren kann jedoch Jahre, vielleicht Jahrzehnte, dauern. Der Begriff „German Mittelstand“ geistert seit Monaten durch Diskussionsrunden und über Zeitungsseiten.

Die Deutschen hätten es geschafft, ihre solide Industriebasis von kleinen und mittleren Firmen zu stärken und ständen jetzt soviel besser da als Großbritannien. Schatzkanzler George Osborne will Ende November ein neues Kreditprogramm für Firmen vorstellen. Unternehmensverbände hatten wiederholt geklagt, Banken würden noch immer zu wenige Kredite vergeben und so die Firmen am Wachstum hindern oder sogar in die Insolvenz zwingen.

Regierung spart drastisch

Die politische Opposition gibt der konservativ-liberalen Regierung die Schuld an der miesen Wirtschaftslage. Mit ihrem harten Sparprogramm habe sie das Wachstum ausgebremst. Vor einem Jahr hatte Schatzkanzler Osborne das härteste Sparpaket der Nachkriegsgeschichte vorgestellt.

Umgerechnet 91 Milliarden Euro will er bis zum Ende der Legislaturperiode 2015 einsparen. Ed Balls, finanzpolitischer Sprecher der Labour Partei, hält das für einen schweren Fehler. Gebetsmühleartig fordert er seit Monaten fast täglich einen „Plan B“ von Osborne.

Schatzkanzler und auch Premierminister Cameron blieben bislang streng bei ihrer Linie, eine Abkehr vom Sparkurs käme überhaupt nicht infrage. Am 29. November muss Osborne seinen vorübergehenden Haushaltsplan für das kommende Jahr vorstellen. Es wird eine Gradwanderung für ihn, an seinem Sparprogramm festzuhalten, ohne dass die Wirtschaft noch mehr leidet.