Arbeitsmarkt

Das deutsche Jobwunder gerät in Gefahr

Die deutsche Wirtschaft muss eine neue Rezession fürchten. Dieses Mal allerdings ist der Arbeitsmarkt nicht so gut gewappnet wie vor drei Jahren.

Keinen einzigen Mitarbeiter musste die Netzsch-Gruppe während der großen Krise entlassen – obwohl der Hersteller von Anlagen und Pumpen aus Oberfranken einen Geschäftseinbruch von zehn Prozent erlitten hatte. „Das haben wir der hohen zeitlichen Flexibilität der Belegschaft zu verdanken“, sagt Geschäftsführer Hanns-Peter Ohl. In der Krise durften die Arbeitszeitkonten zwischen plus und minus 250 Stunden im Jahr schwanken. Zudem nutzte Ohl das Krisenkurzarbeiterprogramm der Bundesregierung für die 420 Leute in seiner Pumpenfabrik.

Solche Maßnahmen haben dazu beigetragen, dass der deutsche Arbeitsmarkt die Rezession von 2008/09 fast unbeschadet überstanden hat. Forscher hatten prognostiziert, die Arbeitslosenzahl werde die Fünf-Millionen-Schwelle erreichen. Tatsächlich stieg sie nur von knapp drei auf gut 3,6 Millionen. Am Mittwoch wird die Bundesagentur für Arbeit (BA) die Statistiken für Oktober bekannt geben; es wird damit gerechnet, dass die BA eine Arbeitslosenzahl von weniger als 2,8 Millionen meldet.

Doch die Aussichten haben sich wegen der Euro-Krise eingetrübt. Zwar glaubt derzeit noch keiner an eine Neuauflage einer großen Krise – die jüngste Prognose der Bundesregierung für 2012 zum Beispiel liegt bei einem Wachstum von einem Prozent. 2009, zum Vergleich, war die Wirtschaftsleistung um fünf Prozent geschrumpft.

Keine Mittel für Konjunkturprogramme

Fest steht aber auch, dass der Arbeitsmarkt schlechter für eine Rezession gewappnet ist als damals. Denn die Ausgangsbedingungen haben sich geändert: Dass der klamme Staat erneut Milliarden für Kurzarbeit und Konjunkturprogramme bereitstellt, ist unwahrscheinlich; die Arbeitszeitkonten sind noch nicht wieder voll, und die Unternehmen sind schlechter mit Eigenkapital ausgestattet. „Die Beschäftigung wäre bei uns während einer neuen Krise nicht so abgesichert wie beim letzten Mal“, sagt Ohl.

Das glauben auch Ökonomen: „Bei einer erneut schweren Rezession würde der Arbeitsmarkt stärker reagieren als in der letzten Krise“, sagt Joachim Scheide, Konjunkturexperte beim Institut für Weltwirtschaft in Kiel (IfW). Scheides IfW-Kollege Dominik Groll hat für die „Morgenpost Online“ nachgerechnet. Demnach ist, wenn man das Herbstgutachten der führenden Wirtschaftsforschungsinstitute zugrunde legt, 2012 nur noch ein verhaltener Beschäftigungsaufbau zu erwarten. Bei einer Rezession im Winterhalbjahr und nur geringfügigem Wachstum im Gesamtjahr 2012 würden sogar netto kaum noch Jobs entstehen .

Manche Bedingungen, die 2009 geholfen haben, gelten zwar nach wie vor: Die Hartz-Reformen hätten massiv zum „deutschen Jobwunder“ beigetragen, sagt Groll. Und die Möglichkeit, Zeitarbeit zu nutzen, habe zusätzliche Flexibilität geschaffen. Die Reformen haben Arbeit auch billiger gemacht: Arbeitslose akzeptieren aus der Angst, in Hartz IV abzurutschen, schneller Jobs mit niedrigerer Bezahlung. Gleichzeitig haben die Gewerkschaften in den Jahren vor der Krise große Lohnzurückhaltung geübt. Beides, so Groll, habe es den Unternehmen ermöglicht, ein finanzielles Polster anzulegen und so mehr Beschäftigte trotz geringer Auslastung zu halten.

Kapitaldecke ist zu knapp

Dieses Eigenkapitalpolster sei aber noch nicht wieder auf dem Vorkrisenniveau, beteuern die Arbeitgeber in der Metall- und Elektroindustrie. Komme eine neue Krise in der Realwirtschaft an, so Martin Kannegiesser, Präsident des Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall, gegenüber der „Morgenpost Online“, müssten die Unternehmen „auf die durch Auftragsmangel und Unterbeschäftigung auf sie zurollende Kostenlawine äußerst rasch reagieren“.

Dies, so Kannegiesser, heiße „Stellenabbau“ – wobei aufgrund von Fachkräftemangel und demografischen Problemen jeder Betrieb versuchen müsse, kein Know-how zu verlieren. Der Wunsch, die Fachkräfte auch in schlechten Zeiten zu halten, ist wohl genauso stark wie vor drei Jahren, aber das teure Vorhaben wäre vermutlich schwieriger durchzuhalten.

Dazu kommt, dass die Arbeitszeitkonten noch nicht überall wieder so prall gefüllt sind wie nach den zwei Boomjahren vor 2009. Die Netzsch-Gruppe konnte damals ein ganzes halbes Jahr einfach nur die Konten leer laufen lassen, ohne sich von Mitarbeitern trennen zu müssen. Laut dem Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) reduzierten sich in den Krisenjahren 2008 und 2009 die Guthaben auf den Arbeitszeitkonten im Mittel insgesamt um gut zehn Stunden. 2010 und 2011 haben sich die Guthaben zusammengerechnet dann wieder um 7,5 Stunden erhöht.

In einer Krise drohen dieses Mal Entlassungen

Die Kurzarbeit machte laut IAB rund ein Drittel der Arbeitszeitreduzierung in der Krise aus. Zwei Drittel entfielen auf den Abbau von Überstunden, die Reduzierung des Guthabens auf den Arbeitszeitkonten und eine Verkürzungen der Wochenarbeitszeit. Geschäftsführer Hanns-Peter Ohl sorgt sich nun, dass der Tarifpartner die Flexibilität wieder einschränken könnte: „Das würde es uns schwerer machen, die Leute im Krisenfall zu halten“, sagt er.

In der vorigen Krise war der Schulterschluss zwischen IG Metall und Arbeitgebern enorm wichtig. 2009 gipfelte die Kooperation in einer Tarifrunde ohne Geldforderung, die zudem neue Abweichungen bei der Arbeitszeit ermöglichte. Im Gegenzug gab es eine Beschäftigungssicherung. Anzeichen für einen Kurswechsel gibt es noch nicht: Gerade erst wurde IG-Metall-Chef Berthold Huber, der für die konsensorientierte Krisenbewältigung steht, mit großer Mehrheit in seinem Amt bestätigt.

Schon jetzt einig sind sich die Tarifpartner darin, im Krisenfall neue Staatshilfe zu fordern . „Es ist unerlässlich, dass die Politik jetzt alle Möglichkeiten schafft, um die Instrumente aus der letzten Krise jederzeit und unverzüglich wieder zu aktivieren. Dies gilt in erster Linie für die erweiterten Kurzarbeitregelungen“, sagt Gesamtmetall-Chef Kannegiesser. Auch die IG Metall verlangt dies. Angesichts der europäischen Schuldenkrise ist es allerdings unwahrscheinlich, dass der Staat die Auswirkungen einer erneuten Rezession wieder großzügig abfedern wird. Experte Scheide hält dies auch angesichts der geringen Rolle, die das Instrument bei der Beschäftigungssicherung gespielt habe, für falsch.

Ökonomen für Konjunkturprogramme

Andere Ökonomen sehen das allerdings anders. So hält Marcus Kappler, Konjunkturexperte vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW), die Kurzarbeit in einer neuen schweren Krise für ein wichtiges Instrument, das Firmen Planungssicherheit gebe und auch psychologisch wirke. Neue Konjunkturprogramme dürften ebenfalls „kein Tabu sein“. Ähnlich denkt IAB-Chef Joachim Möller: „Bei einer neuen Rezession sollten wir mit der Krisen-Kurzarbeit gegensteuern“ – allein schon, damit sich keine Unsicherheit verbreite. Das Konsolidierungsziel müsse dann zeitweilig in den Hintergrund treten. „Deutschland muss auch seine Rolle als Wachstumslokomotive in Europa wahrnehmen“, so Möller.

Auch erste Politiker stimmen mit ein. So fordert Karl-Josef Laumann (CDU), der Vorsitzende der Christlich-Demokratischen Arbeitnehmerschaft, dass der Beitragssatz zur Arbeitslosenversicherung jetzt erhöht wird, damit die Bundesagentur für Arbeit eine Reserve aufbauen kann, um wieder Kurzarbeit finanzieren zu können. Geschehe dies nicht rechtzeitig, müsse der Staat der BA ein zinsloses Darlehen gewähren. Auch Peter Weiß, Chef der Arbeitnehmergruppe der Union, plädiert dafür: „Die Kurzarbeit war ein Erfolgsrezept.“ Weiß sieht auch finanzielle Spielräume für Konjunkturprogramme: „Wir senken unsere Neuverschuldung schließlich schneller, als es die Schuldenbremse vorsieht.“

Netzsch-Geschäftsführer Hanns-Peter Ohl fürchtet zwar auch das Ausbleiben staatlicher Hilfe. Aber er ist auch optimistisch: Gewerkschaften, Arbeitgeber und Politik seien zumindest „mental“ gut vorbereitet: „Wir haben ja alle gelernt aus den letzten Jahren“, so Ohl. „Wer hätte es vorher für möglich gehalten, dass wir solche Auftragseinbrüche überhaupt abfedern können?“