Nachwuchsmangel

Berliner Unternehmen müssen um Azubis buhlen

Trotz des wirtschaftlichen Aufschwungs sieht es für viele Handwerksfirmen schlecht aus. Ihnen fehlen qualifizierte Nachwuchskräfte. Allein in Berlin sind für das neue Ausbildungsjahr noch fast 5000 Lehrstellen offen.

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Das Handwerk in Berlin und Brandenburg sieht sich im Aufwind. Der Mehrheit der Betriebe geht es derzeit besser als 2010, und für das zweite Halbjahr erwarten sie weitere Verbesserungen bei Umsatz und Aufträgen.

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Eine einzige Bewerbung hat Stephen Laschinsky geschrieben, um eine Ausbildungsstelle zu bekommen. „Mehr war nicht notwendig“, sagt der Auszubildende der Tiefbaufirma Frisch & Faust. Dabei war der 21 Jahre alte Berliner keine Leuchte in der Schule, die beste Note in seinem Zeugnis zum mittleren Schulabschluss ist ein „befriedigend“. Vor noch zehn Jahren hätte Stephen Laschinsky über zehn Bewerbungen verschicken müssen, um eine Lehrstelle zu finden.

Die Zeiten der Bestenauslese von Unternehmen sind jedoch vorbei. Der Fachkräftemangel ereilt Handwerk und Industrie schneller als bisher angenommen. Bei der Handwerkskammer Berlin sind derzeit 347 offene Ausbildungsstellen eingetragen. „Wir würden die Stellen sofort besetzen, wenn es geeignete Bewerber gäbe“, sagt Jürgen Wittke, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Berlin. Doch Bewerbungen von guten Schülern landeten immer seltener bei handwerklichen Unternehmen. Stattdessen nehmen die Betriebe nun selbst Bewerber in Augenschein, die wegen schwacher Noten eigentlich nicht für die Ausbildung geeignet sind – die Not sei sehr groß, meint Wittke.

„Setzt sich der Trend in den nächsten Jahren fort, sind vor allem kleine handwerkliche Betriebe bedroht“, sagt Katharina Schumann, Leiterin der Bildungsberatung bei der HWK Berlin. Etwa wenn kein Nachfolger da ist, der das Unternehmen übernehmen kann. Auch die Kunden würden dann den Fachkräftemangel spüren: „Die Unternehmen werden den Aufträgen kaum nachkommen können, und ihre Kunden müssen lange Wartezeiten in Kauf nehmen.“

Besonders Gebäude- und Textilreinigung und der Fachverkauf klagten über ausbleibende Bewerbungen. „Aber auch in den beliebten und bislang gefragten Ausbildungen zum Elektroniker oder Mechatroniker geht die Nachfrage zurück“, sagt Katharina Schumann.

Der Lehrling Stephen Laschinsky konnte in seinem Zeugnis bei der Tiefbaufirma Frisch & Faust trotzdem punkten. Auf dem Dokument waren keine Fehlzeiten eingetragen. „Immerhin“, sagt der für die Auszubildenden zuständige Prokurist Dieter Mießen vom Tiefbauunternehmen mit Sitz im Berliner Bezirk Pankow. In den Zeugnissen, die bei Mießen derzeit auf dem Schreibtisch landen, sind Fehltage im zweistelligen Bereich fast schon die Regel.

Noten sind nicht mehr entscheidend

Die meisten Bewerber hätten zudem in mindestens zwei Hauptfächern die Note „Fünf“. Vor einigen Jahren sei das noch anders gewesen. „Da gab es noch viel mehr Bewerber, und wir konnten uns die Guten herauspicken.“ Viele, die sich für eine Ausbildung bewerben, seien nicht ausreichend qualifiziert. Es fehle den Jugendlichen Disziplin, sie bekämen im Elternhaus nicht mehr beigebracht, wie wichtig eine gute Schul- und Ausbildung für ihre Zukunft sei, meint Mießen. Die jungen Menschen gingen im Bildungssystem unter, das sei bereits in der Schule so. Die Unternehmen müssten die Defizite dann auffangen. Wer bei Frisch & Faust eine handwerkliche Ausbildung beginnt, verpflichtet sich, ausbildungsbegleitende Hilfen der Arbeitsagentur in Anspruch zu nehmen, sobald die Leistungen in der Berufsschule nachlassen. Die Firma selbst bietet schwachen Azubis Nachhilfe an. „Wir beobachten jeden der 22 Lehrlinge sehr genau.“

Um ihren Nachwuchs zu sichern, müsse das handwerkliche Unternehmen bei der Auswahl der Bewerber umdenken. Nicht nur Noten zählen, sondern Motivation und handwerkliches Geschick. „Das kann man natürlich nicht aus einem Zeugnis herauslesen“, sagt Dieter Mießen. Deshalb würden die Interessenten zu Praktika eingeladen, müssten ihre Fähigkeiten auf der Baustelle des Tiefbauunternehmens beweisen. Um geeignete Kandidaten zu finden, hat Frisch & Faust über die HWK Berlin fünf Kooperationen mit Berliner Schulen und – um den Anteil der Lehrlinge mit Migrationshintergrund zu vergrößern – mit diversen Integrationsprojekten aufgebaut. „Ich biete dort beispielsweise kostenfreie Kurse zur Bewerbungshilfe an“, sagt Dieter Mießen. Dabei könne er auf Stellen in seinem Unternehmen aufmerksam machen und Schüler zu Praktika einladen.

Dem Handwerk geht der Nachwuchs aus

Drei mal 20 Meter ist das Loch, in dem Stephen Laschinsky heute steht. Es regnet leicht, aber das stört den Lehrling nicht. Die Trinkwasserzuleitung einer Schule in der Franz-Jacob-Straße in Pankow leckt, Wasser sprudelt an die Oberfläche. Laschinsky und seine Kollegen sollen das Problem finden und beheben. Drei Stunden mussten sie suchen, bis sie das Loch fanden. Nun wird das Ersatzteil eingebaut. Stolz schwingt in Laschinskys Stimme mit, als er berichtet, dass sie das Problem an nur einem Arbeitstag beheben konnten. Der blonde junge Mann mag seinen Job, der ist „abwechslungsreich und eine Herausforderung“. Auch wenn er nach Abschluss seiner Lehre woanders eine Stelle finden könnte, er bleibt bei Frisch & Faust. Hier will er Karriere machen. Er fühlt sich wohl im Unternehmen, Winterarbeitslosigkeit, wie sie im Baugewerbe üblich ist, gibt es in der Firma nicht. Und so soll es sein. Frisch & Faust übernimmt alle seine Auszubildenden. „Die sind der Firma viel verbundener als ein Externer“, meint Dieter Mießen. „Nur mit ihnen können wir unser geplantes Wachstum realisieren.“ Deshalb engagiere sich das Unternehmen so dabei, auch schwächere Schüler erfolgreich auszubilden.

In Zukunft würden nur Unternehmen überleben, die ihre Ausbildungsstellen aktiv bewerben, ist Katharina Schumann von der HWK Berlin überzeugt. Frisch & Faust sei wegen seines vorbildhaften Einsatzes zum Ausbildungsbetrieb 2011 gekürt worden.

Margit Koop-Hauptmann, Regionaldirektorin der Arbeitsagentur in Berlin-Brandenburg, warnt die Unternehmen davor, Stellen unbesetzt zu lassen. „Lieber versteckte Talente fördern und schwächeren Jugendlichen eine Chance geben.“ Die am Donnerstag offiziell vorgelegten Zahlen der Berliner Arbeitsagenturen belegen jedoch, dass die Unternehmen damit noch zaghaft sind. Etwa 5000 betriebliche Ausbildungsstellen waren Ende Juli noch unbesetzt – etwa 1000 mehr als vor einem Jahr. In der Lehrstellenbörse der Industrie- und Handelskammer sind derzeit 1237 Lehrplätze gemeldet. „Wir gehen davon aus, dass in Berlin bis Ende des Jahres bis zu 1500 Ausbildungsplätze unbesetzt bleiben werden“, sagt IHK-Sprecher Gerd Woweries. In Berlin gebe es Betriebe, denen trotz ausgeschriebener Lehrstellen noch keine einzige Bewerbung vorliege. Daran sei der demografische Wandel schuld, die Schülerzahlen sinken.

Beim Spandauer Busunternehmen Haru Reisen sind in diesem Jahr fünf Bewerbungen eingegangen. „Vor fünf Jahren waren es noch 40“, sagt Geschäftsführer Karsten Schulze. Im Familienunternehmen mache man sich deshalb bereits Gedanken darüber, wie man die gleiche Arbeit mit weniger Mitarbeitern leisten könne. „Da schließen wir nicht aus, Auszubildendenstellen in volle Stellen umzuwandeln.“ Der Anspruch an die Bewerber sei deutlich gesunken. „Den Einstellungstest mit Diktat und kleinen Rechenaufgaben haben wir abgeschafft, da keiner mehr bestand“, sagt Karsten Schulze. Die Jugendlichen bekämen in der Schule keine ausreichende Basis vermittelt, um ausbildungsfähig zu sein.

In Brandenburg ist der Fachkräftemangel noch gravierender als in Berlin. Potsdam meldet derzeit rund 700 offene Stellen. Daran hat auch die EU-weite Öffnung des Arbeitsmarkts nichts verändert. „Wir merken nichts davon“, erklärte Wolfgang Zithier, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Frankfurt/Oder. „Der gute Facharbeiter oder Azubi findet auch in Polen Arbeit. Dafür muss er nicht nach Deutschland kommen.“

Bei seiner Handwerkskammer – aufgrund der Grenznähe eigentlich in einer guten Situation – haben sich seit dem 1. Mai nur 90 Jugendliche gemeldet, die Interesse an einer deutschen Handwerker-Ausbildung hatten. „Unterm Strich konnten wir lediglich sieben einen Ausbildungsvertrag besorgen.“ Das Problem sei, dass die polnischen Jugendlichen praktisch keine Deutschkenntnisse besitzen – und ohne gehe es leider nicht.