Ausbildungsplätze

Berlin bekommt 1100 zusätzliche Lehrstellen

Im kommenden Jahr strebt ein doppelter Abiturjahrgang auf den Markt. Um für den Ansturm gewappnet zu sein, stocken Wirtschaft und Verwaltung die Azubi-Plätze auf, die auch dauerhaft erhalten bleiben sollen.

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Die Berliner Wirtschaft und das Land wollen im kommenden Jahr 1100 zusätzliche Ausbildungsplätze schaffen. Das heben die Industrie- und Handelskammer und der Verband der Freien Berufe am Donnerstag mit dem Senat verabredet. Die Stellen werden gebraucht, weil 2012 zwei Abiturjahrgänge die Schulen verlassen.

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Claudia Frank ist im Hauptberuf Rechtsanwältin und im Ehrenamt Präsidentin des Verbandes Freier Berufe in Berlin. „100 Ausbildungsplätze mehr? Das ist für uns überhaupt kein Problem.“ In Franks Verband sind Freiberufler wie Anwälte, Ärzte, Apotheker und Architekten in Kammern vereinigt. Mehr ausbilden, sagt Frank, würden die meisten gern. Das Problem sei, überhaupt Lehrlinge zu finden. „Seit Jahren lassen sich mehr Anwälte in Berlin nieder. Die Zahl der Anwaltsgehilfen bleibt jedoch konstant“, sagt Frank. Nächstes Jahr, wenn der doppelte Abiturjahrgang Berlins Oberschulen verlässt, soll es ein wenig besser sein.

Das hoffen sie alle in der Stadt, Freiberufler, Unternehmer und Landesbehörden. Wenn 2012 rund 6000 Abiturienten mehr als in diesem Jahr auf den Ausbildungsmarkt kommen, will man gewappnet sein. Das Land Berlin und die Wirtschaft der Stadt wollen daher 1100 zusätzliche Lehrstellen schaffen: 600 muss die Wirtschaft beisteuern, 500 die Verwaltung. Eine entsprechende Vereinbarung unterzeichneten am Donnerstag der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD), sein parteiloser Finanzsenator Ulrich Nussbaum, IHK-Präsident Eric Schweitzer und Freiberuf-Präsidentin Franke.

Kampf um junge Leute

„Unsere Erwartung an die Wirtschaft ist aber auch, dass diese zusätzlichen Plätze dauerhaft erhalten bleiben“, sagte Wowereit. Dies wurde in der Vereinbarung festgeschrieben. Berlin will zudem von Strukturen Abschied nehmen, die sich in vergangenen Jahren parallel zur beruflichen Ausbildung in Betrieben gebildet haben. Da die Wirtschaft noch vor einigen Jahren gar nicht die Kraft hatte, alle Schulabgänger der Hauptstadt zu versorgen, wurden staatliche Förderprogramme aufgelegt. Jugendliche wurden zur Überbrückung in Oberstufenzentren geschickt und drehten dort eine schulische Zusatzrunde. Oder sie machten eine öffentlich geförderte Ausbildung. An deren Ende steht zwar auch ein Berufsabschluss. Jedoch wird eine derartige Ausbildung in der freien Wirtschaft oft kaum anerkannt. Solche Programme, oft gefördert mit Mitteln der Bundesagentur für Arbeit (BA), sind nun eine ungeliebte Konkurrenz im Kampf um junge Leute. Handwerkskammer und IHK bemängelten schon länger die Förderstrukturen.

Wowereit setzte eine Kürzung der schulischen Übergangsmaßnahmen gegen den Willen der Sozialverwaltung durch und nahm das in die Vereinbarung auf. Demnach will man die öffentlich geförderte Ausbildung von Bildungsträgern kappen.

IHK auf Werbetour

Rund 17.000 Abiturienten haben gerade ihr letztes Schuljahr begonnen. Kommendes Jahr werden rund 6000 mehr Abgänger als 2011 erwartet. Nach Erfahrung der IHK nimmt knapp jeder Fünfte Schulabgänger mit Hochschulreife eine Lehre in Angriff. Deswegen sollen nun 1100 zusätzliche Stellen geschaffen werden. IHK-Präsident Schweitzer nannte die Vereinbarung einen „wirklichen Quantensprung“. „Die Unternehmen werden gezielt an Gymnasien für die Berufsausbildung werben“, sagte Schweitzer. Ein großer Andrang wird dann vor allem bei beliebten Berufen wie Mediengestalter und Kfz-Mechatroniker erwartet.

Die IHK-Verwaltung will nun auf Werbetour gehen und Mitgliedsunternehmen zu mehr Lehrstellen verpflichten. Man werde die Entwicklung genau registrieren und dafür Sorge tragen, dass genügend Plätze zusammen kämen. 500 Lehrstellen müssen aus IHK-Betrieben kommen, 100 von den freien Berufen. Die Berliner Verwaltung steuert für 2012 weitere 500 Ausbildungsplätze bei. „Und 2013 werden es dann noch einmal 500 sein“, sagte Finanzsenator Nussbaum. Die Stellen sollen direkt in den Verwaltungen entstehen. Landeseigene Betriebe wie die BVG werden nicht dazugezählt.

Abgesehen vom einmaligen Ereignis 2012: In Berlin verlassen von Jahr zu Jahr weniger Schüler die Bildungsstätten. Im Jahr 2000 verließen noch rund 40.000 Jugendliche die Schulen der Stadt. In diesem Jahr sind es weniger als 30.000. Dementsprechend geringer wird die Auswahl für die Unternehmen. Da die Berliner Wirtschaft sich aber in den vergangenen Jahren berappelt hat, benötigt sie tendenziell mehr Azubis. Die meisten Experten gehen davon aus, dass der Wettbewerb um Schüler in den nächsten Jahren noch härter werden wird – bis hin zu höheren Ausbildungsentgelten.

Unterzeichnet wurde die Vereinbarung in den Räumen der Firma von Tomislav Bucec. Sein Druckunternehmen Laserline beschäftigt derzeit 30 Lehrlinge. Im kommenden Jahr will er sechs junge Leute zusätzlich einstellen.