Lehrbetriebe

Auszubildende fühlen sich immer mehr ausgenutzt

Lehrlinge werden inzwischen umworben, aber nicht immer ist die Qualität der Ausbildung optimal. In bestimmten Branchen klagen die Azubis darüber, dass sie vor allem eines lernen: Wie man perfekt ausgenutzt wird.

Deutschlands Schulabgänger sind in einer recht komfortablen Lage: Weil die Zahl derer sinkt, die eine Ausbildung anfangen können, sind sie inzwischen umworben. Und mancher sucht sich die Lehrstelle nicht nur nach Vergütung und späteren Berufschancen aus, sondern auch nach ihrer Qualität. Und da hapert es in manchen Branchen, wie eine Untersuchung des Deutschen Gewerkschaftsbundes DGB ergab.

Lehrlinge in Hotels und Restaurants, bei Bäckern und Fleischer und in Malerbetrieben und Friseursalons klagen danach oft über Mängel bei der Ausbildung und fühlen sich häufiger als andere Lehrlinge ausgenutzt. Industriemechaniker, Bankkaufleute und Mechatroniker werden hingegen nach Einschätzung der Lehrlinge überdurchschnittlich gut ausgebildet. Der DGB befragte dazu mehr als 7300 Auszubildende aus den 25 häufigsten Ausbildungsberufen.

Insgesamt lobt die große Mehrheit der jungen Leute: 70 Prozent gaben an, die fachliche Qualität ihrer Ausbildung sei gut oder sogar sehr gut. Besonders Auszubildende in Industriemechanik loben die Bedingungen. Bereits in der Umfrage des vergangenen Jahres hatte dieser Ausbildungsgang den Spitzenplatz belegt. Auch in diesem Jahr lag die Industriemechanik in fast allen Bereichen ganz vorn, einzig bei der Bezahlung belegte der Beruf den dritten Platz.

Allerdings hat die durchschnittliche Qualität der Ausbildung seit vergangenem Jahr offenbar nachgelassen; damals waren noch 75 Prozent der Azubis zufrieden. Derzeit klagen elf Prozent über Ausbildungsmängel; im Hotel- und Gaststättenbereich etwa über harte Arbeit, viele Überstunden und einen oft rauen Umgangston. So müssen mehr als zwei Drittel der befragten angehenden Kellner, Köche und Hotelfachleute regelmäßig Überstunden schieben. Bei den Industriemechanikern sind es hingegen nur 22,3 Prozent. Häufiger als in anderen Branchen fühlen sich die Auszubildenden in Hotels und Gaststätten deshalb ausgenutzt.

"In manchen Branchen muss man eher von Ausbeutung denn von Ausbildung sprechen", sagt Ingrid Sehrbrock, stellvertretende Vorsitzende des DGB. Besonders unzufrieden sind auch Auszubildende, die Maler und Lackierer, Fachverkäufer in Metzgereien und Bäckereien oder Friseur werden wollen.

Häufig nutzen Chefs etwa die Auszubildenden aus, indem sie die jungen Leute Überstunden schieben lassen, sie dafür aber nicht entschädigen. Die Arbeitgeber sind zwar gesetzlich verpflichtet, Überstunden besonders zu bezahlen oder durch Freizeit auszugleichen, tatsächlich bekommen Azubis aber häufig weder das eine noch das andere: Jeder fünfte der befragten Lehrlinge erhielt keinen Ausgleich.

Größere Unternehmen wie Siemens schneiden dabei besser ab als kleine. Während in kleineren Firmen mit bis zu 20 Beschäftigten beinahe die Hälfte der Auszubildenden regelmäßig Überstunden machen; muss nur ein Drittel der Azubis in Großbetrieben mit mehr als 500 Mitarbeitern regelmäßig länger arbeiten als vorgesehen. Grundsätzlich ist dort auch die Qualität der Ausbildung besser; große Unternehmen können es sich leisten ihre Auszubildenden strukturiert anzulernen. Bei kleinen Betrieben mit wenig Personal hingegen hängt es häufig von der Auftragslage und nicht so sehr vom Ausbildungsplan ab, wie stark die Auszubildenden eingebunden werden.

Mit ganz anderen Problemen kämpfen die Jugendlichen, die gar keinen Ausbildungsplatz bekommen. Im August zählte die Bundesagentur für Arbeit 418 000 Lehrstellen und 535 000 junge Schulabgänger, die auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz waren. Es fehlten also 117 000 Lehrstellen. Die Gewerkschaften gehen sogar davon aus, dass die Lücke noch größer ist, als es die offiziellen Statistiken verzeichnen. Denn rund 64 000 weitere junge Menschen, rechnet DGB-Funktionärin Sehrbrock vor, befänden sich nach ihrer Schulausbildung in Maßnahmen, in denen sie zwischengeparkt und weitergebildet werden. "Diese 64 000 gelten als versorgt", sagt Sehrbrock. Tatsächlich suchten sie aber weiter nach einer Lehrstelle.

Bei vielen Lehrlingen hält die Unsicherheit auch während der Ausbildung an, weil viele auch in den letzten Ausbildungsmonaten nicht sicher sein können, ob sie nach ihrer Ausbildungszeit übernommen werden. In einer gesonderten Umfrage wollte der DGB von 2000 Auszubildenden im letzten Lehrjahr wissen, wie es nach ihrer Ausbildung weitergehen würde. Nur ein gutes Drittel der Befragten hatte zu dem Zeitpunkt bereits eine Übernahmezusage und davon wiederum sollten nur knapp 40 Prozent unbefristet übernommen werden.

* Wettbewerb IHK und Handwerkskammer Berlin suchen den besten Ausbildungsbetrieb der Stadt. Vorschläge sind bis zum 17. September 2010 möglich. Unternehmen können sich auch selbst bewerben. Eine Jury von IHK und Handwerkskammer wird die Sieger ermitteln. Die Preise werden am 1. Oktober im Rahmen der Ausbildungsmesse "Tage der Berufsausbildung" am ehemaligen Flughafen Tempelhof vergeben.

Anmeldung Hier steht das Formular: www.morgenpost.de/ausbildung