Altersarmut

Berliner kümmern sich nicht um ihr Alter

Berliner leben in der Gegenwart. Die Berliner Sparkasse stellte jetzt das Ergebnis einer Umfrage vor, der zufolge mehr als ein Drittel der Einwohner Berlins nichts für den Lebensabend zurücklegt. Und: Westberliner sparen noch weniger als Ostberliner.

Viele Hauptstadtbewohner müssen sich im Alter auf ein karges Leben einstellen. Laut einer Umfrage im Auftrag der Berliner Sparkasse, die der Morgenpost Online exklusiv vorliegt, spart mehr als jeder Dritte (38 Prozent) nichts für den Lebensabend. Im Westteil der Stadt ist der Anteil mit 41 Prozent deutlich höher als im Osten (33 Prozent). Nicht einmal jeder dritte Bewohner der Hauptstadt (29 Prozent) legt mehr als 100 Euro pro Monat beiseite.

"Die Unsicherheit, ausgelöst durch die Finanzkrise, scheint in der Bevölkerung nach wie vor sehr groß zu sein", sagt Manfred Wiesinger, Direktor der Berliner Sparkasse, Morgenpost Online. Zudem könnten sich viele in der Stadt eigene Vorsorge nicht leisten. "Aber ohne private Vorsorge wird die gesetzliche Rente allerdings bei vielen zwangsläufig zur Altersarmut führen", warnt Wiesinger.

Berlin ist deutschlandweit Spitzenreiter bei der Arbeitslosigkeit. Nirgendwo gibt es so viele Empfänger öffentlicher Sozialtransfers. Fast jeder fünfte Bewohner der Hauptstadt bezieht Arbeitslosengeld II, im Volksmund Hartz IV genannt. Laut einer Studie der Bertelsmann-Stiftung ist in keinem anderen Bundesland das Armutsrisiko höher. Und wer im Erwerbsalter nicht viel verdient, kann nur wenig oder gar nicht privat vorsorgen.

Und auch die Ansprüche an die gesetzliche Rente sind - ebenfalls Folge von niedrigen Gehältern und hoher Arbeitslosigkeit - bei vielen nicht sonderlich hoch. Schon heute ist das Rentenniveau in der Hauptstadt geringer als im Rest Deutschlands. 984 Euro pro Monat bezieht laut dem Vorsorgeatlas der Union Investment ein durchschnittlicher deutscher Rentner. Im Westteil Berlins sind es dagegen nur 923 Euro, im Osten sogar nur 895 Euro monatlich.

Finanzkrise hat Unsicherheit ausgelöst

Die Berliner Sparkasse lässt seit 2008 jährlich zum Thema Altersvorsorge befragen. Interessant dabei ist: Die Zahl derjenigen, die gar nichts zurücklegen, hat von Jahr zu Jahr zugenommen. Betrug der Anteil der "Nichtsparer" 2008 noch 29 Prozent, so waren es 2009 bereits 35 Prozent und in diesem Jahr 38 Prozent. Wiesinger führt das darauf zurück, dass die Umfrage just im Finanzkrisenjahr 2008 begann. "Die Unsicherheit, ausgelöst durch die Finanzkrise, scheint in der Bevölkerung nach wie vor sehr groß zu sein", sagt er.

Hinzu kommt aber noch ein weiterer Punkt: das Verdrängen möglicher finanzieller Not im Alter. "Viele setzen sich mit der Vorsorgelücke nur ungern auseinander. Gerade junge Leute wollen jetzt das Leben genießen und blenden die Altersvorsorge aus", meint Wiesinger. 42 Prozent der Befragen, die jünger als 30 Jahre sind, gaben an, gar nichts für den Lebensabend zu sparen. Allerdings ist in der Altersgruppe der über 50-Jährigen der Anteil genauso hoch. Nur 29 Prozent der Berliner legen mehr als 100 Euro im Monat beiseite.

Am weitesten verbreitet ist bei den "Vorsorgern" laut der Umfrage die Lebensversicherung. 38 Prozent der Berliner haben einen Vertrag abgeschlossen. 34 Prozent sparen individuell, verfügen also beispielsweise über Immobilien, Sparverträge oder ähnliches. Nur jeder vierte hat eine Riester-Rente abgeschlossen, bundesweit sind es mehr als 40 Prozent. Warum dies so ist, darüber kann auch Manfred Wiesinger von der Sparkasse nur spekulieren. Viele ältere Berliner hätten bei Einführung der Riester-Rente 2002 in anderer Form für das Alter vorgesorgt.

Die hälfte fühlt sich gut versorgt

Immerhin empfindet fast die Hälfte der Befragten, ausreichend vorgesorgt zu haben. 21 Prozent antworteten auf die entsprechende Frage mit "gar nicht ausreichend", 15 Prozent mit "eher nicht ausreichend". Fast jeder Dritte will mehr für die Altersvorsorge tun, wenn die angebotenen Produkte der Banken, Sparkassen und Versicherungen transparenter werden. "Vor allem die Vielzahl von Angeboten überfordert viele Verbraucher", räumt Sparkassenmann Wiesinger ein. Da müsse man mehr bei Beratung und Aufklärung tun.

Altersarmut in großem Stil lässt sich Wiesinger zufolge für Berlin nur dann verhindern, wenn noch intensiver über die Notwendigkeit privater Vorsorge aufgeklärt würde - also etwas, was die Sparkasse durchaus selber beeinflussen kann. Eine weitere Voraussetzung kann das Institut jedoch nicht schaffen: wirtschaftliche Dynamik in der Stadt, die zu mehr Beschäftigung führt.

In Westdeutschland hatten zuletzt 13 Prozent aller Männer im entsprechenden Alter eine Rente unter dem Sozialhilfeniveau, im Osten waren es 22 Prozent. Bei ledigen Frauen im Westen liegt die Quote bei 23 Prozent, im Osten bei 17 Prozent. Bundesweit bekommen Besserverdiener im Jahr 2030 75,8 Prozent vom früheren Nettoeinkommen ausgezahlt, Geringverdiener dagegen nur 68,6 Prozent.