Weltverbesserer

Ehemalige "Heuschrecke" strebt nach sozialem Frieden

Luciano Balbo verdiente mit Italiens erstem Risikokapitalfonds Millionen. Heute hilft er mit sozialen Projekten der gebeutelten Mittelschicht, aus der Krise zu kommen.

Foto: Luciano Balbo

Luciano Balbos Frau ist seine schärfste Kritikerin. „Du vergisst, wie alt du bist“, sagt sie manchmal. Und der ehemalige Private-Equity-Manager findet, in diesem Punkt habe sie durchaus recht. In seinem Geschäftsleben hat er erreicht, was er erreichen konnte. Er baute Italiens ersten Risikokapitalfonds auf, arbeitete hart und verdiente Millionen. Mit Mitte 50 dann wollte er kürzer treten, sich nicht mehr so viel zumuten. Er verkaufte seine Anteile an der erfolgreichen B & S Private Equity und sattelte um ins Soziale.

Balbo gründete Italiens ersten Social-Venture-Fonds. Er sammelte Geld bei Freunden, einstigen Kollegen und seinem weiteren Netzwerk, um ein neues Modell der Wohltätigkeit auszuprobieren. Den Anlegern versprach Balbo keine Zinsen für ihr Geld, sondern soziale Verbesserungen. Sein „Oltre Venture“ – ein ungewöhnlicher Name, der übersetzt so etwas wie „mehr als ein Wagnis“ bedeutet – setzt dort an, wo in Balbos Augen sowohl der Staat als auch der Markt versagen.

Er hilft Italiens gebeutelter unterer Mittelschicht, nicht den ganz Armen und Kranken, sondern denjenigen, die es noch aus eigener Kraft schaffen können. Vor allem in drei Bereichen ist Oltre aktiv: im sozialen Wohnungsbau, im Gesundheitswesen und bei Hilfen für Unternehmensgründer speziell aus Einwandererfamilien. Balbo verteilt keine Geschenke. Er eröffnet Chancen, etwa für alleinerziehende Mütter. Sie sind eine der Zielgruppen für Oltres Wohnprojekte in Turin und Mailand. Für ein Apartment in einem der modern designten Wohnblöcke zahlen sie weniger Miete als auf dem freien Markt. Und sie finden bessere Bedingungen. Einen Kindergartenplatz gleich vor Ort etwa sowie ein stabiles Umfeld. So können sie arbeiten gehen und den sozialen Abstieg abwenden.

Balbo ist inzwischen über 60 und er arbeitet mehr denn je. Und das nicht, weil ihn das Schicksal der Menschen so berührt, denen er hilft. „Es geht mir nicht um die einzelne Person, noch nicht einmal um das einzelne Projekt“, sagt Balbo. „Meine Liebe gilt dem Konzept.“ Und wenn er das erläutert, ist Balbo ganz Analytiker, ganz Private-Equity-Stratege. Balbos Konzept heißt „sozial verantwortlicher Reichtum“. Nie war die Menschheit so reich wie heute.

Balbo ist eigentlich ein rationaler Typ

Der Wohlstand in Händen von privaten Individuen ist nach Schätzungen der amerikanischen Notenbank etwa vier Mal so hoch wie das auf der gesamten Welt im Jahr erwirtschaftete Bruttosozialprodukt. Ein Drittel dieses Reichtums sind liquide Mittel. „Das ist der Stoff, aus dem die Blasen sind“, sagt Balbo, ob an den Immobilien-, Aktien- oder Anleihenmärkten. Denn irgendwo muss das Geld ja angelegt werden. Hier setzt Balbo an. Er will die Reichen daran beteiligen, die Welt ein bisschen besser zu machen. Und da er Italiener ist, in Mailand aufgewachsen, mit einem Wochenendhaus in Venedig, macht er in seiner Heimat den Anfang.

Es müsse schließlich im ureigensten Interesse aller Reichen Italiens sein, dass die Armen nicht ärmer werden, die Kluft zwischen Nord und Süd nicht größer wird, die Zahl der Arbeitslosen nicht weiter steigt. Wer wünsche sich schon „griechische Verhältnisse“ mit Demonstrationen und sozialen Unruhen? Balbo erklärt seine Ideen gelassen, ohne emotionalen Überschwang. Der studierte Physiker liebt die klaren Linien, so wie auf den Bildern in seinem Büro. In dem Altbau in der Mailänder Innenstadt hängen große Gemälde in Grau- und Brauntönen. Menschen sind darauf nicht zu sehen, dafür aber viele klare Linien. Der Künstler Alessandro Papetti hat Industrieobjekte aus dem 20. Jahrhundert festgehalten. Von seinem Schreibtisch schaut Balbo in eine klar strukturierte, menschenleere Werkhalle.

„Ich bin ein rationaler Typ. Es macht mich glücklich, wenn die Dinge funktionieren“, sagt Balbo. Sein Plan, die Regeln des großen Geldes auf soziale Vorhaben zu übertragen, funktioniert, so scheint es. Im Jahr 2002 – er hatte gerade die Investitionen eines großen Fonds-Projekts abgeschlossen – stieg Balbo aus seiner Private-Equity-Firma aus. Er verzichtete auf „die Macht“, wie er es nennt, mit zwei Sekretärinnen und einer Limousine.

Mit zwei jungen Leuten machte sich Balbo daran, Konzepte zu entwickeln. In dieser „ersten Phase“ investierte der Finanzstratege seine Arbeitszeit, seine Kontakte und außerdem rund 800.000 Euro seines eigenen Geldes. Etwa die doppelte Summe sammelte er zusätzlich bei Freunden und Bekannten aus der Finanzbranche ein. Drei Jahre lang schaute sich Balbo mit seinem Team Modelle für soziale Projekte an. In neun Projekte investierte er, nahm Posten in Aufsichtsräten an. „Das war meine Lehrzeit“, sagt er heute. Er blickte in verschiedene soziale Bereiche – von der Altenpflege über Krankenhäuser bis zur Unterstützung der Ärmsten.

Es folgte die Phase zwei. Mehr als acht Millionen Euro sammelte Balbo dafür bei reichen Investoren ein. Große Versprechungen machte er ihnen nicht. „Ihr seid Pioniere“, sagte er. „Und Ihr habt das Risiko, viel zu verlieren. Wenn es aber funktioniert, dann gestalten wir gemeinsam einen dritten Weg zwischen Markt und Staat.“ Balbo will dort ansetzen, wo der Staat sich nicht mehr kümmert – Ende der 80er-Jahre zog er sich zum Beispiel aus dem sozialen Wohnungsbau zurück – und wo der Markt nicht greift. Er schafft ein Angebot in Bereichen, in denen keine oder nur eine geringe Rendite zu erwarten ist und hilft damit der Unterschicht.

Bisher scheint Balbos Konzept aufzugehen. 180 neue Wohnungen in Turin und Mailand sind bis Ende dieses Jahres gebaut, im kommenden Jahr sollen weitere 100 dazu kommen. Ein Altenheim und drei medizinische Zentren sind entstanden. Für einige der Objekte interessieren sich bereits private Investoren, die sie unter den Auflagen von Oltre weiter betreiben wollen. Gut im Geschäft ist auch der dritte Schwerpunktbereich von Oltre, neben dem sozialen Wohnungsbau und der medizinischen Versorgung: Die Vergabe von Mikrokrediten an potenzielle Kleinunternehmer und Selbstständige.

Seit 2008 hat die von Oltre geförderte Firma Permicro Kleinstkredite im Wert von insgesamt 2,5 Millionen Euro vergeben. Rund 600 Einzelpersonen oder Familien half Permicro mit Krediten von 1000 bis zu 15.000 Euro beim Sprung in die Selbstständigkeit. 80 Prozent der Empfänger waren Einwanderer. In 25 Städten Italiens hat Permicro inzwischen eigene Kreditberater, Tendenz steigend. Die Hilfen von Oltre richten sich an eine Schicht, mit der Balbo sich auskennt: die untere Mittelschicht Italiens.

Der Staat zieht sich zurück

Hier hinein wurde Balbo geboren. Sein Vater arbeitete als einfacher Versicherungsangestellter in Mailand und schaffte in den 50er- und 60er-Jahren mit harter Arbeit den Aufstieg ins mittlere Management. Heute, findet Balbo, sind die Strukturen oft festgefahrener, die Grenzen zwischen den Schichten nicht mehr mobil. Hinzu kommt, dass der Staat sich aus immer mehr Bereichen zurückzieht. Nicht nur der soziale Wohnungsbau fiel weg, auch immer mehr Gesundheitsdienste, vom Zahnersatz bis zur Physiotherapie, bekommen die Bürger nur noch auf eigene Rechnung.

Luciano Balbo ist, acht Jahre nach seinem Start als Sozialunternehmer, nun bereit für die Phase drei. Er will Reiche über sein persönliches Netzwerk hinaus anzapfen. „Wir brauchen 25 bis 30 Millionen Euro, um nachhaltig zu werden“, sagt Balbo. Mit zwei Banken ist er über eine Bond-Lösung im Gespräch. Wohlhabende mit einem liquiden Vermögen von mehr als 500.000 Euro, so ist der Plan, könnten diese Bonds zeichnen. Den nominellen Wert bekommen sie zu einem bestimmten Zeitpunkt garantiert zurück. Mit den Zinsen auf das Kapital arbeitet Oltre für seine Sozialprojekte. Vorbilder für solche Sozial-Bonds gibt es in den USA, zum Beispiel bei der Calvert Foundation in San Francisco.

„Mit diesem Schritt würde Oltre deutlich größer und zugleich unabhängiger von meiner Person“, erklärt Balbo, der einen Sohn und eine Tochter hat, aber nicht in „Dynastien denkt“, wie er sagt. Seiner Idee von „sozial verantwortlichem Reichtum“ käme er auf jeden Fall einen Schritt näher. Soziale Bonds böten „all dem Geld da draußen“ eine sichere, aber eben auch eine soziale Anlage-Alternative. Balbo wünscht sich, dass dieses Konzept überall und immer wieder kopiert wird. „Wir haben einen offenen Quell-Code, jeder soll von uns lernen können“, sagt er.

Wenn Balbo von dieser großen Lösung spricht, davon, wie sich die Idee unabhängig von ihm weiter entwickeln und wie sie die Welt verändern könnte, dann kommt der sonst so rationale Manager ins Schwärmen. „Zum ersten Mal in meinem ganzen Berufsleben brenne ich wirklich für ein Projekt“, sagt Balbo, und das spürt man. Sein Job früher sei schon nicht schlecht gewesen, interessant und analytisch und natürlich lukrativ. „Aber doch nichts wirklich Besonderes.“ Das ist jetzt anders. Jetzt geht es um das große Ganze, um den echten Sinn im Leben. Dafür lohnt es sich zu arbeiten – auch 14-Stunden-Tage, selbst wenn die Frau den Kopf schüttelt. „Dieses Projekt“, sagt Balbo, „ist zum Traum meines Lebens geworden.“

Dieser Artikel ist mit Unterstützung von Active Philanthropy entstanden. Die gemeinnützige Organisation begleitet Familien beim Stiften und Spenden. Sie informiert und vernetzt Menschen, die Geld und Zeit strategisch und nachhaltig für gute Zwecke einsetzen wollen .