Philanthropen

Arend Oetker ist Manager und Mäzen zugleich

Der erfolgreicher Unternehmer ist auch einer der mächtigsten Ehrenamtlichen in Deutschland. Seine Passion ist es, Menschen zusammenzubringen.

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Arend Oetker holt aus und führt den rechten Arm mit großer Geste über sein Publikum. „100 Prozent Ihrer Beiträge gehen an die Wissenschaft“, sagt er. Das „Ihrer“ zieht er zur Armbewegung in die Länge. Es ist sein Auftritt, seine Bühne. Zu Füßen des Unternehmers und Mäzens sitzen über 1000 Wissenschaftler, Unternehmer, Manager und Politiker. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bundespräsident a.D. Richard von Weizsäcker sind zum 90. Geburtstag des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft ins Konzerthaus am Berliner Gendarmenmarkt gekommen. Oetker ist seit zwölf Jahren Präsident des Verbandes. Der Festakt ist ein Heimspiel.

Noch eine Woche später erinnert er sich, an welcher Stelle der erste Applaus im Saal aufbrandete. „Da wusste ich, ich habe die Menschen abgeholt“, sagt Oetker beim Gespräch in seinem Berliner Büro. Vor jeder Rede überlege er sich, „wie kann ich die mitnehmen, die da gerade sitzen“. Er will Menschen für sich und seine Ideen begeistern.

Der Urenkel des Bielefelder Lebensmittelfabrikanten August Oetker, der das Erbe seiner Mutter sanierte, ist nicht nur erfolgreicher Unternehmer. Er ist auch einer der einflussreichsten Ehrenamtlichen in Deutschland. Den „Multi-Funktionär der deutschen Wirtschaft“ nannte ihn der Autor Rüdiger Jungbluth in seiner Oetker-Biografie. Gleich in vier gewichtigen Organisationen hat er bis heute führende Ämter inne; kaum ein anderer hat eine solche Machtfülle im deutschen Verbändestaat. Oetker ist Vizepräsident im Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI), Präsidiumsmitglied der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP). Darüber hinaus engagiert er sich als Geldgeber und Berater für Projekte in Kultur und Wissenschaft: Er ist Förderer der Leipziger Galerie für Zeitgenössische Kunst, er unterstützte die Sanierung der Lübecker St.-Petri-Kirche und die Stiftung „Freunde von Bayreuth“. Er ist Aufsichtsratsvorsitzender der Berliner Philharmoniker GmbH und initiierte die Stiftung Atlantik-Brücke, die sich für die deutsch-amerikanische Freundschaft einsetzt.

Einen Masterplan dahinter, ein klares System seiner Wohltaten, sieht er selbst nicht. Es kam eines zum anderen. Von der Musik und der Bühne war er schon als kleiner Junge fasziniert. Drei Jahre lang sang er im Opernchor des Landestheaters Detmold, tingelte als Chinese in Puccinis „Turandot“ und Gralsritter bei „Parzival“ über Bühnen im Westfälischen. Das Unternehmertum war ihm, dem ältesten Sohn, in die Wiege gelegt. Dazu kam das Interesse für Kunst und Musik – und die Begeisterung für die Wissenschaften und das Thema Bildung.

Dass er sich mit dem Engagement auf so vielen Gebieten verzetteln könnte, fürchtet Arend Oetker nicht. Sein Vorbild ist der „Renaissance-Mensch“ mit weit gefächerten Interessen. Und er schwärmt von den Synergieeffekten.

Oetkers Passion ist es, Menschen zusammenzubringen. Eine Idee zur Wohltätigkeit ist für ihn nur dann gut, wenn er auch andere dafür begeistern kann. Deshalb geht er als Mäzen und Stifter nie allein. Keines der von ihm unterstützten Projekte trägt seinen Namen. Darin unterscheidet sich Oetker von vielen anderen Wohltätern im Land. „Anstifter“ nennt er sich gern. Er möchte sein Geld, seinen Namen und seine Kontakte hebeln. Mindestens einen Multiplikator von 1:2 soll ein Projekt haben, das er unterstützt. Er gibt etwas – und es müssen sich andere finden, die zusammen noch einmal das Doppelte drauflegen. Gäbe es eine „Arend-Oetker-Stiftung“, ließen sich nur schwer Zustifter motivieren, sagt er. „Die erwarten, dass der, der schon seinen Namen gibt, auch das Geld gibt.“

Bestes Beispiel für Arend Oetkers Arbeit ist die Galerie für Zeitgenössische Kunst Leipzig. Auf einer Reise durch die DDR im Sommer 1989 hörte Oetker eine Idee, die ihn begeisterte. Vor dem Gremium Bildende Kunst des Kulturkreises der deutschen Wirtschaft im BDI – eine der vielen Gruppen, der er vorsitzt – sprach der Kunsthistoriker Klaus Werner. Er träumte von einem „Stiftermuseum“ mit Werken von Künstlern aus Ostdeutschland. Oetker tat, was er besonders gut kann. Er brachte Menschen zusammen, ermunterte und packte mit an. Gemeinsam mit 32 anderen gründete Oetker einen Förderkreis und stellte Stadt und Land eine ansehnliche Summe für eine Galerie in Aussicht. Voraussetzung: Die öffentliche Hand stockt den Betrag noch einmal auf. Es entstand eine sogenannte Public Private Partnership – ein Gemeinschaftsprojekt von Staatlichen und Privatleuten. 1998 eröffnete eine renovierte Gründerzeitvilla im Leipziger Musikerviertel, 2004 kam ein 1000 Quadratmeter großer Neubau hinzu. Einen wesentlichen Teil des Betriebes finanziert bis heute Arend Oetker.

Auch mit über 70 Jahren sprüht der Mäzen noch vor Begeisterung für Ideen. Bei dem Gespräch in seinem Büro berichtet er von einem Projekt zum Thema „Theologie und Islamwissenschaften an deutschen Hochschulen“, das der Wissenschaftsrat mit Unterstützung des Stifterverbandes gerade durchgeführt habe. Weitere Projekte sind bereits in der Spur. Gemeinsam mit der BMW-Erbin Johanna Quandt etablierte das Ehepaar Oetker den Internationalen Liedwettbewerb unter der Leitung des Startenors Thomas Quasthoff. Oetker ist Träger und Beirat des Projekts „Schule mit Zukunft Leipzig Ost“, das helfen soll, die verschiedenen Bildungseinrichtungen in dem Problembezirk, vom Kindergarten bis zu den Berufsschulen, miteinander zu verzahnen.

Bei den vielen Sitzungen, die er Tag für Tag absolviert, hat Oetker einen klaren Anspruch an sich: „In jeder Sitzung muss ich einen Beitrag leisten“, sagt er. „Es muss mir gelingen, einen Gedanken einzubringen. Wenn ich das nicht mehr kann, dann muss ich abtreten.“ Oetker, aufgewachsen im reformierten Ostwestfalen-Lippe, ist Calvinist. Daher rühre vielleicht „eine gewisse Strenge“ gepaart mit Disziplin und Pflichtgefühl, sagt er.

Max Weber beschrieb Calvinisten aufgrund ihrer Arbeitsmoral als Wegbereiter des modernen Kapitalismus. Viele von ihnen waren erfolgreiche Unternehmer. So auch Arend Oetker. Seine Mutter hatte weniger lukrative Teile des Familienkonzerns geerbt. Neben dem Marmeladenhersteller Schwartauer Werke gehörten ihr etwa Aktienpakete an einer Nähmaschinenfabrik und an einem Druckhaus sowie einem Getränkehersteller. Als das Unternehmen in den 60er-Jahren in die Krise geriet, stieg der damals 28-jährige Arend ins Management ein. „Ich musste retten, was zu retten war“, sagte er einmal. Als Sanierer erzielte er Erfolge, sodass ihn sein späterer Schwiegervater Otto Wolff von Amerongen 1986 zum Vorstandschef seines krisengeschüttelten Stahlkonzerns machte.

Wieder gelang Oetker ein Turnaround. Im Jahr 1990 verkauften Wolff von Amerongen, Oetker und einige andere Mitglieder der Familie ihre Anteile für eine stattliche Summe an den Stahlriesen Thyssen. Die Anteile an den Schwartauer Werken dagegen hält Oetker bis heute. Auch der schweizerische Lebensmittelkonzern Hero AG sowie Beteiligungen an verschiedenen Rohstoffhändlern, an einer Fährgruppe und einem Saatguthersteller gehören heute zur Dr. Arend Oetker Holding.

Gefragt, wofür er im Gedächtnis bleiben möchte, wenn er einmal nicht mehr ist, gibt sich der Vater von fünf Kindern nüchtern. „Ach, die Erinnerung, die nimmt doch sehr schnell ab.“ Aber das sollen die Menschen schon über ihn sagen: „Er hat versucht, zu tun, was in seinen Kräften stand.“ Viel mehr nicht. „Man kann nicht alles absichern, nicht alles bestimmen“, findet Oetker.

Solange er aber noch da ist, so lange möchte er die Zukunft mitgestalten. Ein „Haus der Zukunft“, das ist sein Anstoß auf der Feierstunde des Stifterverbandes am Gendarmenmarkt. Berlin solle nicht nur eine Stadt der Denkmäler sein. Die Wissenschaft und die Wirtschaft brauchten einen zentralen Ort der Zukunft in der Hauptstadt. Das ist der Gedanke, den Arend Oetker heute aufgreift. Dafür bekommt er Applaus vom Publikum. Dafür, glaubt er, könne man die Menschen begeistern. Sie anstiften vielleicht.

Dieser Artikel ist mit Unterstützung von Active Philanthropy entstanden. Die gemeinnützige Organisation begleitet Familien beim Stiften und Spenden. Sie informiert und vernetzt Menschen, die Geld und Zeit strategisch und nachhaltig für gute Zwecke einsetzen wollen.